Verenaschlucht
Die Verenaschlucht ist Solothurns «Walk of Fame»

An vielen Stellen in der Verenaschlucht sind heute unbekannte Promis von früher verewigt. An Felswänden und -blöcken finden sich hier die Namen von fast vergessenen Wohltätern und Gelehrten.

Wolfgang Wagmann
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Entlang Solothurns «Walk of Fame» durch die Verenaschlucht
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Doppelt gemoppelt: Die Naturforscher Franz Josef Hugi und Franz Vinzenz Lang beanspruchen eine halbe Felswand.
Die Steinbank erinnert nicht an die Wagenbauzunft der «Hudibras-Chutze», sondern an den Aufklärer und Verleger Franz Josef Gassmann.
Der Industrielle: Gedenktafel für Johann Kottmann in Goldlettern.
Der «gemeinnützige» Banker: Auch Franz Brunner ist verewigt.
Der Schützer des Waldes: Inschrift für Oberförster Georg Scherer.

Entlang Solothurns «Walk of Fame» durch die Verenaschlucht

Wolfgang Wagmann

«Kurt Fluri, Stadtpräsident und Bewahrer des Stadttheaters». Darunter zwei Jahrzahlen. Oder: «Pipo Kofmehl, Freund der Jugend.» Auch «Alex Oberholzer, Retter der Bäume» wäre denkbar. Doch darunter stets die zwei Jahrzahlen. Die brauchts. Denn lebendig hats ausser einem keiner geschafft, in Stein gehauen verewigt zu werden - in der Einsiedelei.

Nun, die Geschmäcker haben sich geändert. Aber im 19. Jahrhundert war es absolut üblich, für lokale Grössen ein Stück Felsen zu opfern. Oder gar einen Hinkelstein hinzustellen. Ein Personenkult, der heute undenkbar ist. Doch damals gang und gäbe. Ein kleiner Spaziergang durch den Solothurner «Walk of fame».

Er macht die Ausnahme. Der «Erfinder» der Verenaschlucht. Baron de Breteuil, französischer Minister, als Folge der Revolution 1789 nach Solothurn geflohen, schuf den Weg entlang des Bachs. Und erinnerte noch zu Lebzeiten, 1791, an seine Grosstat. Nach dem Einmarsch der Franzosen 1798 zerstörten die Patrioten die lateinische Inschrift im Fels. Erst 1854 war die Zeit reif für die Renovation. Etliche Jahre vor dem Baron starb 1802 der Verleger Franz Josef Gassmann. Sein Pseudonym Hudibras tarnte den Revoluzzer und Verleger satirischer Wochenblätter während der Zensur vor dem Franzoseneinfall. Was ihn kurzfristig doch in U-Haft brachte. Und ihm erst 1836 die Inschrift «Hudibras» auf seinem steinernen Lieblingsbänkli - denn zuvor musste 1830 in Solothurn der Rest des Ancien Régimes weggefegt werden.

Den «Schoggiplatz» in der Schlucht beansprucht glasklar Alfred Hartmann. Dem Herausgeber des «Postheiri» und Gründer der Töpfergesellschaft widmete diese 1902 eine Inschrift direkt über der prominent gelegenen Arseniushöhle, die direkt nach der Einsiedelei in die Felswand gehauen ist. Der 30. September 1902 ist zugleich das letzte Datum, an dem die Einsiedelei zu Ehren verblichener Solothurner angetastet wurde. Allerdings in grossem Stil: Denn gleichzeitig mit Hartmann erhielten auch die beiden Naturforscher Franz Joseph Hugi und Franz Vinzenz Lang eine gemeinsame, mächtige Inschrift weiter unten in der Schlucht. Hugi, bekannt durch seine naturhistorischen Alpenreisen, war damals schon 47 Jahre vorher verstorben, Lang dagegen erst 1899. Noch im selben Jahr hatte die Naturforschende Gesellschaft Solothurn das Anbringen der Inschrift beschlossen - und am St. Ursentag drei Jahre später feierlich vorgenommen. Nach dem Festakt für das verewigte Trio trat übrigens ein gewisser Dr. Gressly sogar im Garten des Bargetzi-Restaurants als «Postheiri» auf. ,

Doppelt gemoppelt wurde jedoch schon früher: im Mai 1883 erhielten der «gemeinnützige Banquier» Franz Brunner - obwohl schon 1868 verstorben - und der Industrielle Johann Kottmann ihre jeweils separat eingehauene Gedenktafel. Es entsprach durchaus dem Zeitgeist, dass Leute aus der Wirtschaft so für ihre Verdienste gewürdigt wurden. Kottmann, schon kurz nach seinem Tod, während man die Absicht, auch Brunner zu ehren, schlicht vergessen hatte, und erst durch den Gewerbeverein, der Kottmann gedenken wollte, auch auf den Banker gekommen war. Dieser hatte sich um die Armenfürsorge verdient gemacht und eine Stiftung von 100 000 Franken zugunsten des Bürgerspitals errichtet. Fussnote zu Johann Kottmann: Er war gar nie Mitglied des Gewerbevereins gewesen...

Im Grab umdrehen würde sich vielleicht Oberförster Georg Scherer. Hätte der «Pfleger und Schützer des Waldes» heute noch Freude an der aufdringlichen Schrifttafel mitten in den pittoresken Felsklüften? Für den als pflichttreu und fleissig geltenden Beamten wurde aber schon ein Jahr nach seinem Ableben 1871 zu Hammer und Meissel gegriffen.

Ein noch gröberes Kaliber fand sich für Robert Glutz-Blotzheim: Der 1818 mit nur 32 Jahren verstorbene Historiker wurde schon 1820 durch die Literarische Gesellschaft mit einem speziell herbeigekarrten, rundlichen Granitfindling am Ufer des Verenabachs bedacht. Kostenpunkt: 160 Franken und 25 Rappen für die Arbeit von Urs Biberstein, dessen gehauene Inschrift noch mit schwarzer Ölfarbe ausgemalt wurde.

Ölfarbe nötig hätte der Schriftzug auf dem von der Kreuzen mitten in den Bach verpflanzten, mächtigen Findling, gewidmet dem Geologie-As und Stadtoriginal Amanz Gressly. Es handelt sich um den «Teufelstein», den gemäss der Legende Satan der Heiligen Verena nachgeworfen haben soll. Gressly - übrigens wie viele seiner «Kollegen» in der Schlucht zusätzlich mit einem Solothurner Strassennamen geehrt - erhielt 1866, drei Jahre, nachdem er erst 51-jährig gestorben war, seine «Einsiedelei-Weihe» durch die Töpfergesellschaft.

Doch Moos und Farne lassen heute kaum mehr ersehen, wem auf dem «Teufelstein» gedacht wird. Vielleicht ist in Jahrhunderten nur noch der Name Gressly zu erahnen - und die Deutungen werden variabel: Lorbeer für einen Gressly, der bis zuletzt für die alte Sesselbahn gekämpft hatte? Doch was ist mit dem «gemeinnützigen Banquier», von dessen Namen Wind und Wetter nur noch zwei letzte Buchstaben - «...er» - hinterlassen haben? Galt diese Tafel vielleicht gar dem Promoter der neuen Gondelbahn? Wir sehen: Auch in Stein gemeisselt heisst nicht Ruhm auf ewig.

Quelle: «Denkmäler in Solothurn und der Verenaschlucht» von Daniel Schneller und Benno Schubiger, Lüthy Verlag 1989.