Metallern. Scheppernd. So tönte für Fachleute das an sich so melodische Geläut von St. Ursen. Ab heute wird das wieder ganz anders sein. Voll und rund soll es wieder vom Turn tönen. Für Kirchgemeindepräsident Karl Heeb steht nach dem Abhören von Tonaufnahmen bereits fest: «Der Unterschied ist frappant.» Vier Monate hatten die Glocken der Bistumskathedrale geschwiegen, bis auf ein gelegentliches «Bimbim» in der HESO-Woche. Tests auf dem Weg zum heutigen, neuen alten Klangerlebnis, wie es unsere Vorfahren noch gekannt haben.

Die «Belastungserscheinungen»

«Letztes Jahr nahmen wir das Glockenprojekt in Angriff», erzählt Karl Heeb. Denn nach der Elektrifizierung des Glockenantriebs – 1929 für 27 000 Franken realisiert – hatte man in den Fünfzigerjahren weitere Änderungen veranlasst, die allmählich fatale Folgen mit sich brachten. Die schwereren, grösseren Klöppel in einer anderen Legierung führten zwar noch nicht gerade zu Schäden, aber doch zu «Belastungserscheinungen», wie Karl Heeb die «starken Einbuchtungen mit Kanten» am Glockenrand nennt – dort wo der Anschlag des Klöppels stattfindet. «Die grösseren Klöppel hatte man damals gewählt, weil die neue Antriebsart über eine Kette der Glocke eine andere Schwingung verlieh. Dies versuchte man mit den neuen Klöppeln auszugleichen.» Sie führten aber auch zu Klangveränderungen, wie die beigezogene Glockengiesserei Rüetschi in Aarau wie ein zusätzlich aufgebotener Glockenexperte oder Campanologe feststellten: Als «scheppernd oder scherbelnd» wurde das Geläut empfunden. Nun begannen Arbeiten im St.-Ursen-Turm, die schon fast an die Aufnahme eines kranken Patienten im Spital erinnern. Denn, so waren sich Auftraggeber wie -nehmer einig: Ein im Original erhaltenes Geläut von dieser Grösse sollte man unbedingt erhalten und seine Lebensdauer über mehrere Generationen hinweg verlängern.

Ein «EKG» für die Glocken

Die Spezialisten überliessen nichts dem Zufall. Karl Heeb: «Die Glocken wurden vermessen und wie bei einem EKG verdrahtet. Mit Mikrofonen bestückt wurde auf dem Computer der Klang registriert, aber auch das Anschlagverhalten, um die Überbelastung zu erfassen.» Damit wurde es möglich, die Neudimensionierung der Klöppel festzulegen, die den Klang der Glocken verbessern sollte. «Voller, weniger metallisch» sollte das Geläut klingen, die Obertönigkeit des Originals wieder hergestellt werden.

Für die Auswechslung des gesamten Innenlebens der Glocken mussten diese aus dem Glockenstuhl heruntergeholt und auf mehreren Balken abgestützt werden. «Deshalb blieben die Glocken von St. Ursen über vier Monate lang stumm», erklärt Karl Heeb.

Sorgenkind Glocke Nummer 5

Bei den Untersuchungen einer Glocke aber stutzten die Experten. Glocke Nummer 5 zeigte durchaus Symptome, die schon auf einen Schaden und nicht nur auf «Belastungserscheinungen hindeuteten. «Es handelt sich dabei um die Englisch-Gruss und Wandlungsglocke, die natürlich im Lauf der Zeit am meisten beansprucht worden ist», so der Kirchgemeindepräsident. Fazit jedenfalls der Vermessung: Es könnte auch der Hinweis auf einen Riss vorliegen. «Wir fällten den Entscheid, die Glocke mit dem neuen Klöppel vorläufig weiterläuten zu lassen und sie zu beobachten.» Mit weiteren Untersuchungen würde man versuchen, den Riss, sofern er tatsächlich bestünde, zu lokalisieren. Einen Totalverlust der Glocke und damit einen aufwendigen Neuguss riskiere man damit keineswegs, beruhigt Karl Heeb. «Wir könnten sie in Holland in einer Spezialfirma reparieren lassen.» Dazu müsste man das Stück aus der Glockenwand herausschneiden, das den Riss aufweist, und ein neues Stück hineinschweissen.

Zurück auf Holzjoche

Doch noch einen weiteren «Schönheitsfehler» machten die Experten im Zuge ihrer Untersuchungen aus. Bei den früheren Anpassungen hatte man nicht vor den Klöppeln und dem Antrieb haltgemacht, sondern auch bei den Befestigungen der Glocken «gebastelt». Oder wie es Karl Heeb ausdrückt: «Bei zwei Glocken hatte man die alten Holzjoche durch lieblose Eisenstangen ersetzt.»

Die Idee war klar: zurück zu den hölzernen Jochen. Zumal ausgerechnet jenes der grössten Glocke noch recht gut erhalten in einem Nebenraum des St.- Ursen-Turms deponiert war. Die zweite betroffene Glocke war insofern das kleinere Problem, als es sich um das Messglöcklein, also die kleinste Glocke, handelte. «Das alles setzte aber wieder detaillierte Untersuchungen jedes kleinsten Holz- und Eisenteils voraus. Und um künftig die Sicherheit zu gewährleisten, brauchte es ein Ingenieursgutachten.» Zuletzt wurde das alte Joch verlängert, die Beschläge wurden ersetzt. «Somit weisen wieder alle elf Glocken Holzjoche auf.»

Im Weiteren haben die Glockenexperten noch zusätzlich in die Trickkiste gegriffen, um das Geläut zu optimieren und künftige Belastungen zu vermeiden. Einige der am meisten eingesetzten Glocken wurden leicht gedreht und somit der Anschlagpunkt am Glockenrand verschoben. Auch das bedingte einen enormen Messaufwand, und «man kann das auch nicht beliebig machen», ist sich Karl Heeb im Klaren.

Gut investiertes Geld

Trotzdem, für den Kirchgemeindepräsidenten ist der Kredit von 210 000 Franken gut investiertes Geld, wobei die Denkmalpflege neben der Fachunterstützung ihren Beitrag an die Renovation leistet. «Wir erhalten dafür ein hochwertiges, handwerkliches Geläut von historischer Bedeutung.» Und zum heutigen, gespannt erwarteten neuen Hörerlebnis meint Karl Heeb lakonisch: «Wer es hören kann, der höre es!»

(Quelle: youtube, von frauenfelder82)

Die Solothurner Kathedrale St.Urs und Victor