Stadtpräsidium

Der Solothurner Stadtpräsident Kurt Fluri ist der «Bigeli-Typ»

Optisch hat sich in Kurt Fluris Büro seit 20 Jahren kaum etwas verändert. (Archiv)

Optisch hat sich in Kurt Fluris Büro seit 20 Jahren kaum etwas verändert. (Archiv)

Seit 20 Jahren regiert Kurt Fluri die Stadt Solothurn. Dabei schätzt er das Solothurner System, welches dem Stadtpräsidenten viel Macht gibt. Mit einer Fusion der umliegenden Gemeinden, gäbe es jedoch dieses System nicht mehr.

Was würde Kurt Fluri tun, wenn er nicht Stadtpräsident wäre? Jetzt zögert der Mann, von dem Politkollegen erzählen, er sei auch schon einmal an einer Sitzung eingedöst - nur exakt in der Hundertstelsekunde, in der das entscheidende Statement nötig sei, komme die genau richtige Antwort jeweils wie aus der Pistole geschossen.

Vielleicht wäre er noch in seiner Anwaltskanzlei, antwortet der 58-Jährige schliesslich. Doch eigentlich scheint es im Leben des Kurt Fluri keine Alternative zur Politik zu geben. Mit 30 war er Gemeinderat, mit 34 Kantonsrat. Seine fünf Kinder kennen ihn nur als Stadtpräsidenten. «Er kann nicht anders. Kurt Fluri ist ein politisches Tier», sagt Fritz Brechbühl. Man habe bald gewusst, dass er sich politisch engagieren wolle. Der Ratssekretär des Kantonsrates hat Fluris politische Karriere beobachtet. Beide lernten sich in den 80er-Jahren in der FDP-Quartiergruppe Weststadt kennen.

«‹Königreich› heisst es dann immer»

Seit 20 Jahren regiert Kurt Fluri. Als er Stadtpräsident wurde, waren die Bilder in der Zeitung schwarz-weiss und Boris Becker war Deutschlands Nummer 1. Länger im Amt sind nur noch ganz wenige Schweizer Stadtpräsidenten und es gibt kaum einen, dem das System mehr Macht zugesteht. 20 Jahre lang forderte kein Gegenkandidat den Solothurner Stadtpräsidenten heraus. «‹Königreich› heisst es dann immer», sagt Kurt Fluri.

Es ist kurz nach acht Uhr morgens. Fluri sitzt am grossen runden Holztisch in seinem Büro. Bleistift, Gummi und die kleine Taschenagenda mit dem leicht abgewetzten dunkelroten Ledereinband liegen vor ihm. Fluri hat wie fast jeden Tag seine jüngsten Kinder zur Schule begleitet, zu Hause hat er die Schnitten fürs Znüni gestrichen: Auch an diesem Tag wird er nicht vor 23 Uhr nach Hause kommen. Das Stadtpräsidium fasziniere ihn aber noch immer, sagt Fluri, ständig sei er mit neuen Themen konfrontiert. «Politik ist auch Demenzprävention.»

«Bigeli-Typ»

Ein Foto vom Tag der Wahl zeigt Fluri, wie er von seinem Vorgänger den Stadtschlüssel übernimmt. Mit der einen Hand hält Fluri die Hand seiner späteren Ehefrau, mit der anderen Hand übernimmt er den Schlüssel, der heute noch auf dem Kaminsims hinter seinem Pult steht. Sein Schreibtisch sieht noch genauso aus, wie auf den ersten Fotos. Nur die Papierstapel sind angewachsen. «Ich bin der Bigeli-Typ», sagt Fluri. Es gibt das Nationalratspult mit den nationalen Geschäften, es gibt Stapel zu Weitblick, Wasserstadt und zur Fusion.

Fluri liest alle Dossiers selbst. Fluris Amtsverständnis zeigt einer der Stapel an Heilbronner Zeitungen auf dem Konferenztisch. Kurt Fluri, fünffacher Familienvater, dutzendfacher Verwaltungsrat, Stadtpräsident und Nationalrat, liest die Zeitung der Partnerstadt. Er will informiert sein, was dort passiert. Einen Computer gibt es im Büro nicht. Briefe und Mails diktiert er ins Aufnahmegerät. Nur auf der Offizierskiste mit den Initialen KF findet sich ein iPad, mit dem der Stadtpräsident unterwegs seine E-Mails abruft und bearbeitet.

Viel Macht im Solothurner System

Das Solothurner System kennt keine richtige Exekutive mit Stadträten, dafür haben die Chefbeamten viel Macht. Fluri ist quasi Finanz-, Sicherheits- und Baudirektor in Personalunion. Er verteidigt das System vehement. Es sei doch das effektivste und schlankste System. Er könne mit allen Chefbeamten direkt sprechen, sagt Fluri. Kein Exekutivmitglied müsse da als Scharnier funktionieren. Bis elf Uhr abends sitzt Fluri meist in seinem Büro und kämpft sich durch die Akten. Der rationale Sachpolitiker Kurt Fluri und das Solothurner System scheinen sich gefunden zu haben. Fluri gilt als sehr dossierfest und gewissenhaft. «Wenn das Gegenüber nicht so sattelfest ist, kann Fluri allerdings dominant wirken», sagt Fritz Brechbühl, der das nicht negativ verstanden wissen will. Hat Fluri einmal eine Entscheidung gefasst, weiche er ungern davon ab, sagen Kritiker.

Für die SVP links

«Ich habe keine Grundsätze, die nicht sachpolitisch begründet sind», sagt Fluri über sich selbst. Opportunismus bezeichnet er als «etwas vom Widerlichsten», Dogmatismus - ob Klassenkampf von links oder den «Superpatriotismus» der SVP könne er nicht ausstehen. Fluri war an der Abwahl Blochers beteiligt. «Er war ein guter Departementschef, aber er konnte nicht im Team arbeiten», sagt Fluri. Für die SVP ist er damit links. Christoph Mörgeli bezeichnet ihn als «Vertreter eines im Etatismus erstarrten Freisinns»; die Weltwoche als «Staatsanbeter». Auf linker Seite schätzt man seinen Einsatz für das Verbandsbeschwerderecht und den Landschaftsschutz, doch als Atombefürworter und mit strikter Hand in Asylfragen distanziert er sich von links. Fluri sagt, gerade bei seiner gescheiterten Ständeratskandidatur habe er sich damit zwischen Stuhl und Bank gesetzt.

Freundliche und zuvorkommende Stimmung

Nachmittags um Zwei sitzt Fluri am runden Konferenztisch. Neben ihm sind Gaston Barth und Hansjörg Boll. Beide haben feste Sitzplätze, mehr Personen können am achtplätzigen Konferenztisch nicht Platz nehmen, das lassen die Papierstapel nicht zu. Er sei auf loyale Mitarbeiter angewiesen, sagt Fluri. Er ist mit den Mitarbeitern per Du, die Stimmung auf dem Stadtpräsidium ist freundlich und zuvorkommend. Fluri hört zu, lässt sich informieren, fragt nach. Es geht jetzt um die Wasserstadt, aber auch das Schwimmbadreglement ist in Solothurn Chefsache. Bei sich hat er die Agenda, auch wenn er seine Termine, Namen und Details auswendig kennt.

Konfliktfrei ist die Machtfülle nicht immer: Wenn die Vorlagen vors Volk oder in den Gemeinderat kommen, sind viele Details schon entschieden. Wo immer es Probleme gibt, wird das auch mit Fluris Charakter in Verbindung gebracht. Streitpunkt war das Nachtleben. «Hier dürfte der Dialog mit dem Stadtpräsidenten grösser sein», sagt SP-Gemeinderätin Franziska Roth. Sie erlebe Fluri als klar führend im Gemeinderat, doch immer zugänglich. «Er hat zwei offene Ohren», so Roth. «Dazwischen ist allerdings ein manchmal etwas sturer Kopf.»

Mehr Banken als früher

Der nächste Feldzug gegen die nächtliche Unruhe ist bereits aufgegleist. Mit dem Lärmkataster soll den langen Öffnungszeiten in der Innenstadt an den Kragen gegangen werden. Lärm auf Kosten anderer gehe nicht, sagt Fluri. Die Altstadt müsse gut durchmischt sein. «Wir sind keine Reeperbahn.» Auch Kritik an fehlenden Wirtschaftsansiedlungen, etwa im Vergleich zu Grenchen weist Fluri zurück. «Grenchen ist zu seiner Industriezone zu beglückwünschen», sagt Fluri. Solothurns Baulandreserven seien anders.

Immerhin: Mit der Ypsomed sei für die Autophon Ersatz gefunden worden, die Westumfahrung, das wichtigste Projekt seiner Amtszeit, sei gebaut. «Viel mehr als bei der Verkehrsinfrastruktur und dem Land kann man nicht machen», sagt Fluri. In Solothurn seien die Steuereinnahmen der juristischen Personen nicht zurückgegangen. «Es gibt heute mehr Banken als zu der Zeit, als Solothurn als overbanked bezeichnet wurde.»

Wengia, Jus-Studium, Militär-Oberst.

20 Millionen werden unter Fluri ins Stadttheater investiert, fast 7 Millionen folgen für den Kulturgüterschutz im Kunstmuseum. «Wir müssen stärken, was die Stadt abhebt», sagt Fluri, der nicht aus einem «kulturellen Milieu» stammt. Aufgewachsen ist er in der Weststadt. «Heute würde man von einfachen Verhältnissen sprechen», sagt Fluri. Der Vater starb früh, die Mutter kümmerte sich als Weissnäherin um die Familie. Mit dem Velo brachte er die ausgeführten Aufträge zur Kundschaft zurück. Er besuchte die Kantonsschule und durchlief die klassischen FDP-Karrierestationen: Wengia, Jus-Studium, Militär-Oberst.

Von seinem Pult aus sieht Fluri direkt auf ein Bild von Alois Carigiet, das ein Postauto in den Bergen zeigt. «Ein wenig Ferienstimmung», sagt Fluri. Hinter dem Pult hat er zwei Bilder aufgehängt, die ihm privat gehören. Eines zeigt Wengi, das andere Josef Munzinger. Liberale Persönlichkeiten in der Wengia und der Geschichtsunterricht hätten ihn geprägt, sagt Fluri. Sein Geschichts- und Staatskundelehrer war alt Regierungsrat Thomas Wallner, dem der Schüler in Erinnerung blieb. Fluri sei ein sehr interessierter Schüler gewesen, der intelligente Antworten gegeben habe.

Wählerwillen und das Verhältnis zum Kanton

Donnerstagmittag. Fluri sitzt mit den Gemeindepräsidenten der möglichen Fusionspartner im nüchternen Sitzungsraum des Stadtpräsidiums. Sandwichs und Mineralwasser stehen auf dem Holztisch. Es geht darum, wie die künftige Gemeinde aussehen kann, es geht um den Wählerwillen und das Verhältnis zum Kanton. Doch seit einer halben Stunde werden nun Namen heruntergelesen von Leuten, die in Arbeitsgruppen mitarbeiten könnten. Bleistift und Radiergummi liegen vor Fluri. Er hört zu, macht Notizen. «Das ist jetzt wichtig für die Fusion», sagt Fluri. Gelingt sie, gibt es das Solothurner System nicht mehr. Doch Kurt Fluri hätte Geschichte geschrieben.

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