Solothurn
Die Schanzen bilden ein System der ungelösten Rätsel

Die Stadt Solothurn investierte im 17. Jahrhundert Millionen in eine barocke Stadtbefestigung. Den Ernstfall allerdings erlebte sie nie.

Mark A. Herzig
Merken
Drucken
Teilen
Eine Unterwelt, die immer noch einige Fragen aufwirft und schon aufgeworfen hat.

Eine Unterwelt, die immer noch einige Fragen aufwirft und schon aufgeworfen hat.

Mark A. Herzig

«Die Schanzen von Solothurn, Schutz und Verteidigung der Ambassadorenstadt 1669 bis 1798.» So lautete der Titel einer Veranstaltung des Vereins Freunde des Museums Altes Zeughaus (MAZ). Der Militärhistoriker Roland Beck führte in die Verteidigungstechnik ein, Marie-Christine Egger berichtete als «armes Weib aus dem Volk» über die Belastungen durch den Schanzenbau. Der kantonale Bauforscher Urs Bertschinger erläuterte den Stand der Erforschung der wenig bekannten «Unterwelt» der Bastionen.

Über die Bauzeit der Schanzen liegt in solothurnischen Archiven, im Gegensatz zu guter Sekundärliteratur, wenig vor, stellte Roland Beck fest. «Insbesondere fehlen konkrete Baupläne, die über das Innenleben der Schanzen Auskunft gäben», fuhr er weiter. Aus einer Studie von 1921 geht hervor, dass die Seitengänge des Majorsgangs zugemauert wurden. Dieser Gang, eine Verbindung von der Riedholzschanze hinunter zur heutigen Nordringstrasse, war und ist Gegenstand von Untersuchungen auch durch Mitglieder des Vereins Freunde des MAZ. Gab es von ihm aus Abzweigungen zu «geheimen» Kavernen?

Die Federzeichnung von Johann Babtist Altermatt von 1833 zeigt die Bastion der Stadt Solothurn.

Die Federzeichnung von Johann Babtist Altermatt von 1833 zeigt die Bastion der Stadt Solothurn.

Archiv der kantonalen Denkmalpflege

Kein freies Schussfeld

Die Verbreitung des Schiesspulvers im späten Mittelalter revolutionierte die Kriegsführung. Die Belagerungstechnik änderte. Der Kampf wurde auf grössere Distanz geführt, der Nahkampf durch Gewehr und Artillerie abgelöst.

Der Ingenieur Vauban leitete daraus das neue Befestigungsprinzip ab: Vorspringende Schanzen sollten tote Winkel aufheben und ein gewölbtes Vorgelände den direkten Beschuss der Stadtmauern verhindern. Dazu musste dieses Glacis frei von Häusern sein. Das stiess in Solothurn auf Ablehnung, wodurch insbesondere die Schanzen im Nordosten an Wert einbüssten. Die rechtsufrige Vorstadt hingegen erhielt einen erweiterten Festungsring, wie ihn Vauban gesehen hatte.

Millionen flossen

1667 wurde der Grundstein zur Riedholzschanze gelegt. Eine wichtige Rolle spielte der Ambassador, der bei Ludwig XIV. die nötigen Gelder beschaffte, weil dieser einen gut geschützten Sitz seines Botschafters wünschte. So flossen jährlich 20 000 (das wären heute mehrere Millionen) Francs nach Solothurn.

Der Bau der Schanzen, zwischendurch abflauend, erhielt durch äussere Bedrohungen immer wieder neuen Schub, bis er 1729 eingestellt wurde. Kurz vor der französischen Invasion 1798 wurde wieder verhandelt. Dabei spielte ein Gutachten Vaubans – er war nie in Solothurn! – aus dem Jahr 1700 eine wichtige Rolle. Darin wurde – übrigens nicht nur von Vauban – die Verteidigungsfähigkeit der Stadt angezweifelt.

Geheimnisvolle Gänge

Gänge und Kavernen in den Gräben und Schanzen wurden früher vorab von Jugendlichen gerne mit Geheimnisvollem verbunden. Aber auch Geschichts- und Bauforscher interessieren sich dafür. Urs Bertschinger erklärte, dass man in Beschrieben und Zeichnungen einiges davon gesehen, aber nicht alles gefunden habe. Auch sei bei vielen unklar, wozu sie gedient hätten. Einige Gänge haben der Entwässerung gedient, aber noch andere Aufgaben gehabt, sonst wären sie nicht so sauber gemauert worden.

Derjenige auf dem Niederwall der St.-Ursen-Bastion sei vermutlich als Sprenggang vorgesehen gewesen. Denkmalpflege und Archäologie seien daran, die vielen vorhandenen Teilchen zusammenzusetzen, um ein aktuelles Bild zu erhalten. Die Hoffnung aber, beim Majorsgang Seitengänge zu finden, sei geschwunden. Roland Beck bestätigte dies, man gebe aber die Nachforschungen nicht endgültig auf.

Harte Zeiten

Stadtführerin Marie-Christine Egger berichtete, wie es dem einfachen Volk zur Zeit des Schanzenbaus erging. Die Rechte wurden immer geringer, dafür wuchs die verlangte Arbeitsleistung – von Dämmerung zu Dämmerung wurde «geschanzt». Wer nicht genug leistete, kam drei Tage hinter Schloss und Riegel bei Wasser und Brot. Die Frauen wurden gerne in den Treträdern eingesetzt, die zum Antrieb der Lastenaufzüge dienten.