Stadt Solothurn

Die 68er Bewegung war auch in Solothurn keine «tote Hose»

Marguerite Miguel Misteli ist ein politisches Urgestein.

Marguerite Miguel Misteli ist ein politisches Urgestein.

45 Jahre ist es her, als junge Bürgerinnen und Bürger sich gegen die festgefahrenen Strukturen in Politik und Gesellschaft wehrten. In vielen Schweizer Städten kam es in diesem Zusammenhang zu Demonstrationen, auch in Solothurn?

Ihre Anliegen waren: linke Gesellschaftsutopien, antiautoritäre Erziehung, Anarchie, freie Liebe- und vieles mehr. Sie erachteten den Vietnamkrieg als sinnlos und schienen sich in dieser Zeit über den Sinn des Lebens Gedanken zu machen. Die 68er Bewegung bewegte die ganze Welt, die Schweiz und unter anderem auch die Stadt Solothurn. Das sicherlich bekannteste Ereignis in diesem Zusammenhang waren die Globuskrawalle in Zürich. Unzählige Aktivisten setzten sich am 29. Juni 1968 mit einer Demonstration für ein autonomes Jugendzentrum in der Stadt Zürich ein.

Eine grosse Zahl von Demonstranten blockierte den gesamten Verkehr im Bereich des Zürcher Hauptbahnhofes und des Bellevues. Die Polizei forderte die Demonstranten mehrmals auf, das Gelände zu räumen - erfolglos. In der Folge kam es zu massiven Auseinandersetzungen. Fazit: Die Polizei nahm 169 Demonstranten fest und 41 Personen zogen sich Verletzungen zu.

«Wir gingen da zum Globus und das war alles völlig spontan.»

Doch dieses Ereignis war nur die Spitze des Eisberges. Die Forderung nach einem Jugendzentrum als Teil von selbstverwalteten Räumen bestand schon längere Zeit. Der Versuch, die Forderung mit dem hartnäckigen Auftreten der 68-er Bewegung gegen das Establishement umzusetzen, führte zu den Ausschreitungen. Eine Aktivistin, welche damals ganz vorne mit dabei war, ist Miguel Misteli. Die heute 68-Jährige Solothurnerin studierte zu dieser Zeit Architektur an der ETH Zürich. Sie erinnert sich an die Zeit als wäre es gestern gewesen: «Wir gingen da zum Globus und das war alles völlig spontan. Doch dann ging plötzlich die Polizei mit den Wasserwerfern auf uns los.»

Warum sie auf die Strasse ging, ist für sie völlig klar. «Aufgrund unseres Studium war es für uns klar, dass wir uns für eine stärkere Partizipation der Jugend einsetzen wollten. Die ganze Bewegung ging vor allem von den Soziologen und den Architekten aus. Wir haben uns international ausgerichtet und damals viele revolutionäre Gedanken übernommen.»

Doch wie sah es zu dieser Zeit in der Stadt Solothurn aus?

«In Solothurn hingegen gab es keine derartige Stimmung. Als ich von 1960-1964 die Kantonsschule Solothurn besuchte waren meine Mitschüler beispielsweise mehr mit den Studentenverbindungen beschäftigt und liessen dort ihrer Energie freien Lauf. Auch gab es in Solothurn ohne Uni kein Umfeld für neue Debatten, welche Kantischüler/innen zu dieser Zeit politisierten.

Raffael Kubalek stellt in seiner Maturaarbeit aus dem Jahre 2005/2006 ebenfalls fest, dass in Bezug auf die 68er Jahre in Solothurn eher weniger lief als in anderen Schweizer Städten. Dennoch so ganz «tote Hose» war auch in der schönsten Barockstadt der Schweiz nicht. So kam es einige Jahre nach 68 dazu, dass ein konservativer SP-Politiker namens Jordi zum Rektor des Seminars gewählt wurde. Protestierende Schülerinnen und Schüler sowie Lehrer in der Solothurner Altstadt waren die Folge, wie Raffael Kubalek berichtet.

POCH und älteste «Genossenschaftsbeiz»

1971 fand die Gründungsversammlung der Progressiven Organisationen Solothurn (POCH) statt. Mit von der Partie war auch Miguel Misteli. Nach ihrem Studium und den «Lehr- und Wanderjahren» in Berlin war diese Organisation für ihre politischen Ideen und Ansichten die einzig geeignete in Solothurn, stellt sie klar.

Im Jahre 1973 war Misteli ebenfalls mit dabei, als in der Stadt die älteste selbstverwaltete «Genossenschaftsbeiz» der Schweiz gegründet wurde. «Anfangs hatten wir sehr Mühe. Man versuchte uns ständig irgendwelchen Drogenhandel zu unterstellen oder uns als Drogenumschlagplatz anzuschwärzen», bedauert Misteli. «Dabei herrschte bei uns im Kreuz eine Nulltoleranz. Wir duldeten keine Drogen im Haus.» Im Jahre 1974 nahm als zweites Standbein das erste regionale alternatives Kulturprogramm seine Anfänge im Kreuz mit einem eigenen Kleintheater (Protheater). Bis heute finden Aufführungen im Saal im 1. Stock des «Kreuz» statt. Dieses Kulturprogramm trug laut Misteli viel zur Kleintheaterkultur in der Region bei. Es waren teilweise die gleichen Leute, die das «Kreuz» und die Solothurner Filmtage aufbauten. Im «Kreuz» wurden die Solothurner Literaturtage ins Leben gerufen und die GSoA gegründet.

Die Zeit verging, Misteli wurde aus dem Zentralkomitee der POCH hinausgeschmissen, weil sie zu wenig parteikonform war. Die POCH löste sich im Jahre 1983 in ihrer Abwesenheit auf. Die «Genossenschaftsbeiz Kreuz» hingegen ist bis heute fester Bestandteil der Gastronomieszene der Stadt Solothurn und feierte vor kurzem ihren 40. Geburtstag.

Glaube an traditionelle Werte und Autorität geriet auch an der Solothurner Kantonsschule ins Wanken

Die 68er Bewegung zeigte jedoch auch Auswirkungen im Bildungsbereich. An der Kantonsschule entstanden in den Jahren um 1968 viele neue Schulfächer. So enstand ein Freikurs für Filmkunde, eine Lehrstelle für Deutsch und Massenmedien wurde bewilligt und Elektronik und Physikpraktikum hielten in den Schulzimmern Einzug. Daneben gab es auch eine starke Förderung der Sprachen. Ein Deutschkurs für Fremdsprachige, ein Sprachkurs Russisch und die Einweihung des Sprachlabors 1968 zeugen davon. Auch die akademische Berufsberatung wurde gesetzlich geregelt und institutionalisiert.

Weil die Stadt selbst nicht über eine Universität verfügt, kann nicht wirklich von einer «typischen» 68er Bewegung die Rede sein. Zumindest im Vergleich mit anderen Städten in welcher die 68er Bewegung am Anfang immer eine Studentenbewegung war. Doch viele der Studenten, welche aus dem Solothurnischen stammten, kamen wie Misteli wieder zurück und versuchten ihre Ideen und Anliegen hier in der Region umsetzten.

Meistgesehen

Artboard 1