Essen und Trinken
Der Schmelztiegel der Solothurner Filmtage

Als die Filmtage gegründet wurden, gab es das «Kreuz» noch gar nicht. Erst 1973 entstand die erste selbstverwaltete Genossenschaftsbeiz der Schweiz. Das «Kreuz» gehört zu den Filmtagen. Und die Filmtage gehören zum «Kreuz». Ein Porträt.

Lucien Fluri
Drucken
Teilen
Das «Kreuz» - eine Solothurner Legende
4 Bilder
Peter Bichsel im Restaurant Kreuz in Solothurn (Archiv) Peter Bichsel im Restaurant Kreuz in Solothurn (Archiv)
Ein Tisch ist ein Tisch – chinesisch Radio-Aufnahmen f?r DRS 2 anlaesslich des 75. Geburtstages von Peter Bichsel im Kreuz
Auch im «Kreuz» wird das Festivalprogramm studiert – und darüber hinaus herzhaft gelacht.

Das «Kreuz» - eine Solothurner Legende

Es ist die Ruhe vor dem grossen Sturm: Nur wenige Gäste sitzen am Mittwochabend im «Kreuz». An einem der Tische diskutieren Filmtagedirektorin Seraina Rohrer und Regisseur Xavier Koller gelassen. Um sie herum hat es nur wenige Leute. Soeben ist in der Reithalle Xavier Kollers oscarprämierte «Reise der Hoffnung» gezeigt worden. Angesprochen werden Direktorin und Oscarpreisträger wie alle Gäste mit «Du».

24 Stunden später ist die Beiz bis auf den letzten Platz besetzt. Penne und Rotweinkaraffe stehen auf vielen Tischen. Da und dort hängen rote Schals über der Stuhllehne. Es wird gestikuliert, laut und lebendig diskutiert. Xavier Koller steht noch immer im Mittelpunkt, jetzt mit der Premiere seines Films Dällebach Kari. War die Szene, in der Dällebach im Pyjama bei Anne-Maries Eltern auftritt, zu absurd?

Mittel- und Ausgangspunkt

Filmschaffende, Filmfreaks und das «Kreuz»: Die älteste Genossenschaftsbeiz der Schweiz ist der Schmelztiegel der Filmtage. Bis nächsten Donnerstag ist durchgehend Freinacht.

Mit jedem Film, der endet, kommen mehr Leute ins «Kreuz». Um halb elf ist das Restaurant mit der charakteristischen Holztäferung und dem roten Tonboden voll. «Oben ist die Bar», schreit die Bedienung, die ständig unterwegs ist. Am runden Tisch sitzt die Grenchner Schauspielerin Tabea Wullimann. Den Unterarm auf die dicke Filmtagebibel gestützt, schwärmt sie vom «Dällebach Kari». Später sitzt das Ehepaar Uhlmann aus Lohn an dem Platz, bewegt von «Unter Wasser atmen – Das zweite Leben des Dr. Nils Jent». Und irgendwann setzt sich Ueli Blaser, Geschäftsleitungsmitglied der Filmtage, an einen freien Platz. «Das «Kreuz» ist der Haupttreffpunkt an den Filmtagen», sagt er. Beiz und Solothurner Kulturleben gehören für den Rest der Schweiz zusammen.

Hilfskoch Chris von Rohr

Als die Filmtage gegründet wurden, gab es das «Kreuz» so noch gar nicht. Erst 1973 entstand die erste selbstverwaltete Genossenschaftsbeiz der Schweiz. Heute gehört beides zusammen, und das «Kreuz», in dem die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee gegründet wurde, erhält bis heute nationale Medienpräsenz wie kein anderes Solothurner Lokal. Eben erst war die NZZ da, das Migros-Magazin kam im letzten Jahr, die Sonntagszeitung traf Peter Bichsel vor der Verleihung des Solothurner Literaturpreises zum Mittagessen und DRS 2 sendete zu Bichsels 75.Geburtstag von hier aus. «Das Lokal war mir immer wichtiger als das Lokale» wird Bichsel zugeschrieben, der in den Anfängen im «Kreuz» aushalf. Und nicht zuletzt soll sich angeblich Chris von Rohr als Hilfskoch die Hände «dräckig» gemacht und beim Rühren Muskeln gegen den linken Mainstream antrainiert haben. «Dort tagte die linke Poch-Bewegung. Ich merkte schnell, dass das alles irre Traumtänzer waren», bekannte er freimütig im Interview – notabene mit der «Weltwoche.» «Im linken Solothurn haben wir dann die Kraft entwickelt, gegen den Strom zu schwimmen. Das hat uns Muskeln gegeben.»

«Es herrscht Lagerstimmung»

Heute ist die Küche professionell organisiert. Den Überblick über das Geschehen in Beiz, Bar und dem grossen Saal im ersten Stock, in dem es mittags und abends wuselt, hat Geschäftsführer Michael «Willi» Wilhelm. Im Oktober wurde mit der Organisation begonnen. Wilhelm freut sich über den Beginn. «Es ist ein wenig wie Lagerstimmung. Langsam trudeln alle ein.» Einige Leute haben extra Ferien genommen, um während der Filmtage im «Kreuz» mitzuhelfen.

Gegen Mitternacht regnet es. Das Kreuz ist noch immer voll, an den Holztischen wird diskutiert und gestikuliert. Durch die grossen Fensterflächen scheint warmes Licht in die Kälte. Eine Art Zauberlaterne der Filmtage.