Solothurner Filmtage
Die durchsichtige Provokation eines Filmkritikers

Es brauche die Solothurner Filmtage nicht mehr, schrieb die «NZZ am Sonntag». Sie irrt. Eine Replik.

Sabine Altorfer
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Schlange vor dem Landhaus: Die Solothurner Filmtage sind zum Publikumsfestival geworden.

Schlange vor dem Landhaus: Die Solothurner Filmtage sind zum Publikumsfestival geworden.

Hanspeter Bärtschi

Mit grossen Buchstaben erklärte die «NZZ am Sonntag» (NZZaS) am vergangenen Wochenende die Solothurner Filmtage für überflüssig. «Die Solothurner Filmtage wurden gegründet, weil der Schweizer Film im Kino keine Chance bekam. Jetzt ist er etabliert. Das Festival ist überflüssig», befand die Zeitung. Was steckt hinter der Provokation von Filmkritiker Christian Jungen zum 50-Jahr-Jubiläum der Filmtage?

Indirekt widersprochen hat Bundesrat Alain Berset in seiner Eröffnungsrede. «Honig ums Maul geschmiert», so die Ankündigung der NZZaS, hat der Kulturminister den Filmtagen nicht, sondern sie vielmehr als notwendige Plattform definiert. Als Ort, «wo die Schweiz sich selber begegnet». Denn die Filme, die im Lauf der letzten 50 Jahre in Solothurn gezeigt wurden, seien ein faszinierendes Abbild unserer jüngsten Geschichte. «Ja mehr noch: Seismografen unserer Befindlichkeit.» Die Filme spiegelten die Schweiz «als das vielfältige und komplexe Land, das sie wirklich ist».

Nur nette Worte? Oder hat Berset vielleicht recht? Klar ist jedenfalls: Im Artikel der «NZZ am Sonntag» ist einiges schief. Der Reihe nach.

Klares Profil. Die Filmtage hätten keine klare Mission, kein Profil, behauptet Autor Christian Jungen. Doch. Sie sind gar das Festival des Landes mit der klarsten Ausrichtung. Das Programm heisst in einem Wort: Schweiz. Hier sieht man, was hiesige Filmerinnen und Filmer im letzten Jahr produziert haben. Nicht alles – das wäre quantitativ nicht zu verkraften –, aber einen grossen Teil, von einer kompetenten Jury ausgewählt. Dass Fredi Murer, dass einzelne Filme anderswo Premiere feiern, ist kein neues Phänomen.

Im Vergleich zu Solothurn haben die Festivals Locarno und Zürich ein schwammiges Profil. Meist flimmert über die Leinwände, was Berlin, Cannes oder Venedig übrig lassen – und in Zürich mit Vorliebe Produktionen, deren Stars oder Nebendarsteller gewillt sind, sich an der Limmat zu präsentieren.

Notwendig. Die Filmtage sind nicht überflüssig. Aber sie haben sich gewandelt, sie sind von einem Insider-Anlass zu einem Publikumsfestival geworden. Das belegen die kontinuierlich steigenden Eintrittszahlen. 2014 verbuchten die Filmtage mit über 65 000 Eintritten einen neuen Rekord, viele der Kinos sind jeweils ausverkauft. Das Publikum kommt wegen des Schweizer Films, weil man Regisseurinnen, Schauspieler sowie andere Filmenthusiasten treffen kann. Da mutet der Einwand der «NZZ am Sonntag» seltsam weltfremd an, wenn sie schreibt: «Denn entgegen einem weitverbreiteten Irrglauben der Branche, deren meist linke Exponenten in merkwürdig nationalistischer Manier den ‹Schweizer Film› beschwören, gibt es relativ wenige Zuschauer, die bewusst einen Schweizer Film schauen wollen.»

Aktuell. Das Konzept einer nationalen Werkschau im eigenen Land sei von vorgestern, schreibt Jungen. «Statt einheimische Filme in einer geschützten Werkstatt zu zeigen, wäre es sinnvoller, dass diese sich an internationalen Festivals bewähren, weil sie auch im Kino dem Vergleich mit ausländischer Konkurrenz ausgesetzt sind.» Dass sich Schweizer Filme im internationalen Kontext behaupten sollen und müssen, ist richtig. Und es passiert. Die regelmässigen Meldungen von Swiss Films, welche Werke mit welcher Auszeichnung an welchem der mittlerweile vielen Festivals irgendwo auf der Welt gezeigt werden, belegen das deutlich. Die Krux ist eher, dass es zu viele Filme gibt, die primär für die Festivals, für die Insider produziert werden, die nicht mehr fürs Kino oder Fernsehen taugen. Mit dem unschönen Nebeneffekt, dass sie das einheimische Publikum gar nicht zu sehen bekäme, gäbe es Solothurn nicht.

Die Filmtage erneuern sich stetig, mit neuen Filmemacherinnen und Themen. Der Nachwuchs ist stark – quantitativ wie qualitativ. An den Filmtagen wie bei den Fernsehfilmen oder im Kino. Selbst der Eröffnungsfilm 2015 stammt nicht von einem «alten Crack», sondern von Claudia Lorenz, Jahrgang 1975.

Offen. Das Festival der Alt-68er und bewegten 80er habe politisch polarisiert. Das sei eine spannende Zeit gewesen, urteilt die NZZaS. Das stimmt – bis auf das Wort gewesen. Der Anwurf, mit der neuen Direktorin Seraina Rohrer sei «das einstige Widerstandsnest zur Hochburg der politischen Korrektheit regrediert», dagegen ist bizarr. Und schlecht begründet. Es spricht für Rohrer, wenn heute mehr Frauen und Romands auf den Podien und in den Jurys sitzen, wenn nicht nur der Zürcher Klüngel zu Wort kommt. Und für die Direktorin spricht auch, dass sie das Bewährte nicht auf den Kopf gestellt, sondern gezielt erneuert, geöffnet und verjüngt hat.

Interessen-Kollisionen. Der Vorwurf der Subventions-Vetterliwirtschaft ist in filmpolitischen Diskussionen an der Tagesordnung. Die NZZaS ortet gar eine ungerechte Bevorzugung der Filmtage: «Gerade weil Solothurn eine klare Mission fehlt, ist es merkwürdig, dass sich die Filmtage seit 2011 nicht mehr um Festivalsubventionen bewerben müssen wie alle anderen. Filmchef Kummer hat seinem ehemaligen Arbeitgeber einen Sonderstatus verliehen.»

Dieser Vorwurf gegenüber dem Bundesamt für Kultur und seinem Filmchef Ivo Kummer wird regelmässig von den Organisatoren des Zurich Film Festival erhoben. Interessantes Detail: Christian Jungen ist nicht nur Filmkritiker bei der «NZZ am Sonntag», sondern auch Chefredaktor des Filmheftes «Frame». Herausgegeben und finanziert wird das von der «NZZ am Sonntag» – zusammen mit dem Zurich Film
Festival.