Solothurn
Der Turm bleibt krumm: Durch die Sanierung soll die historische Substanz nicht verloren gehen

Der Krummturm in Solothurn musste saniert werden, da Ziegel auf die Schanze fielen und so ein Risiko darstellten. Im August begannen die Arbeiten, die nächste Woche abgeschlossen werden. Ein Besuch auf der Baustelle.

Judith Frei
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Sanierung Krummturm Solothurn
10 Bilder
Dies macht einen Drittel der Renovationskosten aus.
Der Steinbildhauer Heinz Lehmann versucht möglichst die historische Substanz zu erhalten.
Gewehrhalterung aus vergangener Zeit.
Konrad von Arx von der Firma Lüthi Gebäudehüllen AG arbeitet am steilen Dach.
Das Gerüst ist nicht am Dach befestigt.
Für das Dach wurden 2 bis 3 Kilometer Dachlatten angebracht.
Der Mond ist nach 23 Jahren wieder an der Seite der Sonne.
Es geht steil hinunter

Sanierung Krummturm Solothurn

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

12, 13, 14 – fast oben – 16 Stockwerke – oder waren es 15? – und dann noch die zwei letzten Stockwerke. Ausser Atem, auf der letzten Etage des Gerüsts, sieht man eine eindrückliche Sicht auf die Altstadt, wo die St. Ursenkathedrale hinter den Häusern hervorlugt. Unten erkennt man den Postplatz. 45 Meter weiter unten treiben farbige Blätter auf der Aare vorbei. Das ist die Sicht auf dem höchsten Punkt in der Vorstadt: Auf der Krummturmspitze.

Der Krummturm ist das älteste unverändert erhaltene Bauwerk der Stadt. Wann genau damals die Bauarbeiten gestartet sind, weiss man nicht. Man vermutet, dass der untere Teil des Turmes Mitte des 13. Jahrhunderts gebaut wurde, als die Befestigung um die Stadt erstellt wurde. Das Dach – dem der Turm seinen Namen verdankt – wurde in den 1460er Jahren erbaut. Seither ragt also am Aare-Ufer dieser Wehrturm hervor, die Schiessscharten in Richtung Feind gerichtet. Er trotzte Wind, Wetter und Kugelhagel. Denn:

Früher war es sehr wahrscheinlich ein Zeitvertreib auf Turmspitzen zu schiessen

, erklärt Stefan Blank von der kantonalen Denkmalpflege. Davon zeugen Einschusslöcher an den Turmspitzen – dies habe man auch schon an anderen Türmen beobachtet.

Wie der Turm genau gebaut wurde, kann man nicht mit absoluter Sicherheit sagen, die Dokumente sind nicht mehr auffindbar. Blank erklärt aber, dass man schon damals eine Art Gerüst gekannt hat. So wurden direkt im Stein Holzpfähle eingelassen, auf denen dann Holzplatten aufgelegt werden konnten. Als der Turm fertig war, wurden die eingelassenen Holzstücke abgeschnitten. Noch heute zeugen Löcher und Holzstücke in der Mauer von dieser Technik.

Gerüst, ein Meisterwerk

Heute ist der Turm von oben bis unten eingerüstet. Bis zum Dach konnte das Gerüst noch am Mauerwerk befestigt werden. Dann, auf 24 Meter Höhe, wo das Dach anfängt, war dies nicht mehr möglich. Die Letzten paar Meter sind freitragend und nur auf den Grundelementen abgestützt. Ein Meisterwerk sind sich die Arbeiter, die auf dem Gerüst arbeiten, einig. «Das Gerüst macht ein Drittel der gesamten Kosten aus», weiss Lukas Reichmuth von der Stadt.

Initialzünder für die Sanierung des Turms sei das Dach gewesen. Bei den letzten Reparaturarbeiten wurde festgestellt, dass sich die Lattenkonstruktion löst. So fielen immer wieder Ziegel vom Dach auf die Schanzenanlage. Da das Gerüst sowieso aufgestellt werden musste, wurde beschlossen, dass man nicht nur das Dach saniert, sondern auch gerade die Fassade.

Keine sichtbaren Veränderungen bedeutet gute Arbeit

Dafür wurde der Steinmetz Heinz Lehmann beauftragt. «Wenn wir gut gearbeitet haben, dann erkennt man nicht, was wir erneuert haben», erklärt er. Der Charakter und die Sprache der alten Bauweise sollen beibehalten werden. «Jedes Gebäude hat eine Geschichte, die erhalten werden muss und ich will auch der Bauweise der Vorfahren gerecht werden», so Lehmann.

So sieht man an einigen Stellen, dass der Zahn der Zeit am Turm genagt hat. Diese Stellen bessert Lehmann nicht aus. Denn würde er einerseits mit diesen Arbeiten in die Bausubstanz eingreifen und diese zerstören und andererseits soll man doch auch das Alter diesem Gebäude anmerken meint der Steinbildhauer. Reichmuth bestätigt: Es handelt sich hier nicht um eine ästhetische Sanierung, sondern darum das Gebäude zu sichern und zu erhalten.

Richtiges Material finden

Der Krummturm sei kein komplizierter Auftrag, da die Fassade nicht mit aufwendigen Dekorationen geschmückt sei. Es sei aber eine Herausforderung gewesen das richtige Material zu finden. «Das hier ist ein Kalkstein», er zeigt auf die Steine im unteren Bereich des Turms. «Weiter oben wurde der leichtere Tuffstein benützt.»

Zuerst hat er und sein Team die Fassade mit Wasser sanft gereinigt. Das Reinigen sei nicht einfach, da dies auch Schäden am Stein verursachen kann. Die Ostseite sei am stärksten beschädigt gewesen und musst ausgebessert werden. Dazu hat er mit einem eigenen Tuffsteinmörtel die Stellen ausgebessert. An anderen Stellen mussten die Fugen erneuert werden.

Vor einigen Jahrzehnten sei Zementmörtel häufig verwendet worden, dieser Werkstoff sei aber ungünstig, da die Fugen immer weicher als der Stein sein muss. «Bei der Fassade ist es wichtig, dass das Wasser wieder aus dem Stein abfliessen kann», erklärt der Experte. Sonst würde das gefrorene Wasser im Winter dafür sorgen, dass der Stein abplatzt.

Arbeiten und Trump-Fahne in Schwindel erregender Höhe

Oberhalb der Fassade kommt man zu den Dachdeckern. Die Mitarbeitenden von Lüthi Gebäudehüllen AG sind die letzten Ziegeln am fixieren. Wenn sie fertig sind werden sie ungefähr 20'000 Ziegel montiert haben. Jeder einzelne Ziegel wurde zuerst abgenommen, gewaschen und dann wieder befestigt. Einige wenige mussten ausgetauscht werden.

Das bedeutet akribische Handarbeit, denn die einzelnen Stücke sind handgefertigt. Einige sind 15 cm breit, andere können bis zu drei Zentimeter breiter sein. Damit die Ziegel wie gewünscht aufeinander liegen, muss jedes Stück sorgfältig ausgesucht und eingepasst werden. Einige Ziegel werden nun auch mit Klammern befestigt, damit sie nicht abrutschen.

Eigentlich arbeiten die Dachdecker direkt auf dem Dach, da das Krummturmdach aber fast senkrecht ist, müssen sie vom Gerüst aus arbeiten. Die Höhe gibt ihnen zwar eine schöne Sicht auf die Barockstadt, doch ist es dort bedeutend kälter und windiger.

Arbeiten wegen Wind unterbrochen

Anfangs Oktober mussten sie die Arbeiten gar abbrechen, da der Luftzug zu stark war. Auch jetzt, obwohl kaum ein Wind spürbar war, merkte man, wie er am Gerüst zerrt. Es bewegt sich leicht, doch man hat den Eindruck, dass der Turm sich bewegt und nicht das Gerüst. Wie es bei stürmischeren Wetter auf diesem Gerüst anfühlt, will man nicht am eigenen Leib erfahren. Die Arbeiten auf dem Gerüst verlief aber ohne Zwischenfall.

Anfangs dieser Woche haben sie auf der obersten Etage eine Wahlkampffahne vom Amerikanischen Präsidenten gefunden und entfernt. Wer die dort aufgehängt hat, wissen sie nicht, schwindelfrei muss die Person aber gewesen sein, da sie zuerst über das Schanzentor klettern musste und dann bis zur letzten Etage des Gerüsts.

Dach auf fünfeckigem Fundament erbaut

Nächste Woche werden die verbleibenden Arbeiten abgeschlossen, und das Gerüst wieder abgebaut – so wie es der Zeitplan vorgesehen hat. Nachdem der Krummturm seit Ende August verhüllt war, kann man das krumme Dach wieder sehen. Obwohl man jetzt 250'000 Franken aufgewendet hat, wird es aber nicht gerader erscheinen. Spitzfindige sagen auch, dass es eigentlich gar nicht krumm ist, sondern nur so erscheint.

Denn das Dach wurde auf ein ungleichseitiges fünfeckiges Fundament aufgebaut. Dadurch entstand eine pyramidenartige Konstruktion mit ungleichen Seiten, wodurch das Dach krumm erscheint. Dass der Grundriss absichtlich kompliziert gestaltet wurde, um den Zimmermann vor eine schwierige Aufgabe zu stellen, wie die Legende besagt, ist unwahrscheinlich, da der untere Teil des Turmes rund 200 Jahre älter ist als sein Dach.

Zeitzeugen in der Turmspitze

Auf der Turmspitze dreht die kupferne Wetterfahne – eine Sonne und ein Mond – im Wind. Die zwei Gestirne waren seit 1997 nicht mehr vereint. Nach einem Sturm wehte es den durch Rost lose gewordenen Mond weg. Eine Nachbarin fand ihn in ihrem Garten liegen und gab ihn im Werkhof ab. Als die Bauarbeiten im August auf dem Turm anfingen, konnte sich der Projektleiter der Stadt, Bruno Hänni, an diese Geschichte erinnern. Er vermutete den Mond noch im Werkhof und durchsuchte ihn vergeblich. Dann fand er den Verschollenen wieder bei der Denkmalpflege und nach Reparaturen befestigte man die zwei auf dem Turm.

Sie sind auf einer Kupfer-Kugel festgemacht. Diese hat einen Durchmesser von 65 cm und ist hohl. Dort bewahrt man Gegenstände in sogenannten Zeitkapseln auf, die nächsten Generationen an die Zeit der Konstruktion oder Renovation erinnern. In der Krummturmspitze sind schon drei sogenannte Zeitkapseln. Traditionellerweise findet man Münzen, Dokumente und andere Gegenstände. Eine Zeitkapsel im Krummturm war zerlöchert – vermutlich durch Gewehrschüsse – wodurch die Dokumente darin verrotteten. Münzen aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert sind in der Kapsel aufbewahrt.

Ungewöhnliche und altbekannte Zeitzeugen

Das letzte Mal als die Turmkugel geöffnet wurde, schrieb man das Jahr 1920. In der Zeitkapsel von damals fand man Fotografien von den Bauarbeiten. So weiss man, dass damals ein waghalsiges Gerüst auf der Spitze des Dachs gebaut wurde. Ausserdem fand man eine Zeitung vom 15. Juni 1920. Damals wurde der Bevölkerung empfohlen wegen der Spanischen Grippe möglichst zu Hause zu bleiben, um eine Infektion zu verhindern. Der Inhalt der Kapsel wurde durch Denkmalpflege dokumentiert und wieder verschlossen in die Spitze zurückgelegt. Auch die Kugel musste auch ausgebessert werden.

Wenn in einigen Jahrzehnten, sobald wieder Renovationen anstehen, zukünftige Generationen die Kugel öffnen, werden sie drei Zeitkapseln finden. In der jüngsten Kapsel werden sie eine «Solothurner Zeitung» vom 27. Oktober 2020 finden. Dort werden sie ähnlichen Inhalt lesen können, wie in der 100 Jahre älteren Zeitung. Neben der Zeitung werden unsere Nachfahren den diesjährigen Sanierungsbericht und ein Ersttagkuvert der Stadt Solothurn aus dem Jubiläumsjahr finden. Zudem wurden Fotos von der Umgebung des Turms gemacht, die sich an die Perspektive der 1920er anlehnen, damit die Veränderungen ersichtlich werden. Zuletzt wurde auch eine Coronaschutzmaske darin verstaut.