Schuhmacherei Krummenacher

«Der Schuh ist zum Wegwerfartikel geworden»: Seit über 30 Jahren flickt er Schuhe in der Altstadt

Er ist der letzte Schuhmacher alter Schule in der Stadt - und einer der letzten gelernten Schuster im ganzen Kanton. Markus Krummenacher repariert seit über 30 Jahren Schuhe an der Gerberngasse 8 in der Altstadt. Er weiss, wie sich die Schuhe in dieser Zeit verändert haben - und die Kunden.

Nach der Stifti kaufte sich Markus Krummenacher Schuhe. Marke: Bally Suisse. Preis: Rund 400 Franken. Das sei 1978 gewesen, berichtet der 58-jährige Schuhmacher. Heute würde solch ein Paar wohl 800 Franken kosten. Nur: Heute kauft kaum jemand mehr Schuhe für so viel Geld. «Früher waren Schuhe teuer, Zeit günstig.» Heute bestellt man im Internet drei Paar Schuhe, schickt zwei wieder retour. Oder kauft in einer Billigkette ein Paar für 29.99 Franken. Nach einer Saison würden sie wieder weggeschmissen. «Der Schuh ist zum Wegwerfartikel geworden», so Krummenacher. «Leider», fügt er an. Die Schuhe seien günstig geworden, die Zeit teuer.

Seit 1981 im Geschäft

Es sind Stammkunden, die das Reparaturgeschäft von Krummenacher an der Gerberngasse 8 in der Solothurner Altstadt aufsuchen. Ein niedriger, kleiner Raum. Als Kunde steht man direkt zwischen Theke und Schuhregal. Metallgeruch liegt in der Luft, alte Maschinen und eine Werkbank stehen in der Ecke. Hier arbeitet Krummenacher in der blauen Schürze. Kunden bringen Wanderschuhe, die eine neue, dicke Sohle brauchen, lassen die Nylonsohle vom feinen Herrenschuh reparieren oder den Reissverschluss der Stiefel. Sogar ein Paar Turnschuhe steht zum Abholen bereit. Krummenacher repariert aber auch Lederjacken, Aktenkoffer und Gurte nebst den Schuhen, die in Reih und Glied auf den Regalen an den Wänden stehen.

Das Problem sei schon, dass nach und nach treue Kunden wegsterben, erzählt der Schuhmacher. Vereinzelt kämen zwar auch junge Leute ins Geschäft. Aber massenhaft Kunden mit hochwertigen Schuhen, die zum Schuhmacher gehen, gebe es nicht mehr. «Früher lagerten wir im Geschäft Berge von Schuhen», sagt der Schuhmacher. «Damals haben wir von 6 Uhr morgens bis 9 Uhr abends Schuhe geflickt.»

«Wir» – das waren Krummenacher und sein Vater. In den 60er Jahren kam dieser nach Solothurn. Das Zertifikat zur Lehrabschlussprüfung des Vaters im Kanton Zug hängt heute noch in der Werkstatt. Damals gab es laut Krummenacher noch zehn gelernte Schuhmacher in der Stadt. Heute ist Krummenacher der letzte mit abgeschlossener Ausbildung. Nach der Lehre und der Rekrutenschule half er ab 1981 im Geschäft des Vaters mit. «Dann bin ich hier hängen geblieben.» Sie führten das Geschäft, über dessen Einfang das Schild «Schuhmacherei A. Krummenacher» mit weissem Stöckelschuh auf schwarzem Grund hängt, zunächst zu zweit. Bis der Sohn 1996 übernahm.

Nun wird der Schuhmacher in wenigen Jahren pensioniert. Wann er gänzlich aufhöre, habe er aber noch nicht geplant. «Ich nehme es, wie es kommt.» Dann gibt es in der Stadt Solothurn keinen gelernten Schuhmacher alter Schule mehr. Sorgen mache er sich deswegen keine; schade finde er es schon: «Es gibt keine Wagner mehr, keine Seiler – und irgendwann keine Schuhmacher mehr.»

«Für die Ewigkeit»

Die Tür geht auf. Ein Mann betritt das Geschäft mit einem Kind und zeigt Krummenacher ein Paar Schuhe. Sie seien zu eng, so der Kunde. «Aber lange genug?», fragt Krummenacher. Der Kunde bejaht. Krummenacher wirft einen Blick auf die Schuhe. Zwei Tage brauche er. Der Kunde geht wieder, Krummenacher stellt die Schuhe auf ein Regal.

Die Jungen hätten heute einfach ein anderes Verhältnis zum Schuh und zu seinem Preis. Kürzlich habe er einem jüngeren Kunden erklärt, dass die Sohle seines Schuhs aus Plastik sei. Und dass es aufwändig sei, diese zu reparieren, weil sie gänzlich ersetzt werden müsse. Der Kunde monierte, dabei seien die Schuhe doch teuer gewesen – 100 Franken hätten sie gekostet. Der Schuhmacher zieht vielsagend die Augenbrauen hoch. 100 Franken – für ihn keine teuren Schuhe. Reparieren könne man vieles. Die Frage sei nur, ob sich das lohne. Gerne macht er es aber immer noch. «Es stellt schon zufrieden, etwas zu flicken – und denn Leuten damit eine Freude zu machen.»

Repariert wird an den gleichen Maschinen wie zu den Zeiten seines Vaters. Eine davon sei eine Spezialanfertigung; so hergestellt dass man zu zweit daran arbeiten kann. Wenn er einmal aufhöre, könne er eine Nähmaschine vielleicht noch verkaufen. Dann werde der Laden an der Gerberngasse aber geräumt, auch wenn die Maschinen noch funktionierten. «Die wurden für die Ewigkeit gebaut.» Danach komme vielleicht eine Boutique in die ehemalige Werkstatt hinein.

Nicht ewig, aber lange halten auch die Schuhe, die Krummenacher besitzt. Das seien wohl an die 20 Paar – wobei er immer die drei oder vier gleichen trage. X-Mal schon habe er sie repariert. Neue kaufe er selten. Aber das Paar Bally Suisse, dass er sich 1978 gekauft hat, besitzt er immer noch.

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