Theodulfbibel
Die ältesten Solothurner Buch-Fragmente sind jetzt online

Die Theodulfbibel gehört zum Grundbestand des St. Ursenstifts, das im 8. Jahrhundert gegründet wurde. Es existieren heute nur noch weniger als zehn komplette Exemplare. Eines davon in Fragmenten in Solothurn.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Theodulfbibel-Fragmente im Staatsarchiv Solothurn.

Theodulfbibel-Fragmente im Staatsarchiv Solothurn.

frb

Bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat der damalige «wissenschaftliche Mitarbeiter» der Zentralbibliothek Solothurn, Alfons Schönherr, die mittelalterlichen Handschriften der Zentralbibliothek Solothurn untersucht und in einem Registerband aufgelistet. Damals kamen auch gut erhaltene Pergamentfragmente der sogenannten Theodulfbibel aus dem 8. Jahrhundert zum Vorschein.

Theodulfbibel

Theodulf von Orléans (750/60–821) war ein westgotischer Gelehrter, Dichter und Berater Karls des Grossen. Aus spanischem Adel stammend, machte er Karriere am Hofe Karls des Grossen und wurde von ihm 798 zum Abt von Fleury und Bischof von Orléans gewählt. Unabhängig von Alkuin (ebenfalls Berater Karls des Grossen und Bibelübersetzer) führte Theodulf um 800 eine eigene Revision des lateinischen Bibeltextes, der Vulgata des Hieronymus, durch. Dieser Arbeit wird von der Forschung beachtliche Qualität zuerkannt. Theodulf war 800 bei der Krönung Karls des Grossen in Rom anwesend und 814 Zeuge bei der Testamentseröffnung nach seinem Tod. Unter dem Nachfolger Karls der Grossen, Ludwig, geriet er in Ungnade; er wurde aller Ämter enthoben und verbrachte seine letzten Lebensjahre in Haft und Exil. (frb)

Heute würde man das Pergament wohl nicht mehr aus den Einbänden lösen, sondern die Fragmente am Buch belassen und so untersuchen. «Denn durch das Ablösen wurden eben auch Informationen zerstört, die Auskunft darüber geben könnten, wie man im 15. Jahrhundert mit den früheren Buchbeständen umgegangen war.» Auch in der Staatskanzlei Solothurn konnten Fragmente aus der gleichen Bibel aufgefunden werden. Dort wurden diese zum Einschlagen von Akten aus dem 15. Jahrhundert verwendet, erklärt Silvan Freddi, wissenschaftlicher Assistent beim Staatsarchiv.

Es sei davon auszugehen, dass die Theodulfbibel zum Grundbestand des St. Ursenstifts gehörte, welches im 8. Jahrhundert gegründet wurde, erklären die beiden Fachleute. Von der Theodulfbibel existieren heute nur noch weniger als zehn komplette Exemplare, so Holt weiter. Sie befinden sich unter anderem in Paris, London, Kopenhagen, Stuttgart und eben Fragmente in Solothurn.

e-codices

Ziel von e-codices ist es, alle mittelalterlichen und eine Auswahl neuzeitlicher Handschriften der Schweiz durch eine virtuelle Bibliothek frei zugänglich zu machen. Zurzeit sind 1290 digitalisierte Handschriften aus 54 verschiedenen Sammlungen verfügbar. Die virtuelle Bibliothek wird laufend ausgebaut. Aus dem Kanton Solothurn sind derzeit 24 Dokumente einsehbar, und zwar aus dem Domschatz der St.-Ursen-Kathedrale, der Staatskanzlei und der Zentralbibliothek. E-Codices entstand aus einem Projekt der Stiftsbibliothek St. Gallen und der Universität Fribourg vor 10 Jahren. (frb)

Silvan Freddi und Ian Holt haben nun die insgesamt 15 Fragmente gesichtet und beschrieben und im Rahmen des Projekts e-codices (siehe Kasten), der virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz, digitalisiert. Sie sind ab sofort für jedermann online zugänglich.

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