Solothurn
Die Juden prägten und bereicherten das Vorstadt-Leben

Eine Sommer-Stadtführung in Solothurn warf neue Schlaglichter auf ein noch wenig bekanntes Thema. Was viele nicht wissen: Jüdisches Leben hat in Solothurn eine lange Tradition.

Katharina Arni-Howald
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Juden in der Stadt Solothurn
5 Bilder
 Blick auf den Storchen und das Restaurant Café Emmenthal
 Die Berntorstrasse war gesäumt von zahlreichen Gasthäusern
 Der Aufenthaltsbereich in der Synagoge ist nach Geschlechtern getrennt. Hier der Frauensektor im Betsaal im Oberen Winkel.
 Der Thoraschrein im Solothurner Betsaal

Juden in der Stadt Solothurn

Denkmalpflege Solothurn

Während Jahrhunderten verachtet und vertrieben, gelang es der jüdischen Minderheit nur allmählich, in der Stadt Fuss zu fassen und sich einen Platz im Solothurner Alltag zu sichern. Basierend auf dem Buch «Vieh- und Textilhändler an der Aare» der gebürtigen Solothurner Historikerin Karin Huser gab Stadtführerin Käthi Kammer anlässlich einer Stadtführung einen Einblick in das Leben der jüdischen Bevölkerung, die sich mehrheitlich in der Vorstadt niederliess.

Älteste überlieferte Schriftstücke über jüdisches Leben in der Stadt datieren aus dem Jahr 1277. Selbst zu Zeiten, als ihnen die Dauerniederlassung untersagt war oder ihre Anwesenheit durch andere rechtliche Diskriminierungen eingeschränkt wurde, besuchten jüdische Händler die hiesigen Märkte. Wie in anderen Bereichen zeigten sich die solothurnischen Behörden den «fremden Verkäufern» gegenüber jedoch toleranter als andere Kantone. Als beispielsweise Bern jüdischen Vieh- und Pferdehändlern den Zugang zu den Märkten versperrte und dasselbe von den Solothurnern verlangte, widersetzte man sich in Solothurn dieser Aufforderung und erkundigte sich lediglich bei anderen Kantonen, welche Abgaben die Juden dort zu entrichten hätten.

Pflanzplätz und Pferdestall

Erste spürbare Lockerungen gab es, als den Juden in Frankreich im Zuge der Französischen Revolution die volle Gleichberechtigung zugesprochen wurde und der französische Botschafter in Solothurn die Tagsatzung drängte, die Judenzölle französischer Juden in der Schweiz abzuschaffen. Der Durchbruch folgte schliesslich mit der verfassungsrechtlichen Gewährung der Niederlassungs- und Religionsfreiheit auf Bundesebene im Jahre 1874. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung und Ausschliessung wurden aus den Juden endlich gleichberechtigte Mitbürger.

Zu jener Zeit waren aber in der Solothurner Vorstadt bereits einige Grossviehhändler sesshaft geworden. Als Erster hatte sich der Pferdehändler Jakob Braunschweig mit seiner Familie im Süden der Stadt niedergelassen. Der Tierhandel erlaubte es dem aus dem Elsass Zugezogenen recht bald, eine eigene Liegenschaft zu erwerben, zu der nebst den Stallungen auch ein «Pflanzplätz» und ein Raum für eigene Hühner und andere Kleintiere gehörten.
Zum Erblühen jüdischen Lebens trugen aber auch die Familien Dreyfus, Leval, Katz und Wolff bei. Auch sie erwirtschafteten sich mit dem Viehhandel bald ein gutes Auskommen und lebten in stattlichen Häusern. So besassen die Levals beispielsweise ein Wohnhaus, das auf der Rückseite an den damaligen Oberen Winkelweg (heute Adlergasse) grenzte. Ein grosses Scheunentor erinnert noch heute an die dazugehörenden Stallungen. Ältere Solothurner erinnern sich noch gerne an Clémance Leval-Weil, deren Haus an das Schwanengässchen grenzte, wo sie im Alter auf einem Holzbänkchen sitzend die Tage genoss oder gegenüber bei den Stallungen ihren Gemüsegarten pflegte. Auch Dienstpersonal gehörte zum Alltag der von den Vorstädtern geachteten Viehhändlerfamilien. Dies deutete allerdings nicht auf besonderen Wohlstand hin, sondern war in den landwirtschaftlich geprägten Betrieben üblich. Der Alltag war nicht leicht. Es galt, das Stallvieh zu versorgen, Futter zu beschaffen und den Mist wegzuführen.

Neue Ära dank Eisenbahn

Beigetragen zum Erfolg der jüdischen Gemeinde hat auch die Eröffnung des Eisenbahnnetzes, das den Abbruch der Vorstadtschanzen und des inneren Berntores nach sich zog und in der Vorstadt Platz schaffte, es aber auch erlaubte die Tiere zu transportieren. Von Bedeutung waren und blieben die Markttage. Bis Mitte der 1880er-Jahre fanden sowohl der Pferde- wie der Viehmarkt in der Äusseren Vorstadt auf dem Gelände zwischen den Gasthäusern «Falken» und «Schwanen» sowie dem ehemaligen Zehnthaus, dem heutigen Rossmarktplatz, statt. Später wurde der Pferdemarkt Richtung Dornacherplatz verschoben, wo noch heute ein Tränkebrunnen aus dem Jahr 1906 steht.

Der Solothurner Pferdemarkt hatte eine lange Tradition und gehörte zu den bedeutendsten in der Schweiz. Die meisten jüdischen Familien blieben über Generationen hinweg ihrem Gewerbe und Solothurn treu. Wenn auch nicht immer von antisemitischen Äusserungen verschont, waren die jüdischen Familien in der Vorstadt fest integriert und hoch geachtet. Dies auch während der Kriegsjahre 1939-1945, in denen sie zahlreiche Flüchtlinge beherbergten. Sie prägten und bereicherten nicht nur das tägliche Leben der Vorstädter, sondern nahmen auch an den Festivitäten teil, leisteten Wehrdienst und gehörten der St.-Margriten-Bruderschaft an.

Wermutstropfen der Führung

Angesichts der Anwesenheit von einigen Nachkommen der jüdischen Familien führte die Wiedergabe von persönlichen Anekdoten durch Käthi Kammer teilweise eher zu Irritationen als zur Belustigung. Störend wirkten auch die verschiedenen Abschweifungen vom eigentlichen Thema der Stadtführung.