Adventskalender
Die 16 Asylsuchenden «habens gut hier, und das wissen sie»

In der Adventszeit öffnen wir jeden Tag eine interessante Türe im Kanton und schauen,was sich dahinter verbirgt. Heute werfen wir einen Blick in die Abbruchliegenschaft Gibelin, die seit September von 16 Asylsuchenden bewohnt wird.

Andreas Kaufmann
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Die Tür zur Asylunterkunft Gibelin in Solothurn
34 Bilder
Sitzung mit den Bewohnern und den Freiwilligen
Peter Andraschko bietet technischen Support
Eva Steiner ist eine der Freiwilligen
Domenika Senti, Leiterin Soziale Dienste
Corinne Havrda gehört auch zu den Freiwilligen
Agathe Küng
Asylunterkunft Gibelin in Solothurn
Ein Töggelikasten für den Zeitvertrieb
Blick ins Bad
Corinne Havrda mit drei Asylsuchenden in den Schlafräumen
Schlafraum
Er versucht sich am Piano
Auch einen Fernseher gibts
Wer will noch was?
Asylunterkunft Gibelin in Solothurn
Auch Deutsch wird unterrichtet

Die Tür zur Asylunterkunft Gibelin in Solothurn

Andreas Kaufmann

Die Schweizer Kälte machte dem 19-jährigen Angosom Tadesse anfänglich etwas zu schaffen. Vor einem halben Jahr kam er in der Schweiz an, seit zweieinhalb Monaten bewohnt er zusammen mit 15 anderen, vorwiegend jungen Männern aus Eritrea die Gibelin-Liegenschaft neben dem Henzihof.

Drinnen liegen die Temperaturen einige Grad unter dem Idealklima, denn die Funktionsweise der Heizung ist noch nicht allen völlig klar. Doch ansonsten ist die Wärme in Tadesses Leben zurückgekehrt.

Sei es durch Spenden an Winterjacken, sei es durch die Zuwendung der fünf Freiwilligen, die den Asylsuchenden bei der Bewältigung des hiesigen Alltags unter die Arme greifen.

Oder sei es durch die Tatsache, dass Tadesse angekommen ist – nach dem Gang durch Instanzen und Türen: Empfangszentrum Vallorbe, Durchgangszentrum Selzach, Gibelin Solothurn.

«Ich mag es, andere Menschen zu treffen», sagt Tadesse. Es sind dies Landsleute, die er zum Teil schon vorher angetroffen hat, aber auch Menschen von hier, aus der Weststadt oder eben die Freiwilligen. Die Tür zur Unterkunft ist zwar mit einem Zahlencode verriegelt, doch drin herrscht Offenheit.

Helfer im Alltag

An diesem Tag ist die Leiterin der Sozialen Dienste Domenika Senti zu Besuch. Sie lobt die Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen und Bewohnern. Jeden Montagnachmittag werden die Bewohner für eine Sitzung mit den Freiwilligen zusammengetrommelt, diesmal unter weihnächtlichem Vorzeichen.

Mandarinli, Nüssli und Schoggi stehen bereit. Unüblich ist für die orthodoxen Christen aus Eritrea lediglich der frühe Zeitpunkt, an dem hierzulande das Fest gefeiert wird.

Die freiwillige Helferin Eva Steiner erklärt den kommenden Ämtliplan und lobt die Sauberkeit im Haus: «I am very proud», sagt sie langsam. Hier wird mit Händen und Füssen, mit Deutsch und Englisch kommuniziert – man versteht sich.

Einmal pro Tag kommt in der Unterkunft jemand aus der freiwilligen Begleitgruppe auf Visite, das neben Steiner aus Peter Andraschko, Corinne Havrda, Barbara Probst-Bernath und Agathe Küng besteht.

«Wir haben keine Ausschreibung für dieses Team gemacht, sondern potenzielle Personen direkt angesprochen», erklärt Senti die Hintergründe. Die Freiwilligen stehen den Asylsuchenden bei den Fragen rund um den Alltag zur Seite, erklären, wie die Heizung funktioniert oder das Handy, unterstützen bei anfallenden Reparaturen, strukturieren den Putzplan und erklären, was in der Weststadt für Aktivitäten laufen.

Darüber hinaus sind die Asylsuchenden autonom, kaufen ein, kochen und putzen selbst. Und in ihrer Freizeit gibts Spaziergänge – oder ein Fussballmatch wird besucht.

Kein Thema ist übrigens die Herkunftsgeschichte der Bewohner: «Mit den freiwilligen Betreuern sprechen wir keine asylpolitischen Themen an», bestätigt Senti. Dafür bieten vier der Freiwilligen unter Anleitung und Mithilfe zweier Scalabrini-Missionarinnen Sprachunterricht an, da die Kurse der Firma ORS, die für den Kanton viele Aufgaben bei der Asylaufnahme übernommen hat, den Asylbewerbern noch nicht offenstehen.

«So erhalten sie durch die Mithilfe der Freiwilligen wenigstens auf diese Weise zusätzliche Strukturen», erläutert Senti. Auch die Mithilfe auf der Henzihof-Hostett und die teilweise Selbstversorgung durch eigene Gartenbeete sind Thema im «Gibelin».

Unterstützung von nebenan

Während es der politischen Polemik dienen mag, das Haus als «Villa» zu bezeichnen, zeichnet der Blick ins Innere der Abbruchliegenschaft ein anderes Bild: Die Einrichtung ist bescheiden, an Kleidung und Mobiliar kam vieles aus wohltätigen Quellen zustande: vom Seraphischen Liebeswerk, vom Zivilschutz, von anderen Institutionen, von Privaten aus der Vorstadt.

Anderes wieder ist noch funktionstüchtiges Sperrgut, das die Asylsuchenden gefunden haben. Und doch: «Sie wissen, dass sie es hier gut haben», betont Senti.

«Man wird reich beschenkt»

«Die Bewohner stossen auf viel Sympathie im Quartier», bestätigt Eva Steiner. So haben gerade auch einige Anwohner aus der Weststadt Winterjacken in guter Qualität abgegeben.

Das Prinzip «Geben und Nehmen», wie ihr eigener innerer Antrieb zeigt: «Wir hatten früher zuhause oft Austauschschüler. Und jetzt war es mir wichtig, mich wieder irgendwo zu engagieren, wo es Sinn ergibt», sagt sie, gerade wenn man die momentane Flüchtlingssituation anschaue. «Und das Schöne ist: Man wird hier reich beschenkt.»

Eine positive Erfahrung, die dem Klischee des vertrauensunwürdigen Fremden das Wasser abgräbt, erzählt sie gleich selbst: Als sie einmal das Handy mit Fahrausweis und einer Travelkarte liegen gelassen hatte und zurückkam, seien ihr die Bewohner freudig entgegengekommen, um ihr die Fundsachen zu überreichen.

«Am Anfang haben wir viele Schränke abgeschlossen. Dabei ist es gar nicht nötig», ergänzt Steiner. Auffälligkeiten und Delikte gebe es keine im «Gibelin», bestätigt auch Domenika Senti.

Aber: «Es braucht etwas Durchsetzungsvermögen, um den Bewohnern beispielsweise klarzumachen, dass kein Besuch übernachten darf.» Zuweilen nämlich würden Asylsuchende vom Balmberg den Versuch starten, auf diese Weise in etwas zentralerer Lage zu nächtigen.

Enger wird es in der Liegenschaft ab nächstes Jahr ohnehin: Je nach weltpolitischer Entwicklung der Flüchtlingsströme werden wahrscheinlich bis zu drei weitere Asylsuchende hinzukommen.

Neben dem «Gibelin»-Haus beherbergen mehrere Wohnungen an der Kreuzackergasse, am Föhrenweg, am Erlenweg, an der Dornacherstrasse, am Ahornweg und im Steinbruggquartier Asylsuchende.

Derweil scherzt Eva Steiner in der Küche mit zwei der Bewohner. Gekocht wird hier sehr scharf, viele Eier, wenig Fleisch und ab und zu wird auch gekostet. Das Einkaufen in Solothurn bereite Angosom Tadesse keine Schwierigkeiten: «Ich finde hier alles, was ich brauche.»

Auch der 21-jährige Hani Michel lebt gut und glücklich hier, ebenso wie Robel Yemane, 20, der das harte Dasein in der eritreischen Armee beschreibt und sich hier auf der Suche nach beruflichen Perspektiven begeben will: «Ich möchte Mechaniker werden. Aber ohne die deutsche Sprache ist es wohl schwer.»

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