Solothurn
Der Stadtuhrmacher schliesst sein Geschäft an der Hauptgasse – der wichtigsten Kundin bleibt er treu

Der Solothurner Stadtuhrmacher Martin von Büren gibt sein Geschäft an der Hauptgasse, nicht aber die Leidenschaft auf. Seine Stammkunden und die wichtigste Kundin – die lässt er nicht im Stich.

Wolfgang Wagmann
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Der Zeitglockenturm von Solothurn , der vermutlich im 13. Jahrhundert erstellt wurde, gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt
14 Bilder
Seit 1981 betreut Stadtuhrmacher Martin von Büren das Uhrwerk des Zytgloggeturms
Martin von Büren wartet das Uhrwerk des Zytgloggeturms
...damit die Uhr nicht stehenbleibt.
Das Uhrwerk stammt von Lorenz Liechti aus Winterthur von 1545.
Aufwendige Technik von anno dazumal
Die drei Gewichte werden händisch über vier Stockwerke aufgezogen, und dies täglich
Ein komplexes Räderwerk
Martin von Büren zieht das Uhrwerk auf
Martin von Büren zieht das Uhrwerk auf
Der Stadtuhrmacher betreut das Uhrwerk im Zeitglockenturm.
Der eindrückliche Schacht für die Uhrgewichte
Martin von Büren schaut zum Rechten
Der eindrückliche Schacht für die Uhrgewichte

Der Zeitglockenturm von Solothurn , der vermutlich im 13. Jahrhundert erstellt wurde, gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt

Andreas Kaufmann

Mit 60 ist es eigentlich ein bisschen früh zum Aufhören. Doch Martin von Büren hat sich entschlossen, sein Fachgeschäft an der Hauptgasse 43 bis Ende März aufzugeben. Seine Leidenschaft, die Uhr pflegt er weiter. An verschiedenen Fronten. Ist er doch nicht allein Uhrenverkäufer, sondern eben auch Uhrmacher. «Und da habe ich verschiedene Projekte, für die ich bisher kaum oder nie Zeit fand.» Die Zeit, sie beschäftigt ihn. Darum gibt er auch sein Geschäft auf, «solange ich noch Zeit habe, etwas zu machen.»

Aber auch von Büren zollt den neuen Zeiten seinen Tribut. «Die Umsätze sind zurückgegangen.» Das Übliche halt: Die Leute besuchten zwar sein Geschäft, liessen sich bestens beraten, «und kaufen die Uhr dann im Internet, weil sie dort zwei, drei Franken billiger ist.» Einstellen, vielleicht noch ein Armband montieren und reparieren, das darf der Fachmann. «Reparaturen gibts immer. Mehr als genug.» Die wird er für Stammkunden auch weiterhin durchführen, im Atelier, das er nicht aufgeben will. Deshalb seine Ansage: «Meine Kunden bleiben in guten Händen.»

Hauptgass-Geschäfte – alles wird anders

Die Hauptgasse hat dieses Jahr schon etliche Veränderungen gesehen: Für den Ende Jahr Konkurs gegangenen Modeladen Biba fand sich neben der Suteria eine Nachfolgerin mit dem Label Street One. Dies als Absetzbewegung des Modehauses Schild an der Gurzelngasse, das Ende Jahr schliesst, und dann vom Babyzubehör-Shop des Kinderparadieses Bohnenblust wieder belebt wird. Das traditionsreiche Haus – ebenfalls an der Hauptgasse – wird nächstes Jahr für eine neue Mieterschaft umgebaut. Noch keine Nachfolgelösung zeichnet sich für die Geschäftsflächen von Oviesse visa-vis-ab, die im August wegen Konkurs aufgegeben werden mussten. Der Anfang Jahr geschlossene «Ex-Libris» erlebte eine Reanimation durch den Modeladen Bianca dos. Ebenso die nebenan im Februar geschlossene Boutique Caroll durch das nun neu eröffnete Coiffeurgeschäft Hair Departemet Ambiente von Pablo Acosta. Dagegen ist noch unklar, wer Nachfolgemieter für das im Frühling leer werdende Geschäftslokal von Martin von Büren sein wird. (ww)

Zu Besuch bei der alten Dame

Aufgeben wird er auch nicht seine wohl wichtigste Kundin: die Stadt Solothurn. Schon lange ist Martin von Büren zu ihren Diensten. Anfangs der 80er Jahre führte Vater von Büren noch sein Uhrenfachgeschäft an der Hauptbahnhofstrasse, das er erst 1994 mit dem Umzug an die Hauptgasse Sohn Martin übergeben sollte. Doch schon damals hatte die Stadt dem Vater eine ganz spezielle Aufgabe angeboten. Dieser schlug ein. «Kaum hatte er das Amt des Stadtuhrmachers angenommen, übergab er es mir. So kommt man zu Jobs.»

Damit war Martin von Büren plötzlich für alle öffentlichen Uhren der Stadt zuständig: in der Badi, in den Schulhäusern, später auch für die 11i-Uhr am Amtshausplatz, und natürlich für die Turmuhren im Bieltor mit seinem Uhrwerk aus den sechziger Jahren sowie der «alten Dame», dem komplexen astronomischen Uhrwerk von anno 1545 im Zeitglockenturm. «Etwa alle zwei Tage bin ich dort oben.»

Aufziehen muss das Uhrwerk immer noch täglich ein Schüler. «Meistens klappt das auch.» Der ganze Mechanismus kennt auch nach der Totalrevision von 1999 seine Macken. «Manchmal bleibt die Uhr stehen, weil eine Taube eingeklemmt ist. Probleme gibts auch bei rasch wechselnden Temperaturen, und manchmal hat die Uhr einfach ihre Launen – dann geht sie den einen Tag nicht und am andern wieder.»

Sechs Monate lang wurde 1999 Teil für Teil herausgenommen und wieder zusammengesetzt, nachdem die Farbe, mit der man den Rost übertüncht hatte, entfernt worden war. «Aber ersetzt darf nichts werden», betont von Büren. Und diese faszinierende Authentizität der «Alten Dame», lockt immer wieder Interessierte an. «Auf Anfrage mache ich Führungen durch den Turm.» Sechs, sieben Leute seien ideal, denn es gilt: «Anfassen verboten!» Ab und zu kommt der Stadtuhrmacher allerdings an seine Grenzen: So wollte eine Turmuhrgruppe aus Deutschland den Zytgloggeturm besichtigen – mit 100 Mitgliedern.

Ein Faible für Turmuhren

Die Zeitumstellung an den städtischen Uhren gehört zum Unterhalt, grössere Reparaturen oder Renovationen werden mit der Stadt abgesprochen, «und manchmal meldet sich auch das Rathaus.» Ob Pendule, Standuhr oder ein Chronometer für Sport-Zeitmessungen, von Büren kennt sich mit allem aus, was Zeit misst. «Am Samstag hatte ich die Zeitmessung fürs Achterrennen des Ruderclubs übernommen.»

Zu seinen Spezialitäten gehört auch das Herstellen seiner eigenen Solothurner Uhren, darunter höchst komplexe Skelett-Uhren, bei denen das ganze Werk transparent bei seiner Arbeit zu verfolgen ist. «Etliche Einzelstücke habe ich auch nie verkauft, sondern für meine Sammlung zurückbehalten.» Die durchaus auch grössere Exemplare umfasst: So allein 16 Turmuhren – «die älteste von 1600 bis solche, die vor 100 Jahren entstanden sind» – untergebracht in einem Bauernhaus.

Der Stadtuhrmacher betreut das Uhrwerk im Zeitglockenturm.

Der Stadtuhrmacher betreut das Uhrwerk im Zeitglockenturm.

Andreas Kaufmann

Auf den Hund gekommen

Wer sich mit Uhren befasst, kennt die Tücken des Objekts. Doch in einem Fall wusste auch der Fachmann fast nicht mehr weiter. «Mir war eine französische Standuhr, eine sogenannte Moret- oder Burgunder-Uhr zur Reparatur anvertraut worden. Doch kaum war sie wieder beim Besitzer, funktionierte sie einfach nicht mehr», erzählt Martin von Büren.

Also zurück zu ihm, repariert und wieder zum Eigentümer. Doch jedes Mal gab die Uhr dort wieder ihren Geist auf. «Ich hatte sie dann sogar zwei Wochen bei mir, und sie funktionierte klaglos.» Nach mehreren Reparaturen entdeckte von Büren dann einige seltsame Abdrücke am Pendel: Dieses ruckte offenbar genau auf Augenhöhe eines Windhundes hin und her, der deshalb das Pendel immer wieder mit der Nasenspitze angetippt und so die Uhr seines Herrchens jeweils gestoppt hatte.

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