Krawall in Solothurn
Die Solothurner Chaoten waren für jeden Fall gerüstet

«Falls dich die Bullen verhaften, mache auf dich aufmerksam und rufe deinen Namen, damit andere wissen, wer verhaftet wurde.». Ein aufgetauchtes Flugblatt zeigt, dass professionelle Krawallmacher an der Demo vom vergangenen Freitag waren.

Lucien Fluri
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Flugblatt der Chaoten von Solothurn

Flugblatt der Chaoten von Solothurn

Solothurner Zeitung

«Falls dich die Bullen verhaften, mache auf dich aufmerksam und rufe deinen Namen, damit andere wissen, wer verhaftet wurde.» Solche und andere «Ratschläge» stehen auf einem Flugblatt, das in der Nacht auf Samstag an der gewaltsamen Kundgebung unter der Westumfahrung verteilt wurde. Es zeigt, dass sich radikale Kräfte unter den Demo-Teilnehmern befanden und zumindest in einigen Fällen hinter dem vermeintlichen «Chaoten-Trupp» eine professionelle Vorgehensweise steckt.

«Für die heutige Party wird bewusst darauf verzichtet eine Bewilligung bei der Stadt einzuholen», steht auf dem Flugblatt. «Wir müssen niemanden fragen, ob wir uns zum gemeinsamen Feiern treffen dürfen.» Mit möglichen Konsequenzen rechnen die Verfasser des Flugblattes bereits: «Die Bullen können uns alle anzeigen (Landfriedensbruch) und wir wissen nicht, wie sie auf die Party reagieren werden. Lassen wir uns dadurch nicht die Stimmung vermiesen und handeln bei allfälligen Zwischenfällen gemeinsam und widerspenstig.» Auch ein Polizeieingriff erscheint bereits im Voraus als möglich: «Bildet falls nötig Ketten, um den Bullen das Greifen von Leuten zu erschweren.» In welcher Zahl der Flyer verteilt wurde, ist nicht bekannt.

Ähnliche Flyer schon aufgetaucht

Die Ratschläge, die auf dem Flyer erteilt werden, muten zwar verstörend an, sind auf dem Internet in Zusammenhang mit Demonstrationen aber mehrfach zu finden. Für Ulrich Gribi vom Mediendienst der Kantonspolizei sind diese Zettel nicht ungewöhnlich. «Solche Flyer und Gegenmassnahmen sind von anderen Demonstrationen her bekannt.» Es handle sich um die üblichen Verhaltensanweisungen, die auf solchen Flyern erteilt würden. Dazu gehört etwa der Aufruf zur Vermummung. «Wenn du keinen Bock hast, dass dich morgen Eltern, Lehrmeister, Chef etc. in der Zeitung sehen, mache dein Gesicht unkenntlich», steht auf dem Flugblatt. Weiter finden sich dort konkrete rechtliche Tipps für den Fall einer Verhaftung. Aufgefordert wird, in jedem Fall die Aussage zu verweigern. «Wer sich rausreden will, redet sich (und andere rein).»

Bekannte Handynummer

Angegeben ist auf dem Flyer auch eine Handynummer, bei der sich Verhaftete nach der Entlassung melden sollen. Bezeichnet wird die Telefonnummer als Antirepressionshotline eines anonymen «Ermittlungsausschusses». Dieser diene dazu, «herauszufinden, wer verhaftet wurde und ob alle wieder draussen sind». Ziemlich verschwörerisch muten die weiteren Tipps an: «Erwähne bei Anrufen auf die Nummer, die du möglichst von einem öffentlichen Telefon tätigen solltest, nur die Namen von Verhafteten und nicht deinen eigenen!»

Die Handynummer ist von anderen Demos bekannt. Wer sie googelt, landet etwa auf der Seite buendnis-gegen-rechts.ch. Verwendet wurde die Nummer auch beim antifaschistischen Abendspaziergang in Bern 2008. Weiter wird auf der Homepage über das richtige Verhalten bei Tränengas und Gummischrot informiert. Das Handy war gestern den ganzen Tag ausgeschaltet.

Eine andere Sicht

Derweil hat sich ein junger Partygänger gemeldet, der sich stört, dass nun «schlecht über das Verhalten der Jugendlichen» gesprochen werde. «Das Ganze hatte sehr den Charakter eines Fasnachtsumzuges. Ich lief durch die Menge und war überwältigt von der Freundlichkeit fremder Leute.» – Bis er plötzlich vom Spraystoss eines Polizisten getroffen worden und zusammengebrochen sei. Helfer hätten wegen des Sprays, der noch an ihm haftete, gehustet. «Ich benötigte ungefähr eine Stunde, bis ich mich wieder auf den Beinen halten konnte.» Mit Wasser habe er sein Gesicht gekühlt. «Keiner der Menschen um mich herum hätte gewollt, dass es so weit kommt. Ich kenne viele, welche ihren Eltern verleugnen, dass sie dort waren, weil sie glauben, dass niemand die Situation glaubt.»