Francisco Sierra (*1977 in Santiago de Chile, seit 1986 in der Schweiz) gehört zu den eigenwilligsten Persönlichkeiten der jungen Schweizer Kunstszene. Die Eigenständigkeit seines künstlerischen Schaffens, in dem sich Zeichnung, Malerei, Objekt und Installation finden, zeichnet sich nicht nur durch handwerkliche Virtuosität, sondern auch durch Poesie, Witz und Hintersinn aus. Das Kunstmuseum Solothurn zeigt nun erstmals einen Überblick seiner Arbeiten auf Papier, die im Grafischen Kabinett nach Techniken getrennt vorgestellt werden. Die drei Säle nehmen die drei hauptsächlich verwendeten Techniken auf: Gouache, Kugelschreiber- und Farbstiftzeichnung.

Bei den Kugelschreiber- Zeichnungen fällt die Dialektik von einfachem Notat und minutiöser Fingerübung, von surreal Erfundenem und haptischer Gegenständlichkeit besonders auf: Zeigt sich bei einigen Blättern und ihren naiv berührenden Figuren eine gewisse Nähe zum Comic oder zu Kinderbuch-Illustrationen, verblüfft bei andern die handwerkliche Meisterschaft in der Erzeugung illusionistischer Wirkungen.

Als ausgebildeter Geiger an stundenlanges Üben gewöhnt, ist Sierra handwerkliche Virtuosität nicht verpönt. Bemerkenswert ist eine mit blauem Kugelschreiber gezeichnete Serie mit dem Titel «Les obstacles» (2010), in der uns der Künstler Steine (des Anstosses) als Trompe-l’Œil vor Augen führt.

Als «Hindernis» kann sowohl die schwierige Übung des Zeichners wie die Versuchung des Betrachters verstanden werden, der zwischen dem Abbild und dem Prozess des Abbildens zu unterscheiden hat. Doch sind auch die scheinbar einfachen Comic-Figuren und räumlichen Situationen auf den zweiten Blick weit vertrackter als angenommen. Liebevolle Einfühlung und ironische Distanzierung halten sich in Sierras Zeichnungen die Waage.

Obwohl manche Figuren von Sierras Blättern in Bildern oder Skulpturen wiederkehren, handelt es sich bei vielen Arbeiten auf Papier um eigenständige Kunstwerke. Die Wahl der Technik erfolgt immer überlegt.

So wirkt etwa die Wahl des Farbstifts, der landläufig mit der Harmlosigkeit von Kinderzeichnungen verbunden wird, in der fulminanten Serie Fleisch (2004/05), pointiert. Mit stupender Technik und enzyklopädischem Anspruch gibt Sierra rohe Fleischstücke verschiedener Schlachttiere wieder, isoliert und beleuchtet ihre Realität in der Manier wissenschaftlicher Zeichnungen.

Eine besondere Fülle inhaltlicher und technischer Zugänge zeigt sich in den Gouachen: Wirken die aufs weisse Blatt getupften farbigen Muster oder Objekte in ihrer Leichtigkeit wie traumhafte Einfälle oder flüchtige Erinnerungsfetzen, gleichen die minutiös ausgeführten Arbeiten an die parallel entstehenden kleinformatigen Ölbilder. Das Moment des Surrealen und Metaphorischen tritt im flüssigen Medium der Gouache am häufigsten auf.

Die Ausstellung wird ergänzt durch wenige plastische Arbeiten.

Kunstmuseum Solothurn. Bis 2. 2. 2014.