Eigentlich stand Staatsanwalt Ruedi Montanari Pate bei der Gründung meines Verlages», erzählt der heute 55-jährige Solothurner Roger Liggenstorfer. Er sitzt an seinem «Verlegerschreibtisch» im 1. Stock im Haus an der Kronengasse 11. Im Parterre dieses Hauses ist ein anderes seiner «Kinder» beheimatet: die Absinth-Bar. Liggenstorfer berichtet, wie er sein Berufsleben in einem ganz anderen Metier startete.

«Ich absolvierte eine kaufmännische Lehre bei der damaligen Solothurner Kantonalbank, doch zwei Monate nach der Lehre, angekommen im bürgerlichen Berufsalltag, spürte ich, das kann es nicht sein. So will ich meinen Lebensunterhalt nicht verdienen.» Der junge Mann wollte selbstständig sein. «Mit einem Kredit von 10 000 Franken hab ich mir ein Auto, einen Marktstand, ein Sortiment von kunsthandwerklichen Gegenständen und den damals beliebten Postern angeschafft und bin damit von Markt zu Markt gefahren.» Ins Sortiment des Indien-Fans gehörten auch indische Wasserpfeifen und Bücher über Hanf.

«Öffentlicher Aufforderung zum Drogenkonsum»

Und diese Bücher wurden zur Zäsur in Liggenstorfers Leben. «Die Solothurner Staatsanwaltschaft konfiszierte die Bücher, verbrannte sie gar und verurteilte mich zu drei Monaten bedingt wegen ‹öffentlicher Aufforderung zum Drogenkonsum›», erzählt er.

In der Folge dieser Ereignisse nahm die Öffentlichkeit viel Notiz von Liggenstorfer. Doch er reiste erst mal nach Indien und übte sich in Meditation. «Damals war ich nah daran, in Indien zu bleiben.» Doch schliesslich kam er zurück, gründete 1984 den Nachtschatten-Verlag mit seinem ersten Buch «Hanf in der Schweiz» von Thomas Kessler, welches er nach der damaligen Gesetzeslage als Verleger ganz normal verkaufen durfte. «Kessler arbeitet heute als anerkannter Drogenexperte unter anderem für den Bund.» Schon allein daran ist abzulesen, wie sich die Gesellschaft in Bezug auf die Drogenthematik in den vergangenen dreissig Jahren verändert hat. Zu dieser «Veränderung», diesem anderen Blick auf Drogen und bewusstseinserweiternde Substanzen, hat Roger Liggenstorfer viel beigetragen.

1985 eröffnete Liggenstorfer die Buchhandlung Dogon, wo er esoterische Literatur und alles was damit in Verbindung gebracht werden kann, anbot. «Den Verlag betrieb ich in dieser Zeit eher als Nebengeschäft.» 1998 verkaufte er die Buchhandlung und konzentrierte sich auf die Verlegertätigkeit. Seither sind gut 100 Titel beim Nachtschatten-Verlag erschienen. Drei Personen teilen sich die rund 200 Stellen-Prozente. «Wir arbeiten mit vielen Freelancern zusammen und können so wirtschaftlich ziemlich unabhängig bleiben», erläutert der Verlagschef.

«Ich habe immer das gemacht, was mich selbst interessiert hat», sei dies als Marktfahrer oder als Verleger, sagt der Solothurner. Woher sein grosses Interesse an allen Grenzbereichen des Lebens stammt, kann er nicht erklären. «Ich bin in einem ganz normalen Arbeiterhaushalt gross geworden. Doch halt, schon mein Grossvater war ein begeisterter Absinth-Trinker und -Händler. Vielleicht . . .»

Schulfach «Rauschkunde» gefordert

Liggenstorfers Credo und damit das Verlagsprogramm des Nachtschatten-Verlages ist seit der Gründung dasselbe geblieben. «Es geht darum, die Menschen über den Umgang mit Drogen und bewusstseinserweiternden Substanzen aufzuklären. Ihnen Risiken, aber auch Nutzen aufzuzeigen.» Zu diesem Thema gebe es viel Unkenntnis und Halbwissen. Die Geschichte der Menschheit zeige aber, dass Prohibition, Verbote unwirksam sind. Im Gegenteil: Was verboten ist, lockt. Besser sei ein kontrollierter und mündiger Umgang mit diesen Substanzen, die auch immer öfters von der Medizin und in der Psychologie therapeutisch Anwendung finden. «Denn», so Liggenstorfer, «es ist ein Urbedürfnis des Menschen, sich zu berauschen. Sei es ein Geschwindigkeitsrausch, ein Kaufrausch oder ein Alkoholrausch. Die Psyche des Menschen ist so angelegt, dass er sich belohnen und entspannen will.»

Liggenstorfer hat deshalb noch eine andere Vision. «Wie gut wäre es, es gäbe ein Schulfach ‹Rauschkunde›.» Und er erwähnt die indigenen Völker, die ihre Schamanen haben, die den Umgang mit Drogen kennen und weitergeben. Diese Erkenntnisse waren in den Neunzigerjahren auch die Motivation den Verein Eve und Rave zu gründen. Ein Verein, der das Drug-Checking für Partygänger einführte. «Man kann den jungen Leuten den Umgang mit Drogen nicht verbieten, ihnen aber mittels Aufklärung Schadensbegrenzung anbieten. Das ist das Vereinsziel. Es geht um ‹Drogenmündigkeit›», so Liggenstorfer.

Leben in Solothurn, Berlin oder Indien

Und die Absinth-Bar? Heute eine Marke, denn viele Leute wissen von Solothurn nur eines: Hier gibt es die einzige Absinth-Bar der Schweiz. «Vor neun Jahren, als der Absinth wieder legalisiert wurde, eröffnete ich zusammen mit meiner Partnerin Chris Heidrich und meinem Treuhänder Marco Tandura die Bar unterhalb meines Verlages. Vorher war dort ein Hanfladen eingemietet, in dem sich Einbrecher und die Polizei die Klinke in die Hand gaben», erzählt Liggenstorfer schmunzelnd. «Ich hatte genug davon und wollte wieder mal was Neues ausprobieren.» Er habe im Vorfeld viel über den Absinth recherchiert und sich Wissen angeeignet. Heute sei er zum Absinth-Experten mutiert. «Diese Bar ist eine Geschichte für sich.» Eine Geschichte, wie auch das Uhuru-Festival auf dem Weissenstein. Ebenfalls ein Unternehmen, welches auf eine Initiative von Liggenstorfer zurückgeht.

In Zukunft habe er vor, etwas kürzerzutreten. «Wieder vermehrt das Leben und die Natur zu geniessen, das strebe ich an.» Sei es in Solothurn, in seiner Wahlheimat Berlin oder in Indien. Ein berufliches Ziel habe er noch, denn eine Facette des Buchhandels habe er bis heute noch nicht innegehabt: die des Autors.