Sie weiss nicht weiter. Eigentlich unmöglich, bei Schwester Sara Martina. Doch jetzt, um 11 Uhr ist Schluss. Wie jeden Freitag. «Irgendwann in der Gassenküche streue ich aus, wenn ich wieder Marken habe.» Die fünf Augenpaare im Vorraum der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Bielstrasse sind vertrauensvoll auf die zierliche Frau in ihrem Ordenskleid gerichtet. Niemand stellt eine Frage.

Wenn die Schwester sagt, sie melde sich, dann wird es weitergehen. Irgendwie. «Doch eigentlich ist das ein trauriger Moment. Vielleicht sind wir das letzte Mal so zusammen.» Sie schneiden Briefmarken aus. Akkurat, nur immer gleichviel Millimeter weisses Papier um die Zacken herum.

Die Marken hat Schwester Sara Martina jeweils vom Seraphischen Liebeswerk erhalten. Und ihre «Menschen» durften sie dann zuschneiden und sortieren. Randständige Menschen. Manchmal zu zehnt oder zu zwölft sind sie nach dem «Zmorgetisch» im Kirchenraum geblieben, um für zwei Stunden etwas zu tun. Doch jetzt soll es keine Briefmarken mehr geben. «Die Schwestern im Liebeswerk sind älter geworden.» Und so wird der Markenverkauf, dessen Erlös sozialen Zwecken diente, im Antoniushaus wohl demnächst Geschichte sein.

«Weg von der Strasse»

Beschäftigung. Seit Jahrzehnten weiss die Schwester, was den Menschen tief im Schatten der Gesellschaft durch ihre graue Zeit hilft: Etwas für sie Sinnvolles zu tun. «Dann sind sie weg von der Strasse.» Dort, wo Drogen, Alkohol, das ständige Gezänk um die Alltagsbewältigung viel Kraft kostet. Denn nach dem «Zmorgetisch», von der Evangelisch-Methodistischen Kirche und Schwester Sarah Martina vor Jahren ins Leben gerufen und jeweils ab 7.15 Uhr von zwei Kirchenmitgliedern betreut, liegt ein endloser Tag vor Leuten wie A.

«Meistens gehe ich nach Hause.» Er mag nicht einmal mehr in die Gassenküche gehen, wo es oft laut zu und her geht. A. ist von seinem Leben, oder wie man ein solches Dasein überhaupt beschreiben soll, gezeichnet. Ausgezehrt, hohlwangig. «Ja, solche Megerli bekommen halt bei der Perspektive kaum mehr Arbeit.»

Nur noch bei Schwester Sara Martina. Seit 1992 arbeitet sie in der Welt der Randständigen, damals noch in der offenen Drogenszene am Dornacherplatz. Wo sie eine Anlaufstelle errichtete, später eine Notschlafstelle im Bürgerspital.

Bis die Behörden endlich nachzogen, Infrastruktur für den Bodensatz der Gesellschaft schufen und die vielen auswärtigen Drogensüchtigen wegwiesen. «Seither ist vieles besser geworden», räumt Schwester Sarah Martin ein. Aber, um sie herum sitzen einige Beweise, wie sehr es sie noch immer braucht.

Spielzeug ist kein Thema mehr

Bis Ende Jahr konnte die Schwester in ihrer Spielzeugreparatur-Werkstätte im ehemaligen Gibelin-Kindergarten drei Vormittage pro Woche zehn bis zwölf Randständigen eine Beschäftigung anbieten. Jetzt baut die Stadt das Gebäude für Flüchtlinge um. Nein, es habe keinen Druck gegeben, aufzuhören. «Altershalber» habe sie sich zu diesem Schritt entschlossen. Ihr Alter ist ihr Geheimnis. Nichts an ihr verrät es. Denn noch immer ist sie mit dem Velo unterwegs und kümmert sich um ihre Schützlinge. «Auto könnte ich noch fahren» – aber sie brauche keins mehr.

Nun sind auch die Briefmarken weg – so scheint es. Als wollte das Quartett am Tisch noch etwas Zeit schinden, sortieren sie «Bigeli» um «Bigeli». «Das sind alte Marken, das die neueren», erklärt M. «Die alten sind mehr wert. Da kann eine hundert Franken kosten.» Immer neue Ansätze fürs Sortieren werden gesucht, die Schere hat längst keine Arbeit mehr.

«Wir gehen doch mit den Marken nicht an die Börse», mahnt die Schwester. Zuletzt landen die Marken nur noch in zwei Kategorien: den ausländischen und schweizerischen.
«Do hetts aber keini Usländer dinne!?» fragt die Schwester bestimmt nach. Erstmals an diesem Morgen herrscht allgemeine Heiterkeit – das Quartett am Tisch hat seinen Sinn für Humor bewahrt und kichert über die doppeldeutige Aussage.

«Das tat mir weh»

Zu den Vieren ist ein Fünfter gekommen. Ob die Rechnung sowieso geregelt ist? Sie kramt den Beleg hervor. Selbstverständlich. Auf die Schwester ist Verlass. Viele kennen sie schon seit Jahrzehnten. Auch A.: «Sie ist für uns lebende Geschichte.» Ein Foto-Album wird herumgereicht. Auf einem Gruppenbild von 2006 ist auch A. zu erkennen. Noch wesentlich jünger, kräftiger. Manche auf den Fotos leben nicht mehr. Bilder vom gedeckten Weihnachtstisch. «Er war immer mit anderen Farben gedeckt.» Erinnerungen werden ausgetauscht. An die letzte Weihnachtfeier 2016 in der Spielzeugwerkstätte.

2016 hatte Schwester Sara Martina auch den Sozialpreis des Kantons erhalten. Hätte. Denn bei der Übergabe war sie krank. «Das war so traurig. Nicht wegen dem Preis. Aber all die Leute – ich hätte ihnen doch danken wollen.» Dabei sei die Schwester auch schon krank gekommen, um mit ihnen zu arbeiten, wirft A. ein.

Jetzt werden vier Namen ins Büchlein eingetragen. Es gibt Zahltag. Nein, gratis sollen sie nicht arbeiten. Aber noch ist das Tagwerk nicht getan. «Ihr liebe Mönsche», weist sie das Grüpplein zurecht, «so könnt ihr diesen Raum doch nicht verlassen.» Tatsächlich, am Boden liegen noch Brösmeli herum. Ohne Murren wird zum Besen gegriffen. Zwei, dreimal sieht das strenge Auge von Sara Martina noch unsaubere Ecken. Fast scheint es, die Zusatzarbeit kommt A. und M. sowie den andern höchst gelegen. Sie haben noch einige Minuten. Mit ihrer Schwester.