Mit einem Auftritt des argentinischen Starpianisten Nelson Goerner feierte die kleine Agentur Fragart das 600. Konzert, das von ihr in den letzten 35 Jahren organisiert worden ist. Ohne den enormen persönlichen Einsatz des heute 71-jährigen Franz Grimm wäre dieses kulturelle Angebot nie möglich geworden, zumal Grimm die Eintrittspreise absichtlich so tief ansetzt, dass auch Menschen ohne dickes Portemonnaie Zugang zur Musik erhalten.

Ohne Sponsor im Rücken war Franz Grimm schon immer auf die Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Seinem Publikum erklärt er deshalb gern mit schelmischem Lächeln: «In Basel, Zürich oder Bern kostet ein Konzert mit dem gleichen Künstler ein Mehrfaches. Zum gleichen Preis können Sie also einen Ausflug in die schöne Stadt Solothurn machen, hier eine Pizza essen und vielleicht liegt sogar noch eine Hotelübernachtung drin.» Damit übertreibt der Veranstalter kaum: So kosten beispielsweise die Karten für Auftritte derselben Künstler in der Zürcher Maag-Halle – wo die 930 Plätze häufig schon Monate zuvor ausverkauft sind – drei- bis viermal mehr als im Konzertsaal Solothurn, «einem der akustisch besten Säle der Schweiz», wie Franz Grimm betont.

Dieser arbeitete zuletzt als Lehrer im Jugendheim Erlach BE, was dazu führte, dass er – bis heute – während der Sommermonate jeweils die Erlacher Schlosshof-Konzerte organisiert. Auch hier treten Interpreten auf, sich in vielen Fällen bereits einen internationalen Namen geschaffen haben; in diesem Jahr beispielsweise das russische Cello-Quartett Rastrelli, das Jerusalem-Duo aus Israel und des Amaryllis-Quartett mit dem spanischen Klarinettisten Pablo Barragán.

Viertelmillion vom eigenen Sack

«Ich muss nicht von den Konzerten leben, ich habe ein Einkommen von meinem Beruf als Lehrer», pflegte Grimm jeweils zu sagen, wenn man ihn auf die Finanzierung seiner Konzertveranstaltungen ansprach, und manchmal ergänzte er: «Die Steuerzahler zahlen meinen Lehrerlohn; indem ich einen Teil davon in die Musikvermittlung investiere, gebe ich dem Steuerzahler etwas zurück.»

Auf diese Weise «zurückgegeben» hat Grimm sehr viel: Insgesamt dürften es seit seinem ersten Konzert 1983 gegen eine Viertelmillion Franken gewesen sein. Hinzu kommt die grosse ehrenamtliche Arbeit, die damit beginnt, neue Künstler und Künstlerinnen zu entdecken, einen Auftritt zu organisieren, bis hin zum Verteilen von Flyern sowie dem Anbringen – und später wieder Entfernen – von Plakaten, mit denen er auf die bevorstehenden Konzerte hinweist. Weil Grimms Einkommen seit seiner Pensionierung gesunken ist, war er gezwungen, die Eintrittspreise von 30 auf 40 Franken zu erhöhen – allerdings immer noch mit Rabatten für Kinder, Jugendliche und Familien.

Zugang zur Musik für alle

Es ist nicht so, dass Franz Grimm die Liebe zur Musik gewissermassen mit der Muttermilch aufgesogen hätte. Im Gegenteil: Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, und «Kultur» existierte im Elternhaus nicht – mit Ausnahme von Vaters Übungen für die lokale Blasmusik. Der Funke entzündete sich erst, als der junge Franz als angehender Lehrer im Seminar obligatorisch ein Instrument erlernen musste und sich dabei für das Klavier entschied. Da entdeckte der Student den grossen Wert und den positiven Einfluss der Musik auf das Wohlbefinden der Menschen.

Diese Erfahrung führte später zum Wunsch, möglichst vielen Menschen den Zugang zu qualitativ hochstehender Musik zu ermöglichen, also auch solchen, die – wie er in seiner Jugend – in materiell schwierigen Umständen leben, oder die Hemmungen hätten, sich ohne glitzernde Abendrobe oder eleganten Anzug in einem luxuriösen Kulturtempel unter das Publikum zu mischen.

Psychotop und Biotop

Weshalb gerade Musik, und nicht beispielsweise Literatur oder bildende Kunst? «Gute Musik erfreut, tröstet, ermutigt und heilt», antwortet Franz Grimm, «ausserdem wirkt sie von allen Künsten am direktesten auf den Menschen ein. Gerade Menschen in einer schwierigen Situation finden durch die Musik oft neuen Lebensmut und erlangen dadurch eine höhere Lebensqualität.» So wie ein Biotop für Tiere und Pflanzen eine ideale Lebensgrundlage darstelle, könne sich ein Mensch durch Musik – insbesondere an einem Konzert – wie in einem «Psychotop» fühlen. Überhaupt zieht Grimm gern Vergleiche zwischen Musik und Natur, die ihm im gleichen Sinne wichtig sind: «Die Menschheit braucht den Kontakt mit einer intakten Natur und mit der Musik, sonst verkümmert sie.»

Lange Zeit war Fragart buchstäblich ein reiner Ein-Mann-Betrieb. Seit einigen Jahren wird er jedoch tatkräftig unterstützt durch seine Frau Rita Grimm. Zu den auftretenden Künstlern und Künstlerinnen an den Fragart-Konzerten gehörten in diesem Jahr unter anderem der Flötist Peter-Lukas Graf mit seiner Tochter Aglaia Graf am Klavier, die russische Pianistin Marina Vasilyeva und der ungarische Cellist István Várdai mit seiner Du-Pré-Stradivarius. Zuvor hatten in Erlach oder Solothurn schon so bekannte Interpreten gastiert wie Sol Gabetta, Giora Feidman, das Helmut-Eisel-Quartett mit Josho Stephan, Vladimir, Dimitri und Vovka Ashkenazy, Alexei Golovin, Alexei Volodin, Claire Huangci, Vladimir Bunin, Pietro de Maria, Radu Lupu oder Noëmi Nadelmann.

Weitere Informationen und Konzertdaten finden sich unter www.fragart.ch.