Theaterpremiere

Die Tragikomödie «Popoch – Die Arbeit des Lebens» ist in Solothurn zu sehen

Leviva (Naomi Krauss) und Jona (Daniel Hajdu) zoffen sich, doch Gunkel (Urs Bihler, im Bett) meint, sie sollen froh sein, einander zum Anbellen zu haben.

Die Tragikomödie «Popoch – Die Arbeit des Lebens» von Hanoch Levin ist als Schweizer Erstaufführung am Tobs in Solothurn zu sehen. Ein Stück über die erschütternde Banalität des Lebens.

Alles ganz banal: die Liebe, die Ehe, das Leben, der Tod. Banal auch der Schmerz über diese Erkenntnis. Die Tragikomödie «Popoch – Die Arbeit des Lebens» des israelischen Autors Hanoch Levin zeigt da auch keinen Ausweg. Im Gegenteil: So geht’s uns doch allen, oder?

Das Theater Orchester Biel Solothurn Tobs bringt das Stück in Koproduktion mit neuestheater.ch Dornach als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne (Uraufführung 1989, Tel Aviv). Die Inszenierung von Georg Darvas verführt den Zuschauer kaum zum Lachen, kaum zum Weinen. Auch er soll sich – wie die Protagonisten des Stücks – über sein banales Dasein nicht erheben dürfen. Das Ehepaar Jona und Leviva Popoch ist seit 30 Jahren verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus. Die Handlungen des Partners sind vorhersagbar geworden, die Achtung voreinander ist auf den Nullpunkt gesunken, und die plötzliche Sehnsucht nach Schönheit und Spiritualität kollidiert mit der Bedeutung der Zubereitung von Nudelsuppe oder Hering. So wacht Jona (überzeugend leidend: Daniel Hajdu) eines Nachts auf, beschliesst, seine klägliche Alltagswelt zu verlassen, schmeisst seine Frau Leviva (facettenreich-tapfer: Naomi Krauss) in der Folge «wie Müll» aus dem Bett. Das Weltschmerzbündel Jona – geschnürt aus Selbstmitleid und Angst vorm Tod – sieht nichts Gutes mehr, wittert nur noch «abgenutzte Fragen und abgenutzte Antworten». Das schmerzt. Den Zorn und die Hilflosigkeit darüber bekommt Leviva ab, die zwar pragmatischer veranlagt ist und festhält, ihr Leben bis jetzt in Würde gelebt zu haben, aber auch ihre Ängste hat. Kurz, das Paar fetzt und demütigt sich aufs Heftigste.

«Ihr habt wenigstens einander»

Da schneit Nachbar Gunkel (liebenswürdig-kauzig: Urs Bihler), vom Licht im Schlafzimmer beunruhigt, herein. Einsamkeit und die Angst, allein zu sterben, haben ihn ganz klein gemacht: Dem «Gunkelchen» geht es noch viel schlechter als dem Ehepaar – «Ihr habt jedenfalls einander zum Anbellen». Jona und Leviva verbünden sich gegen ihn, doch natürlich hält diese Allianz nicht. Jonas: «Es gibt keinen Ausweg, wir sind alle Gunkel.» Leviva aber will bei Jona bleiben, die «Arbeit des Lebens mit ihm zu Ende führen».

Der durchaus jüdische Humor des Autors Hanoch Levin (1943–1999), der sehr viele Theaterstücke schrieb, die vor allem in Israel auf Begeisterung stossen, hält die Zuschauerin, den Zuschauer auf Distanz; lässt jedes Mitleid im Keim ersticken. So wird Jona einst im kalten Grab auf den Messias warten wie auf den «Typen vom Reparaturdienst».

Genial der Epilog: Leviva wendet sich ans Publikum. Sie sucht einen Schriftsteller, einen «edlen und aufmerksamen Menschen», der aus ihrer Lebensgeschichte etwas Schönes machen kann. Genügend Material für eine Story sei ja vorhanden. Und interessieren wird es auf jeden Fall, denn es wird die Geschichte einer jeden Zuschauerin, eines jeden Zuschauers sein.

Das Theater Orchester Biel Solothurn und neuestheater.ch arbeiten seit drei Jahren zusammen. Diese Kooperation wird durch die Förderung des Kantons Solothurn ermöglicht.

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