Solothurn
Dickicht an Reklamen an der Wengistrasse, doch ihr Schild musste weg

Das Firmenschild eines Kosmetikstudios an der Wengistrasse passte laut der Stadtsolothurner Baubehörde nicht ins Ortsbild des Strassenzugs.

Andreas Kaufmann
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Am untersten Balkon des Hauses hing das Schild. Aktuell fristet es im Eingang zu Ursula Henslers Kosmetikstudio sein Dasein.

Am untersten Balkon des Hauses hing das Schild. Aktuell fristet es im Eingang zu Ursula Henslers Kosmetikstudio sein Dasein.

Andreas Kaufmann

Das Firmenschild von «Beauty Point» ist dort, wo es definitiv keine Aufmerksamkeit mehr auf sich zieht: im Eingangsbereich des Hauses an der Westbahnhofstrasse 2, in dem Ursula Hensler seit nun 14 Jahren als Geschäftsführerin ihr Kosmetikstudio betreibt. Am Balkongeländer zur Wengistrasse, wo es sich noch bis im Frühling 2017 befand, zog das Schild einiges mehr an Aufmerksamkeit auf sich – genug zumindest, um eine Rechtsstreitigkeit zwischen Hensler und der städtischen Baubehörde vom Zaun zu brechen.

Unter dem Titel «Bauen ohne Baubewilligung» flatterte nämlich im November 2016 bei der Geschäftsfrau ein Schreiben des Stadtbauamts ins Haus. Das Firmenschild, das «aufgrund diverser Rückmeldungen aus der Bevölkerung» sowie einer Besichtigung des Bauinspektorats in einer anderen Liegenschaft an der Wengistrasse aufgefallen ist, sei demnach bewilligungspflichtig. Innert rund dreier Wochen sollte das Schild entfernt oder ein entsprechendes Baugesuch nachgereicht werden.

Hensler entschied sich für die zweite Option, stellte ein Reklamegesuch für das drei auf knapp einen Meter grosse Schild – und erhielt postwendend eine Absage. Es handle sich bei der Gebäudegruppe um ein «Ortsbildschutzgebiet», also um ein Gebiet mit «speziellem städtebaulichen Charakter». Somit sei die aussenräumliche Struktur zu erhalten. Äussere Veränderungen seien auf den Originalbestand abzustimmen. Insbesondere die Altstadtkommission gab in dieser Angelegenheit ebenfalls eine Stellungnahme ab, obwohl sich die Liegenschaft ausserhalb der Altstadt befindet.

Da nun Hensler für einen Antrag auf Wiedererwägung des Baugesuches einen Vorschuss beim Kanton in der Höhe von 1200 Franken hätte zahlen müssen, schwenkte sie die weisse Fahne und entfernte das Schild.

Gleiches Recht für alle?

Doch Hensler ärgert sich bis heute über die Ungleichbehandlung. Das Plakat war an jener Fassade befestigt, die westseitig, also an der Wengistrasse, liegt. «Und hier sind auch andere Werbetafeln angebracht», verteidigt sie sich: Beispielsweise leuchtete noch bis Ende 2017 vis-à-vis ihrem Kosmetikstudio grell das orange «M» des Migros-Provisoriums.

Und auch sonst kommt ein Fussgänger an der Wengistrasse nicht vorbei, ohne das Dickicht an Schildern und Reklamen zu bemerken. Zudem hatten auch die vorher an der Westbahnhofstrasse domizilierte Firma Leysinger Treuhand sowie ein nachfolgendes Anwaltsbüro an den gleichen Positionen ihre Firmenschilder installiert, «ohne dass es dagegen Einwände gegeben hatte», sagt Hensler. Noch heute sind an beiden strassenseitigen Fassaden die weissen Grundflächen früherer Installationen zu sehen.

Welche Rückmeldungen aus der Bevölkerung ihre Firmenanschrift «vor dem verrosteten Balkongeländer» zu Fall gebracht haben, weiss Hensler nicht. «Es menschelet halt», meint sie. Jedoch sei es für sie schwer zu verstehen, weshalb das Schild erst nach einiger Zeit zum Problem wurde. Und nach dem aufreibenden Briefwechsel mit der Stadt fühlt sich Hensler als Gewerbetreibende erst recht nicht unterstützt. «Ich bin seit 32 Jahren als Geschäftsführerin tätig, und immer in diesem Quartier. Dass man mir nun als Arbeitgeberin von vier Angestellten und als Steuerzahlerin Steine in den Weg legt, macht mich wütend.»

Wo der Ortsbildschutz aufhört

«Wenn die Baubehörde einen rechtswidrigen Zustand feststellt, ist sie verpflichtet zu reagieren», so die nüchterne Antwort von Andrea Lenggenhager, Leiterin des Stadtbauamts. Und da sich die Liegenschaft zusammen mit den Häuserzeilen in beide Achsen Westbahnhof- und Wengistrasse im Ortsbildschutzgebiet befinde, sei die Baubehörde auch angehalten, von der Altstadtkommission eine fachliche Stellungnahme einzuholen.

Fazit: «Die Balkone und deren Geländer sind für das Ortsbild prägend und sollen daher nicht durch angebrachte Reklametafeln überdeckt werden.» Es stehe Ursula Hensler nach wie vor frei, mit entsprechenden Anpassungen ein neues Gesuch einzureichen. «Falls eine Anschrift gestalterisch an den Gebäudecharakter angepasst wird, kann sie bewilligt werden.»

Was Schilderbewilligungen der vorigen Mieter wie Legatax angehe, seien keine Unterlagen vorhanden, sagt Lenggenhager. Andere Geschäftsliegenschaften an der Achse Wengistrasse weisen ihr zufolge lediglich Fassadenelemente auf, die aus Einzelbuchstaben bestünden und nicht als Tafel daherkommen. Auf der anderen Strassenseite der Wengistrasse gilt gemäss Vorgaben des Zonenplans hingegen gar kein Ortsbildschutz – somit auch nicht für das beanstandete orangefarbene «M»...

Die Geschichte um das Gebäude an der Westbahnhofstrasse 2

1857 wurde der Westbahnhof in Solothurn erbaut. Ein paar Jahre später erstellte der damalige Kantonsbaumeister Alfred Zschokke einen verbindlichen Bebauungsplan mit Blockrandbebauungen. So entstanden zwischen 1864 und 1866 die ersten aneinander gebauten Häuser auf der Südseite der Westbahnhofstrasse.

Das Eckhaus Nummer 2 (Ecke Westbahnhofstrasse-Wengistrasse) wurde ein Jahr später in ebendieser Zeit von Wilhelm Tugginer an die bestehenden Häuser angebaut. Knapp 60 Jahr lang befand sich darin der Sitz der Buch- und Kunstdruckerei Union AG. Das Eckhaus wurde etwa 1920 umgebaut. Dabei wurde der Haupteingang an die Westbahnhofstrasse verlegt. Auch wurde das giebelständige Satteldach durch das heutige Walmdach ersetzt, was die ursprüngliche Symmetrie der Fassadenflucht an der Westbahnhofstrasse zerstörte.

Das Gebäude ist nicht unter kantonalem Einzelschutz, liegt jedoch im Ortsbildschutzgebiet. Obwohl das Dach unvorteilhaft verändert wurde, nimmt es dennoch immer noch einen wichtigen Platz in der historischen Bebauung der Westbahnhofstrasse ein und markiert einen wichtigen städtebaulichen Eckpunkt der Strasse und muss erhalten bleiben.

Die ganze Bebauungsentwicklung ist sehr gut dokumentiert und beschrieben im Kunstdenkmälerband 1 der Stadt Solothurn, Stadtanlage und Befestigung (von Benno Schubiger).

Ebenfalls dokumentiert ist sie im INSA-Band über die Stadt Solothurn (Architektur und Städtebau 1850-1920).

Quelle: Urs Bertschinger

Das Eckhaus an der Westbahnhofstrasse 2 im Laufe der Zeit Das Gebäude im Jahre 1969
3 Bilder
Das Eckhaus im Jahre 1977
Der Westbahnhof Solothurn 1956

Das Eckhaus an der Westbahnhofstrasse 2 im Laufe der Zeit Das Gebäude im Jahre 1969

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