Bereits 1867 wurde eine reformierte Kirche auf Solothurner Stadtgebiet errichtet. Aufgrund wachsender Zuwanderung aus reformierten Kantonen im Sog der Industrialisierung drängte sich bald ein grösserer Neubau auf, konzipiert für 600 Kirchgänger.

Das war die Stunde von Armin Meili (* 30. April 1892 in Luzern; † 21. Oktober 1981 in Zürich), dem späteren Direktor der Landesausstellung («Landi»). Nachdem er 1917 mitten im Ersten Weltkrieg unter 160 Teilnehmern den Wettbewerb zur Errichtung einer evangelisch-reformierten Kirche in Solothurn gewonnen hatte, konnte es losgehen.

Ab 1922 wurde der Bau mit seinen schlanken, scharf geschnittenen Grundrissen und den markanten Säulen nach römisch-hellenistischem Vorbild, verziert mit zahlreichen Reliefs von Otto Kappeler und August Suter, in Angriff genommen. Eine kirchenbauliche Rarität: Bei der unübersehbar neoklassizistischen Bauweise handelt es sich um einen der letzten Kirchenbauten des Historismus in der Schweiz sowie um die letzte Schweizer Kirche, die dem vormodernen Typus der Querkirche zugerechnet werden kann.

«Friede sei ihr erst Geläute!»

Am 30. August 1925 war es soweit: Die Glocken riefen zum ersten Gottesdienst. Heute, genau 90 Jahre später, wird in einem Festgottesdienst an das Friedensmotto «Friede sei ihr erst Geläute!» mit dem Hymnus «Hör mein Bitten!» von Felix Mendelssohn Bartholdy erinnert. Mit der Kantorei der Stadtkirche und Urs Aeberhard an der Orgel.

Mehr als 3000 Pfeifen

Stichwort Orgel: Sie bildet als markantes Ausstattungsobjekt der Kirche zusammen mit der Kanzel und dem Abendmahlstisch eine eindrückliche Einheit. Als Opus 581 der Orgelbaufirma Kuhn AG in Männedorf ZH – nach Plänen und Disposition von Ernst Schiess (1894-1981) und unter Mitwirkung von Albert Schweitzer erbaut – lässt sie zwar den Werkaufbau einer Barockorgel erkennen.

Andererseits verfügt das dreimanualige, spätromantische Instrument naturgegeben über einen reichhaltigen Fundus an romantischen Charakterstimmen. 2007 wurde das Instrument mit seinen über 3000 Pfeifen umfassend restauriert und in seinen ursprünglichen Zustand zurückgeführt.

Gewaltige Kräfte am Werk

Die reformierte Stadtkirche ist ein epochenübergreifendes Gesamtkunstwerk, das in ihrer 90-jährigen Geschichte diverse Anpassungen erlebt hat – getreu dem Motto ecclesia reformata semper reformanda. Frei übersetzt: Eine reformierte Kirche muss sich ständig neu orientieren.

Davon sind auch die tonnenschweren «Freiluftinstrumente», das mächtige Sechsergeläut, aufgehängt an Gusseisenjochen in einem hohen Stahlglockenstuhl, nicht ausgenommen. Die Tonfolge wurde den elf Glocken der Kathedrale St. Ursen angepasst und ergibt ebenfalls As-Dur. Weil die Giesserei Rüetschi ihre Glocken aber in kräftigeren Profilen zu giessen pflegte als die Gebrüder Kaiser im 18. Jahrhundert, wiegen die Glocken der reformierten Kirche durchgängig mehr als die gleich gestimmten der Kathedrale.

Da sind zum Teil gewaltige Kräfte am Werk. Wenn die beiden grossen Glocken der Stadtkirche (zusammen 7,5 Tonnen schwer) gleichzeitig auf einer Seite sind, schwingt der Glockenstuhl oben rund 10 cm in diese Richtung mit. Der Glockenstuhl der Stadtkirche wurde infolge Korrosion bereits einmal ersetzt und steht nun zur Schonung des Turms auf Gummimatten.

Ein Begegnungszentrum

Ähnlich wie Kirche-Orgel-Glocken präsentiert sich heute die Stadtkirche erklärtermassen als Einheit in der Vielfalt. Seit 2009 unter dem Namen «Kirche der Vielfalt» der Wunsch nach einem offenen Kirchenraum von verschiedener Seite immer wieder geäussert wurde, wächst auch das Angebot. Das Veranstaltungsspektrum ist mittlerweile von geradezu schwer überschaubarem Reichtum und wächst weiter.

Längst wurde es um das klassische Angebot der (sonntäglichen) Gottesdienste und Kasualien erweitert – die Stadtkirche ist zu einem Begegnungszentrum geworden, das Veranstaltungen für viele Interessensgebiete und Altersklassen bereit hält. Von Begegnungen im Kirchenkaffee unter der Empore über Dialogpredigten und Liturgien, vom Spielgruppenraum und dem phantasievoll bemalten «submarine»-Jugendkeller bis hin zum Kinosaal sowie den Unterrichtsräumen und Musikproberäumen – mit erstauntem Seitenblick auf die Existenz einer Küche.