Zürich, Bern, Luzern – dass diese drei Städte zu den grössten in der Schweiz gehören, das ist den meisten von uns Deutschschweizern klar. Schwieriger wird es, die zehn grössten Städte aufzuzählen. Könnten Sie es? Es sind der Grösse nach geordnet: Zürich, Genf, Basel, Lausanne, Bern, Winterthur, Luzern, St. Gallen, Lugano und Biel.

Danach wäre die fusionierte Stadt Solothurn auf dem 11. Platz gefolgt. Da aber Bellach und Langendorf vorzeitig aus dem Fusionsprozess ausgestiegen sind, muss sich Solothurn jetzt von Thun mit 42 764 Einwohnerinnen und Einwohnern überholen lassen und platziert sich mit 42 511 Personen neu nur noch auf Platz 12.

Zauberwort: «Stategie»

Das Zauberwort für die Fusion rund um Solothurn heisst «Strategie». Die fünf Gemeinden Biberist, Derendingen, Luterbach, Solothurn und Zuchwil sollen eine strategische Fusion eingehen und mit der neuen Einwohnerzahl mehr Gewicht im Kanton und in der Schweiz erhalten. Dies wurde während des bisher laufenden Prozesses immer wieder betont. «Keine der Gemeinden ist effektiv in Not und muss fusionieren», erklärte Projektleiter Stephan Käppeli bei jedem offiziellen Auftritt.

Die fusionierte Stadt Solothurn im Vergleich mit anderen Schweizer Städten

Die fusionierte Stadt Solothurn im Vergleich mit anderen Schweizer Städten

Strategisches Denken ist nicht jedermanns Sache. Dem Steuerungsausschuss ist bewusst, dass genau dies die Schwierigkeit ist. So ist es bisher nicht gelungen, zu erklären, welchen Vorteil die Grösse der fusionierten Stadt Solothurn tatsächlich bringen soll. Siedeln sich mehr neue Unternehmen an, weil die Stadt grösser ist? Kommen potentere Steuerzahler in die Region? Wird die Verwaltung der neuen Stadt effizienter und damit auch günstiger?

Die Einwohnerinnen und Einwohner denken vor allem in ihren Gemeindegrenzen. Sie hängen an den kleinräumigen Strukturen, die die Lebensqualität in der föderalistischen Schweiz ausmachen. Grosse Gemeinden und Gebilde werden als anonym und oft sogar als bedrohlich empfunden. So sind auch die in den Workshops geäusserten Wünsche nach einer «Ansprechstelle» vor Ort und dem Beibehalten von Wappen und Ortsnamen zu verstehen.

Viele Gemeindefusionen

Seit der Jahrtausendwende gab es viele Gemeindefusionen in der Schweiz. Im Kanton Aargau waren es 14, oft mit mehreren beteiligten Partnern. 27 Fusionen gingen im Kanton Bern über die Bühne und gar 31 im Tessin. Charakteristisch ist dabei, dass sich beim grössten Teil dieser Fusionen kleinste Gemeinden zu immer noch kleinen Gemeinden zusammengeschlossen haben. Ausnahmen sind hier vor allem die beiden Städte Luzern und Lugano.

Gemeindefusionen hatten deshalb bisher kaum Verschiebungen von wirtschaftlichen oder politischen Kräften zur Folge. Tatsächlich haben nur Zürich, Genf und Basel wirklich Gewicht innerhalb der Schweiz. St. Gallen oder Luzern mögen grosse Städte sein, Universitäten führen oder als Touristenzentren bekannt sein. Politisch und wirtschaftlich gesehen ist ihr Einfluss aber doch nur klein.

Agglomerationen sind wichtiger

Nur gerade 38 Städte haben schweizweit mehr als 20 000 Einwohner, zehn mehr als 50 000. In die Kategorie der grossen Schweizer Städte gehören beispielsweise auch Riehen, Meyrin, Frauenfeld oder Vernier.

Viel wichtiger als diese einzelnen Städte sind heute die Agglomerationen. Fast 120 000 Personen sind es beispielsweise im Raum Baden-Brugg; rund 142 000 Personen werden zur Agglomeration Winterthur gerechnet. In nächster Nähe zu Solothurn liegen Olten und Zofingen mit 112 000 Einwohnern. Gerade diese Agglomeration zeigt, dass auch kleinere Städte gemeinsam ein gewisses Gewicht erhalten, wenn es beispielsweise um Arbeitsplätze geht. Rund 60 000 Beschäftigte sind es dort nämlich im Vergleich zu knapp 38 000 im Grossraum Solothurn.

Die Agglomerationen werden immer wichtiger und stärker. Nicht die Grösse einer einzelnen Stadt macht das eigentliche Potenzial aus, sondern das Zusammenspiel in der nächsten Nachbarschaft. Dies wird in der Schweiz oft und gerne mit Zusammenarbeitsverträgen geregelt, innerhalb von Zweckverbänden oder Regionalplanungsgruppen. Diese stossen allerdings auch im Jahr 2014 noch an Grenzen. Ganz speziell, wenn es Kantonsgrenzen sind.

Spezifisches Umfeld und spezielle Probleme

«Fusionieren ist wie Heiraten», erklärt der Biberister Gemeindepräsident Martin Blaser immer wieder gerne. Bei der Hochzeit wisse man nicht genau, wohin der gemeinsame Weg führe. Eine fusionierte Stadt Solothurn in der Schweiz einzureihen, ist zudem nicht einfach. Zwar können Zahlen erhoben, zusammengezählt, hochgerechnet und mit anderen Städten verglichen werden.

Jede Schweizer Stadt hat aber ein spezifisches Umfeld und spezielle Probleme. Der Bankenplatz Lugano beispielsweise kämpft mit einem massiven Verlust von Steuereinnahmen; Biel weist seit Jahren eine relativ hohe Arbeitslosenquote aus; Thun muss sich gegen steuergünstige Nachbargemeinden durchsetzen und Chur hat aus geografischer Sicht eher wenig Entwicklungspotenzial.

Die künftige Grösse einer Stadt ist nicht das allein selig machende Argument für eine Fusion. Nur wenn sowohl Kopf als auch Bauch von den Vorteilen überzeugt sind, kann ein Zusammenschluss effektiv zum Erfolg führen.