Gut zehn Tage nach seiner ersten Landung in Solothurn flog Theodor Borrer mit einem Redaktor nach Bern, wo die beiden von einem Bundesrat empfangen wurden. Ein spannender Flug, der nicht ohne Zwischenfall verlief: Auf dem Rückflug gab es in Deitingen eine Notlandung.

Der erste Flug ist auch heute noch im Leben eines Menschen ein Erlebnis, das mit intensiven Gefühlen verbunden ist. Wie dürfte es erst zur Pionierzeit der Aviatik gewesen sein, als die Fliegerei noch keineswegs so sicher war wie heute? Redaktor A. Billo von der Solothurner Zeitung wagte es vor 100 Jahren und liess in den darauffolgenden Tagen in einem mehrteiligen Bericht die Leserinnen und Leser an diesem Flugerlebnis teilhaben.

Der Start zum Flug nach Bern erfolgte in der Morgenfrühe des 13. August 1913 in der Schützenmatte. «Das Gefühl des Passagiers, der zum ersten Male vor das grandiose Schauspiel dieser Vogelperspektive kommt, ist überwältigend», schrieb Billo, «die unsagbare Schönheit dieses Schwebens im Luftmeer, im Rauschen der mit über 1100 Umdrehungen pro Minute treibenden Propeller hält einen ganz gefangen.»

Sehr schön sind die Landschaftsbeschreibungen: «Wie drollig der Blick nach Derendingen hinunter! Die rotbedachten Häuslein stehen krumm wie im Liede an dem dünnen Strassenrand. Und klein und nichtig ist das liebe Menschenzeug doch alles.» Oder in weiteren Abschnitten: «Der Bucheggberg liegt noch im tiefen Schlummer. Aber dort – wie ein Wielandsches Gemälde – zieht ein Gaul den Pflug durch braune Furchen. Hemdsärmlig steht der Bauer beim Pferd. Ich sehe, wie er emporblickt und seinen Arm grüssend emporhebt – …. – die Schlote von Gerlafingen. Wie Schlangen windet es sich aus den braunen Rohren zur Höhe, leicht nach Osten geringelt.»

Luftpost aus Solothurn

Das Duo landete in Bern im Beundenfeld, wo sich damals noch die Halle der Ballontruppen befand (in der Nähe des heutigen Stade de Suisse). Per Strassenbahn ging es zum Bahnhof und von dort zum Bundeshaus, wo die beiden von Bundesrat Ludwig Forrer (1845–1921) empfangen wurden.

Borrer überbrachte einen Flugbrief. Etwas brummen habe er gehört am Morgen, sagte der Bundesrat. Allein habe er sich nicht denken können, dass man ihm per fliegenden «Brummbär» eine Extrapost aus der Wengistadt bringe, hielt Forrer in wohl humorvollem Ton fest. Theodor Borrer äusserte gegenüber dem EMD-Chef, dass es sein Wunsch sei, in den Dienst des Landes zu treten (als Militärpilot, Anm. des Verfassers).

Am Nachmittag trafen Borrer und Billo mit Oskar Bider zusammen, der mit seinen Flügen über die Pyrenäen und die Alpen weltbekannt geworden war. «Der Typ eines vollendeten Weltmannes. Im Reitkostüm, die Peitsche schwingend. Liebeswürdig und zurückhaltend zugleich», beschrieb Billo den Flugpionier aus Langenbruck.

Dem Journalisten wurde weiter der Absturzort Schmids gezeigt. «Da sah man deutlich, wie sich der Motor Schmids beim Unglücksfall in die Erde gebohrt und noch rotiert hatte.» Der 1879 geborene Hans Schmid, Brevet Nummer 14, war am 14. Oktober 1911 im Beundenfeld abgestürzt und wurde damit zum ersten Todesopfer der Schweizer Luftfahrt.

Notlandung und ein Stossgebet

Beim Rückflug wird das Flugzeug durch die Vorwehen eines Gewitters bedrängt. Bei der Zellulosefabrik Attisholz kam das Flugzeug tief. Der Redaktor meinte, dass man in der Aare landen werde. Der Aviatiker hatte Probleme mit dem Motor. Er machte eine Notlandung auf dem Gemeindegebiet von Deitingen und bat einen Bauern, den Mechaniker herbei zu telefonieren.

«Unterdessen ist ganz Deitingen in Alarm geraten», schrieb Billo. Der Mechaniker kommt, aber erst beim zweiten Versuch schien der Motor wieder gut zu laufen, sodass der Start gewagt wird zum noch kurzen Rückflug auf die Schützenmatte. Vorher war noch der Deitinger Pfarrer aufgetaucht. Billo: «Ich hoffe zuversichtlich, dass er für uns ein Stossgebet zum Himmel geschickt hat.»

Die Solothurner empfingen die beiden trotz der Verspätung. «Kodaks knackten, Grüsse wurden gewechselt, die Luftpost fand ihre Erledigung und der Tag seinen Abschluss. Aber er wirkt nach», hält Billo fest. «Man kennt in Aviatikerkreisen eine Krankheit der Gesunden. Das Luftfieber – kein irdisches Instrument misst seine Stärke ...»