Sie kommen jedes Jahr aufs Neue ins Schwitzen: Die Kandidatinnen und Kandidaten, die sich jeweils am HESO-Behördentag auf dem «Heissen Stuhl» lockeren bis unbequemen Fragen eines Moderators oder des Publikums stellen. Anlässlich des 39. Behördentags galt dies im doppelten Sinne, wurde doch der «Heisse Stuhl» zum «Heissen Sattel».

Einer, der dazu einlud, während des Gesprächs in die Velopedale zu treten. Ganz passend zur Auserwählten der diesjährigen HESO: Mit Brigit Wyss nahm die frischgebackene grüne Regierungsrätin – die erste grüne überhaupt im Kanton Solothurn – Platz und pedalte ohne Unterstützung eines Zweitakters oder eines Elektromotors gegen die Fragen von Theodor Eckert, Chefredaktor der Solothurner Zeitung, an.

Über Nähe und Distanz

In Solothurn ist man ja per «Du», und genauso handhaben es auch Wyss und Eckert, nämlich dann, wenn sie beim Joggen an der Aare an ihm vorbeiziehe: «Die richtige Mischung aus Nähe und Distanz», scherzte Eckert. Obwohl: Für die volksnahe Wyss sei es halt schon etwas Neues, mit dem Titel «Regierungsrätin» und als Person des öffentlichen Interesses unterwegs zu sein. Gemeinderätin, Kantonsrätin, Nationalrätin, Fast-Bundesrätin, Fast-Regierungsrätin, Regierungsrätin: Die bisherigen politischen Etappenziele seien denn auch nicht als orchestrierte Karriereplanung zu sehen.

Nicht von ungefähr kam auch ihr abenteuerlicher Bildungsweg zur Sprache: Schreinerlehre, Psychiatrieschwester, Juristin. «Ich habe eins nach dem anderen in Angriff genommen», sagte die 57-Jährige. Und hat reüssiert – sogar beim Verteilen der Departemente. «Das Volkswirtschaftsdepartement war tatsächlich mein Wunschdepartement. Aber es entspricht nicht den Spielregeln, im Vorfeld darüber zu sprechen.»

Sonderlich spannend, meinte Eckert neckisch, sei dieses Departement aber nicht. Umso spannender mutet dafür der Rollenmix als grüne militärkritische Chefin für Militär und Bevölkerungsschutz an. «Auch hier will ich gestalten.» Von Anfang an habe sie den Rank gefunden. «Und Lösungen gab es auch trotz ganz unterschiedlicher Meinungen.» Dass sie gemäss Eckert nicht unbedingt als «Eisenfresserin» bekannt sei, konterte Wyss damit, dass sie auch als Teammensch durchaus entschlossen vorausgehen könne. Aber: «Für ein gutes Argument bin ich immer offen.»

Handkuss durch Biogen

Apropos Diskussionen: Diese hätte sie sich auch bei der Schliessung der Egerkinger Sonnencrème-Fabrik von Galderma Spirig durch den Mutterkonzert Nestlé gewünscht. «Es hat in meinem Umfeld niemand verstanden, was dort abgeht.» Klar habe man auch als Regierungsrätin wie auch in anderen Kantonen wenig Einfluss auf solche Entwicklungen: «Aber Gespräche und einen Einbezug der Regierung hätten wir uns gewünscht.»

Dafür blicken andere Kantone ebenso erstaunt auf grosse Neuansiedlungen wie Biogen. «Hier sind wir zum Handkuss gekommen. Als Hauptgrund wird die Erreichbarkeit für Fachkräfte genannt», so Wyss.

Unter dem Diskussionspunkt Wirtschaft wurde auch ein Kränzli an die HESO gewunden: «Hier treffen sich Wirtschaft und Bevölkerung. Dass verschiedene Themen hier zusammenkommen, ist etwas Nachhaltiges», lobt sie. Apropos Nachhaltigkeit: Bis zum Schluss des magistralen «Ausfährtlis» wurde in die Pedale getreten. Dennoch – aus dem Ruhepuls bringen liess sich Wyss deswegen nicht, auch als ein Schelm an die Adresse der Regierung in die Runde rief: «Immer am Tschaupe – und chömet gliich nid vorwärts.» Es bleibt — hoffentlich — eine unbegründete Befürchtung.