Samstagabend in der Solothurner Altstadt. Wer näher kommt spürt und hört es: Hier ist nichts wie sonst. Die Fassade der St. Ursen-Kathedrale ist zwar wie gewohnt in ein weiches gelbes Licht getaucht. Doch heute haben die majestätisch auf den Balustraden stehenden Stadtheiligen eine andere Aufgabe: Sie breiten schützend ihre Hände über eine Stadt aus, die sich innert weniger Stunden in das grösste Freiluftpartylokal des Jahres verwandelt hat.

Selbst die «Krone» ist dank hartnäckigen Jungsolothurnern zu neuem Leben erwacht. Die Fenster sind farbig beleuchtet, und in der prächtig dekorierten, ehemaligen Gaststube ist ein Ball im Gang, wie ihn das Haus nur in längst vergangenen Zeiten erlebt hat. Zwei Securitaswächter wachen am Eingang darüber, dass ja nur Kostümierten Zutritt gewährt wird.

Molekulare Küche im Schaufenster

Nur wenige Schritte daneben sorgt der Chuchilade für Aufsehen. Im Schaufenster zelebriert Daniel Wagmann die molekulare Küche, und an den Scheiben drücken sich die Narren die Nase platt. Wer Glück hat, kann sich einen Platz am festlich gedeckten Tisch ergattern und ein mehrgängiges Menu geniessen.

Es lebe «La petite couronne» und das chinesische Servicepersonal. Urchiger gehts bei den beiden Chäschratzerinnen vor der Jesuitenkirche zu und her. In ihren Mini-Racletteöfchen schmelzt der Alpkäse trotz der Kälte nur so dahin. Miniaufnahmen, die auch Fasnachtsherzen zum Schmelzen bringen.

Vor dem Marionnaud sitzen schweigend die Herren eines Carnevalclubs aus dem Nachbarland. Vorübertänzelnde Närrinen grüssen artig und lächeln. Die Grenzen verwischen sich. Das Durchkommen in der Hauptgasse wird immer schwieriger. An den Sägemehlspuren auf dem Marktplatz erkennt man, dass hier soeben ein Hosenlupf stattgefunden hat. Wer es geschafft hat, sich an einer schränzenden Guggenmusig und dem tobenden Publikum vorbeizuschlängeln, zieht es unweigerlich in die Schaalgasse. Keine Chance, sich in der Gassbar oder im «Löie» aufzuwärmen.

Die Beizen sind hoffnungslos überfüllt. Im Gegensatz zum «Türk», der einst begehrtesten Fasnachtsbeiz. Offenbar legt man hier heute mehr Wert auf Pizzas statt auf Fasnachtsgäste. Also nichts wie los hinunter zur Säulenhalle, wo sich Männlein und Weiblein in der Hoffnung einen Fasnachtsschatz zu finden, beim Ballzillus ein Stelldichein geben. «Vor 25 Jahren war hier nichts», sagt Honolulese Christoph Mathys sichtlich stolz und rennt mit einem Plastiksack von Tisch zu Tisch, um leere Plastikbecher einzusammeln. Sein Weg führt an einem roten Teufelchen und einem gehrnischten Römer vorbei, die sich tanzend in den Armen liegen. Offensichtlich hat sich das «Chüderle» gelohnt.