Solothurner Literaturtage

Die Suche nach der Nachfolge von Bettina Spoerri läuft

Bettina Spoerri passte nicht zu den alten Strukturen der Solothurner Literaturtage.

Bettina Spoerri passte nicht zu den alten Strukturen der Solothurner Literaturtage.

Nach dem überraschenden Rücktritt von Bettina Spoerri stehen an den Solothurner Literaturtagen Veränderungen an. Nicht nur die Geschäftsführung, auch die Strukturen sollen davon betroffen sein. Über eine mögliche Nachfolge kann nur spekuliert werden.

Modell Jaeggi oder Modell Spoerri? Das zwischenmenschlich geprägte Solothurn oder das professionell geführte? So lauten die Fragen, welche die literarische Welt – oder zumindest die literarische Schweiz – in den vergangenen Tagen in Atem hielten.

Denn der Knall, mit dem der Fall «Solothurner Literaturtage und Bettina Spoerri» letztes Wochenende zu einem Reinfall erklärt wurde, beendete nicht nur die einjährige Liaison zwischen der Literaturfrau und dem Festival, sondern richtete den Fokus auch auf die Vereinsstrukturen in Solothurn.

Die Frage ist nicht nur, ob Bettina Spoerri in die Struktur der Literaturtage passe. Sondern umgekehrt: Passt die Struktur noch zu einer professionellen Leitung?

Dass Literatur verbindet, liest man allenthalben. Und was die mannigfaltigen Verbindungen innerhalb der Vereinsstrukturen betrifft, kann Solothurn sich geradezu eine hochliterarische Institution nennen.

Ihre Basis bildet ein 200-köpfiger Verein mit einem Vorstand, der um die strategische Leitung besorgt ist und die Statuten ausarbeitet.

Über das operative Geschäft, also die konkrete Festivalplanung, bestimmt eine dreiköpfige Geschäftsleitung (einer der Geschäftsleiter ist zudem Geschäftsführer – diesen Posten hatte Spoerri inne). Die Auswahl der einzuladenden Autoren stellt eine eigene Programmkommission.

Zwei Drittel der Geschäftsleitung sind auch im Vereinsvorstand

Wie behäbig so ein Gefüge funktioniert, ist nachvollziehbar. Aber damit nicht genug. Denn in Solothurn gehen die Verbindungen zudem kreuz und quer:

«Bis anhin rekrutierte sich der Verein aus ehemaligen Mitgliedern der Programmkommission», erklärt der Solothurner Autor und Geschäftsleitungsmitglied Franco Supino. Auch geografisch bleibt man unter sich: Fünf der acht Vorstandsmitglieder stammen aus Solothurn.

Zudem überlappen sich strategische und operative Planung, wenn zwei Drittel der Geschäftsleitung gleichzeitig Teil des Vereinsvorstands sind und auch in der Programmkommission Mitspracherecht geniessen.

Dass sogar das Vereinsarchiv bisher in einem Privathaushalt gehortet wurde, zeigt, wie viel Mensch in den Strukturen von Solothurn steckt. «L’état c’est moi», pflegte Sonnenkönig Louis quatorze zu sagen.

«Solothurn c’est nous», rumort es vielstimmig aus dem Innern des Literaturfestivals.

Man wisse um die strukturellen Probleme, sagt Vorstandspräsident Pascal Frey. Immerhin: «Im Herbst», so Franco Supino, «wird der Vorstand dem Verein Reformvorschläge unterbreiten.

Neu sollen etwa die operative und strategische Planung getrennt werden.» Wie weit sich die Strukturen bereits dann ändern lassen, kann aber selbst Supino nicht beantworten. Und noch skeptischer tönt es aus dem Hintergrund:

«Die geplanten Strukturänderungen werden vom Verein beargwöhnt, weil dieser die Macht nicht einer Geschäftsführerin überlassen will», befürchtet ein ehemaliges Mitglied der Programmkommission.

Die Suche nach dem goldenen Mittelweg

«Der Vorstand muss sich fragen, welche Art von Geschäftsführer er will», meint Supino. Muss die neue Geschäftsführung in die alten Strukturen passen, oder vielmehr die Strukturen sich einem neuen Geschäftsführungsmodell anpassen?

Solange diese Antwort aussteht, lässt sich über das Profil eines neuen Geschäftsführers nur spekulieren – und genau das soll hier getan werden.

Um den Konflikt um die Kompetenzen auszuschalten, könnte sich die Rolle der Geschäftsführung auf rein repräsentative Aufgaben beschränken.

Als attraktives Aushängeschild der Literaturtage würde sie dem Festival ein Gesicht geben, ohne die althergebrachte Machtverteilung anzutasten. Einen Schritt weiter ginge ein Geschäftsführer in Form eines «Tausendsassa», also eines konzeptstarken Kopfes, der die operative Leitung des Festivals übernähme, ohne sich allzu stark auf das literarische Programm zu konzentrieren.

Die Literaturtage würden so dynamischer und Verein wie Programmkommission könnten einen Teil der Macht behalten. Ein goldener Mittelweg wäre das Modell «Netzpertin».

Also eine vernetzte Literaturexpertin mit Erfahrung in der Konzeptarbeit – zu dumm, dass man es auch als «Modell Bettina Spoerri» bezeichnen kann. Und damit sind strukturelle Veränderungen vorprogrammiert.

Wenn es nicht gelingt, diese gütlich zu lösen, können die Solothurner Literaturtage immer noch einen «Top Dog» in Form eines Kulturmanagers beiziehen. Unter dessen Ägide würde alles innert kurzer Zeit auf die Höhe der Zeit gebracht.

Und wenn schliesslich auch das nichts nützt, empfiehlt die Journalistin den altbewährten Deus ex Machina. Bloss ist dieser in letzter Zeit zugegebenermassen eher selten geworden.

Und weil er sich zudem lieber auf Theaterbühnen tummelt, statt Literaturfestivals zu retten, kann allenfalls auf seinen irdischen Bruder zurückgegriffen werden: einen Literaturpapst. Ein solcher würde allein durch seine Autorität alle Machtkämpfe in Wohlgefallen auflösen.

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