Wenn die Nebel durch die Gassen der Stadt ziehen und auf dem Marktplatz der Duft nach gerösteten Edelkastanien in der Luft liegt, dann ist es auch in Solothurn Herbst geworden. Kaum zu glauben: Seit 175 Jahren stehen neben dem St.-Ursen-Brunnen Mitglieder ein und derselben Familie in einem Biedermeierhäuschen und sorgen dafür, dass in den kälteren Tagen Menschen von nah und fern ihre Hände an braunen Papiertüten wärmen können. Tüten, die sich notabene dank ihrer konischen Form auch perfekt in Kinderhände schmiegen und deren Inhalt völlig unspektakulär ist.

Leicht erhöht warten in fünfter Generation Marzio und Yvonne Strazzini auf Kundschaft. Was sie anzubieten haben, sind Marroni bester Qualität – mit geübter Hand in einer Eisenpfanne gerührt und geröstet, aus der eine vertraute Dampfwolke entweicht. «Ich bin im Gegensatz zu anderen Marronibratern, die auf Gas umgestellt haben, der Holzkohle treu geblieben», sagt Marzio Strazzini und setzt den schweren Deckel auf.

Ein Solothurner Ehrentitel

Genau 175 Jahre sind vergangen, seit Carlo Scheggia aus Semione im Bleniotal sein Gastspiel als Marronibrater in Solothurn gab. Im Jahre 1871 übernahm dessen Schwiegersohn Giovanni Gianora – in einem Adressbuch von 1889 auch Kastanienhändler genannt – das städtische Marronigeschäft. Der gross gewachsene Tessiner mit kräftigem Körper, rundem Gesicht und dem Stiernacken fiel in der Stadt auf und verschaffte sich bald Autorität. Seine Tüten fertigte er aus alten Schulheften an, die ihm die Schulkinder brachten, weil sie wussten, dass es als Belohnung eine Marroni gab.

55 Jahre versorgte der Urgrossvater von Marzio Strazzini im Herbst und Winter die Leute mit heissen Marroni. War der Vorrat aufgebraucht, kehrte er zu Frau und Kindern ins Bleniotal zurück und verbrachte den Sommer als Winzer. Den Solothurnern wuchs er so stark ans Herz, dass sie ihn bald nur noch «Cheschtelemuni» nannten. Als Giovanni Gianova älter wurde, übernahm Giuseppe Strazzini das Geschäft. Ihm folgte Sohn Aldo und schliesslich dessen Sohn Marzio als vorläufig letztes Glied der langen Kette einer Sippe, die in Solothurn Geschichte schreibt.

Seit 40 Jahren trägt auch er nun bereits den Ehrentitel «Cheschtelemuni» und holt für die Solothurner den ganzen Winter hindurch die Kastanien aus der nie erlöschenden Glut. Marzio Strazzini ist, wie seine Vorfahren, nicht aus dem Städtchen wegzudenken. Als Erster der Solothurner Marroni-Dynastie ist der dreifache Vater in Solothurn sesshaft geworden und verbringt den Sommer nicht mehr im Bleniotal. Schuld daran ist die Liebe zur Solothurnerin und Ehefrau Yvonne, die ihn im Geschäft tatkräftig unterstützt.

Marronihütte in Schweinchenrot

Doch was wäre der Cheschtelemuni ohne das einmalige, aus Eichenholz gezimmerte Häuschen, das auch bereits 102 Jahre auf dem Buckel hat und den wohl grandiosesten Ausblick in die Hauptgasse und auf die Westfassade der St.-Ursen-Kathedrale zu bieten hat. Es hat vieles gesehen und erlebt, wobei ihm nur ein einziges Mal ganz Schreckliches widerfahren ist. Das war 1975, als es während der Fasnacht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion schweinchenrot angemalt wurde. Zur Tat bekannte sich die Fasnachtszunft Honolulu, die, wie sich im Nachhinein herausstellte, allerdings nur Gutes im Sinn hatte.

Sie befand nämlich, dass der leicht verwitterte Marronitempel eine Renovation nötig habe und schritt, nachdem der Werkhof das Häuschen in Windeseile in seinen Ur-Zustand zurückversetzt hatte, zur Tat. In Fronarbeit wurde das ganze Häuschen mit dem eleganten Kupferdächlein «muni-freundlich» renoviert und nun bordeauxrot überstrichen. Mit diesem Akt erklärte sich die Zunft auch zur Schirmherrin des Cheschtelemunis. Im Beisein des Denkmalpflegers und weiterer Prominenz stellte sie zudem das Kastanienbraterhäuschen kurzerhand unter Denkmalschutz.

Cheschtele – auch was fürs Ohr

Es versteht sich von selbst, dass in den Erinnerungen von Solothurner Kindern der Cheschtelemuni einen wichtigen Platz einnimmt. Böse Zungen behaupten, dass einige unter ihnen, selbst wenn sie erwachsen sind, die Kastanienschalen immer noch auf das Strassenpflaster werfen, obwohl das heute verboten ist. Das komme daher, meinen sie, weil es nichts Genüsslicheres gebe, als eine Kastanienschale mit den Schuhen zu zertreten. Das knackende Geräusch verleite einen das ganze Leben lang zu solchen Taten.

Eines ist gewiss: Das Erscheinen des Cheschtelemunis markiert für Solothurner den Herbstbeginn, sein vorübergehendes Verschwinden dagegen weckt im Herzen Frühlingsgefühle. Beides möchte man nicht missen.