Solothurn
Der Vortanz wird für 1181 Franken versteigert

Der bekannte Herzchirurg Thierry Carrel hielt in Solothurn die Festrede bei der St.Margrithen-Bruderschaft. Für das Vortänzerpaar kamen über 1100 Franken zusammen.

Mark A. Herzig
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Vorstädterchilbi 2017 in Solothurn
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Vorstädterchilbi 2017 in Solothurn

Thomas Ulrich

Grosszügigkeit und Warmherzigkeit bilden das Fundament unseres Vaterlandes, sagte der bekannte Herzchirurg Thierry Carrel in seinem ebenso glänzenden wie tiefgreifenden Toast aufs Vaterland an der Vorstädterchilbi, der ihm mit langen Standing Ovations verdankt wurde.

Er zeigte sich als Freund Solothurns und insbesondere der St. Margrithen-Bruderschaft, die er auf dem Alphorn mit dem «Ranz des vaches», ergänzt mit dem Refrain aus dem Solothurnerlied, überrascht hatte.

Von altem Schrot und Korn

Im Lied heisst es, Solothurn sei frömmer noch als andere Schweizer Städte, weil es so viele Bruderschaften gibt. Die älteste darunter ist die zu Sankt Margri- then. Ihre Gründung liegt im Dunkel der Geschichte. Als sicher scheint den Brüdern, dass 1499 ihre Vorfahren von der Chilbi weg nach Dornach in die Schlacht zogen. Dieses Ereignis, in der Darstellung von Robert Glutz von Blotzheim, prägt bis heute die Vorstädterchilbi und das Bruderschaftsmahl. So wurde auch diesmal nach dem Hauptgang sein Schlachtbericht von Cancellarius Patrick Schwaller vorgetragen.

Begonnen hatte der Chilbisonntag um sieben Uhr mit dem Tagwachtschiessen und dem Ständchen der Blaskapelle Konkordia. Anschliessend gings zum Festgottesdienst in die Alte Spitalkirche. Das ist jeweils ein erster Höhepunkt, mitgestaltet vom Domchor St. Urs, der Schuberts Deutsche Messe sang. Pfarrer Beat Kaufmann aus Deitingen hielt eine zu Herzen gehende Festpredigt und zelebrierte die Messe.

Anschliessend besuchten Vorstand und Ehrengäste die Gemeinschaft der Ehrwürdigen Spitalschwestern, die seit 1788 ex officio der Bruderschaft angehören. Derweil machten sich die weltlichen Schwestern auf zum Damenprogramm und die Brüder zum Umgang durch die Vorstadttavernen.

Chilbimahl mit festem Ablauf

Auch das Bruderschaftsmahl hat seinen festen Ablauf. Das stellte wiederum Anforderungen an Obmann Franz Gamper und Weibel Peter Neuenschwander, die fröhliche Gesellschaft im Fahrplan zu halten. Der Eröffnung durch die Kapelle Gebrüder Reber und dem Tischgebet folgten die Vorspeise und die Begrüssung durch den Obmann.

Der traditionellen Krebsensuppe schloss sich die Ehrung der Toten an, gefolgt vom Hauptgang und dem spritzigen Protokoll der letzten Chilbi von Cancellarius Patrick Schwaller.

Tradition und Geselligkeit

Festredner Thierry Carrel zeigte sich beeindruckt von der Art, wie die Bruderschaft Tradition, Geselligkeit, Miteinander und Nächstenliebe pflegt. «Wir haben das Recht und die Pflicht, unser Land zu lieben und Patrioten zu sein», betonte er und verglich die Einwanderung mit einer Bluttransfusion, die Leben retten kann. «Der Körper muss sich mit den fremden Zellen auseinandersetzen und kann sie abstossen, wenn sie nicht kompatibel sind.» Er sah eine gewisse Ähnlichkeit im Verhältnis zu ausländischen Menschen. «Viele unter ihnen verhindern, dass unsere Ökonomie ausblutet. Aber Kompatibilität und Akzeptanz müssen stimmen.»

Carrel möchte in der Nähe Oltens zwischen der A1 und der Bahnlinie einen Turm sehen. Darauf stände für Politiker, die nach Bern fahren um zu poltern und für Manager, die nach Zürich unterwegs sind, um Stellen zu streichen, etwa zu lesen: Ein Lob der Freiheit und deren Gründervätern, oder eines der Demokratie, die, so Carrel, ungerechtfertigt als Bremse tituliert werde. Zuoberst aber müsste die Forderung nach Toleranz und Menschenfreundlichkeit stehen.

Vortanz-Versteigerung am Schluss

Auch das Bruderschaftsmahl 2017 schloss mit der Vortanz-Versteigerung nach amerikanischer Art. Bieter Daniel Ritschard hielt mit seiner Routine das wilde Bietgefecht im Zaum.

1181 Franken kamen für das Vortänzerpaar André und Priska Hess zusammen. Mit ihnen an der Spitze formierte sich das Chilbizüglein zum Rundgang durch die Vorstadt.