Schon früh hatte sich abgezeichnet, dass im Leben Bernhard Kellers Musik eine zentrale Rolle spielen würde. In der vierten Klasse bekam er eine Handorgel geschenkt, er nahm Stunden. Später im Internat fing er mit Blasmusik an, zuerst auf dem Flügelhorn, danach auf der Posaune. Seine Eltern wollten, dass er eine akademische Karriere einschlug, Pfarrer werde. Aber er wollte Musik studieren. Weil seine Eltern der Meinung waren, Musik sei kein ordentlicher Beruf, absolvierte er eine kaufmännische Lehre, spielte weiter Posaune. Nach der Lehre ging er für vier Jahre als Posaunist einer Dixieland-Band ins Ausland. Angestellt von Amerikanern, spielte er in einer deutschen Band in Clubs überall dort, wo die amerikanischen Soldaten stationiert waren.

1965 hörte er mit den professionellen Auftritten auf und fing an, Blasmusik zu dirigieren, damals noch ohne Dirigentenausbildung. Ab 1967 nahm er Dirigentenkurse bei Professor Königshofer und erwarb mehrere Diplome. 1978 übernahm Keller die Musikgesellschaft Orpund, leitete sieben Jahre die Musik von Ins und erreichte mit dieser an einem internationalen Musikfest den 2. Rang. Von 1996 bis 2000 war er Dirigent der Musikgesellschaft Bettlach.

Angefangen mit 22 Leuten

1972 hatte er seinen ersten Kontakt mit Grenchen: Als Aushilfsdirigent war er ein Jahr lang bei der Stadtmusik «Helvetia», 1998 ein knappes Jahr lang bei der Stadtmusik Grenchen, die er 2001 definitiv übernahm. Sie war 1994 aus dem Zusammenschluss der beiden Musiken «Helvetia» und «Konkordia» entstanden. «Es ging zehn Jahre, bis diese Fusion überwunden war, die beiden Kulturen haben überhaupt nicht zusammengepasst», sagt Keller. Früher sei das eine politische Angelegenheit gewesen: Die «Helvetia» war die freisinnige Musik, «Eintracht» die «Rote», jede mit ihrer Vereinskultur, die frontal aufeinandergeprallt seien.

«Musikalisch wäre das eine gute Sache gewesen. Aber es waren und blieben zwei Gruppen, die zusammen nicht harmonierten», sagt Keller. Erst als alle ehemaligen Musiker der Eintracht zu anderen Musiken abgewandert seien, sei Ruhe eingekehrt. «Die Fusion hat aus meiner Sicht nichts gebracht», sagt Keller. Die Initianten hätten die Idee gehabt, aus zwei 30-Mann-Orchestern ein 60-Mann-Orchester zu bilden, und das sei nicht aufgegangen: «Als ich 2001 die Stadtmusik übernahm, hatten wir gerade mal 22 eigene Leute.»

Zielsetzungen statt Konflikt

Er habe bei der Übernahme klar kommuniziert, dass er am internen Konflikt nicht interessiert sei, sondern an klar definierten Zielsetzungen. Er wolle im Bereich der modernen Unterhaltungsmusik arbeiten und dort etwas erreichen. Die anspruchsvolle Musikrichtung verlange Idealisten, die bereit sind, viel zu arbeiten. Die amerikanische Unterhaltungsmusik ist sehr rhythmisch und anspruchsvoll, aber die Stadtmusik habe das eigentlich gut auf die Reihe gekriegt.

«Der Dirigent bestimmt, wo es lang geht», sagt Keller. Er habe sehr viel Zeit dafür gebraucht, geeignete Literatur für die Besetzung des Orchesters zu finden. Die Arbeit mit der Stadtmusik sei eigentlich fruchtbar gewesen, man habe sehr gute Konzerte präsentieren können und dem Publikum habe das Programm jeweils gut gefallen.

Vor ein paar Jahren riss der Faden

Diverse Erfolge, die Teilnahme am kantonalen Musikfest in Wolfwil 2009 und das dort erzielte hervorragende Resultat zeugten von der guten Arbeit, erklärt Keller. In Grenchen sei der Faden nach dem Höhepunkt in Wolfwil aber gerissen. Die Motivation mancher Musiker sei spürbar geschwunden, man habe sich über den Schwierigkeitsgrad beklagt und die Proben seien immer schlechter besucht worden. «Der ideale Musiker beherrscht sein Instrument, hat Zeit, um zu Hause zu üben und besucht alle Proben mit viel Engagement.» Oft hätten aber ganze Register gefehlt und er habe sein Konzept für die Probe jeweils über den Haufen werfen müssen. «Angesichts der beruflichen Belastung, der man heutzutage ausgesetzt ist, habe ich Verständnis dafür, aber der Sache hat es nicht geholfen.»

Betreffend Nachwuchs habe die Stadtmusik Grenchen dieselben Probleme, wie viele andere Musikgesellschaften auch. Das habe nicht dazu beigetragen, die Situation zu vereinfachen, wenn man auch immer versucht habe, Junge zu integrieren.

Ende einer Ära und neue Ziele

Nun ist die Ära Grenchen vorbei. Der 74-jährige Keller will kein festes Engagement als Dirigent mehr annehmen, vielleicht ab und zu als Aushilfsdirigent einspringen und vermehrt seinen anderen Leidenschaften nachgehen: Er begleitet zwei Jodlerinnen regelmässig bei ihren Auftritten auf dem Akkordeon und spielt zusammen mit seiner Frau Alphorn. «Das macht mir sehr viel Spass», sagt Keller. Die Stadtmusik Grenchen wird ad interim vom Dirigenten Sascha Hinni geleitet, man sei auf der Suche nach einem neuen, motivierten Nachfolger für Keller, heisst es.