Mutig und geradezu genial ist dieses Konzert der Kantorei der Reformierten Stadtkirche gelungen. Es ist ein Beitrag zu 500 Jahre Reformation und zeigt, dass Aufbruch zu neuen Ufern immer möglich ist. Dieses Konzert zu erleben, ist allen Musikfreunden zu wünschen, die sich nicht nur an klassischer Musik orientieren. Am Mittwoch, 1. November, ist dazu um 17 und 20 Uhr in der Katholischen Kirche St. Niklaus nochmals Gelegenheit.

Ein eindringliches Werk

Geglückt ist dem 16-köpfigen Kantorei-Chor in der Musik zu Allerheiligen unter der Leitung von Markus Cslovjecsek mit den Kompositionen von Ben Jeger ein eindringliches Werk, das vielfältige und einprägsame Bilder und Gefühle hervorruft. Es spannt mit Musik und Poesie den Bogen vom Schweizer Volkslied «Schönster Abestärn» über den trauervollen Herbsttag von Rainer Maria Rilke, gestaltet als beachtliches Chorwerk, zu Christian Morgenstern, dem englischsprachigen «The twilight turns» von James Joyce bis zur «Fliegerin» vom zeitgenössischen Schriftsteller Klaus Merz, der in Solothurn in der Stadtkirche zugegen war.

Das Tiefberührende dieses Konzertes, das abschliessend stürmisch gefeiert wurde, bestand neben den inspirierten Singstimmen aus deren wunderbar fantasievoller Begleitung und den oftmals ätherischen Zwischenmusiken, die beide wie prachtvolle Klanggemälde wirkten.

Komponist Ben Jeger verlieh als begleitender Instrumentalist an Akkordeon, Glasharfe und Singender Säge gemeinsam mit dem Cellisten Martin Birnstiel allen Vorträgen weit dimensionierte, vielfarbige Tonalität, die zudem mit gelegentlichem Einsatz federnder Rhythmen für eigenwillige Spannung sorgte. Jegers Kompositionsstil verfügt über eine Ursprünglichkeit, die im Einsatz der Instrumente, aber auch in den Chorsätzen für berührende tonmalerische Akzente sorgt.

Das Licht der Liebe

Wer sich auf dieses experimentelle Ausloten in der Interpretation der Texte einlässt, fühlt sich tief bewegt durch ausdrucksstarke Motive in Wort und Musik. Als Beispiel dient das Gemeindelied aus dem Kirchengesangbuch «Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig», (Text Michael Frank, Melodie Johann Crüger, beide frühes 17. Jahrhundert), das achtstrophig kurz rezitiert vom Chorleiter über unser vorübergehendes Leben und Glück berichtet. In der musikalischen Deutung entsteht daraus eine Synthese aus barock-vertrauter Kompositionsweise und zeitgenössischer Satz- und Instrumentationskunst.

In eine zauberhafte Form mit leichtfüssigen Walzertakten kleidet Jeger das Merz-Gedicht ein über «Ellen, die darauf bestand, ein Insekt zu sein». Und tatsächlich beflügelt davonfliegt. Das Programm, das sich in inhaltlicher Logik auf Assoziationen stützt, ist als Ganzes zu betrachten, das zwar an die Vergänglichkeit irdischer Güter erinnert, aber bis zum nochmals abschliessend gesungenen «Abestärn» das Licht der Liebe über unser Dasein giesst.

Übrigens: Der Begriff «Quatember» vom Lateinischen Ieiunia quattuor tempororum ist keine Erfindung der Kantorei. Papst Gregor führte ihn als Zeitspanne mit Fasten, Gebet und Almosengabe zu Beginn der vier Jahreszeiten im 11. Jahrhundert ein, um an die Schöpfung zu erinnern.