Stadtbummel

Der Ruck in die andere Richtung

Coiffeure dürfen wieder arbeiten. (Archiv)

Coiffeure dürfen wieder arbeiten. (Archiv)

Mehrheitlich gewöhnt hatten wir uns daran, die Gassen unserer Stadt vor allem durchs Fenster – abwechslungsweise von Wohn- und Schlafzimmer aus – zu beobachten. Oder daran, auf dem Weg zum Einkaufen nur einzelne Gesichter und dunkle Schaufenster anzutreffen. Und daran, uns zu Hause so gemütlich wie’s geht mit Brettspielen oder Yoga-Übungen, teils auch etwas zu gewagt, einzurichten. Der gewünschte Ruck ging durch das Land. Und dann: Irgendwie ein erneuter Ruck in die andere Richtung – als die Ankündigung kam, man wolle schrittweise zurück zur «Normalität»; Gartencenter, Coiffeur-Salons aber auch Schulen wieder öffnen.

Oder haben wir uns den Ruck nur eingebildet, weil wir selbst darauf hoffen, dass es wieder anders wird?
Sicher mehr als ein Gefühl: Die Schlange dieses Wochenende vor der Vitaminstation am Stalden, die bis hinauf zum Börsenplatz reichte. Ein Zeichen für einen Ruck in die andere Richtung? Vielleicht lag’s auch einfach daran, dass die Vitaminstation erst Ende April wieder geöffnet hat. Vielleicht wirkte die Schlange auch nur so lang, weil die Leute jeweils in zwei Meter Abstand zu einander anstanden.

Gefühlt mehr Menschen waren doch aber auch zum Einkaufen unterwegs. Hat es bisher jeweils gerade noch gereicht, in Abstand zum vorherigen Kunden oder Kundin in den Laden zu schlüpfen, war Anstehen angesagt. Gehen die Leute vermehrt wieder selbst einkaufen, nachdem sie dies in der letzten Zeit netten Nachbarinnen und Nachbarn oder Familienmitgliedern überliessen? Vielleicht lag der Andrang im Laden auch einfach an der Tageszeit.

Auf jeden Fall mehr zu tun hat die Coiffeuse im Quartier; oder die Frau, die das Kosmetikstudio im Haus betreibt. Diese Läden dürfen nach rund sechs Wochen quasi Zwangsurlaub wieder Kundschaft bedienen. Wir sehen mehr von der Coiffeuse, die jetzt wieder Zigarettenpause draussen macht, oder von der Kosmetikerin, die mit offener Türe staubsaugt. Erfreulicherweise also je eine Person mehr, der man Guten Tag sagen kann.

«Mehr Leben in der Stadt» – könnte man hoffnungsvoll bilanzieren, dank einem neuen, zumindest kleinen Ruck. Dazu passend: Gewöhnt hatten wir uns auch an Schilder, die viele Geschäfte und Büros an ihren Türen aufgehängt haben: «Aufgrund der aktuellen Lage … Hat unser Geschäft bis auf weiteres geschlossen», hiess es da. Kaum mehr beachtet haben wir sie, es hiess ja überall dasselbe. Doch: Aufmerksam bummeln, lohnt sich. Beim näheren Betrachten eines frisch aufgehängten «Geschlossen»-Schildes war nämlich auch zu lesen: «Wegen Babypause.» Eben: Mehr Leben in der Stadt.

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