Kunst
Der langjährige Assistent ist der einzig wahre Doktor Tinguely

Vor 25 Jahren verstarb der Künstler Jean Tinguely. Stottert eine seiner Skulpturen, ist sein langjähriger Assistent, der Solothurner Sepp Imhof, gefragt.

Annika Bangerter
Drucken
Teilen
Der Brunnen in Basel ist eines von Sepp Imhofs Lieblingswerken.

Der Brunnen in Basel ist eines von Sepp Imhofs Lieblingswerken.

Kenneth Nars

Plötzlich spritzt Wasser aus dem Schlauch. Ein fetter Strahl. Wie eine Schlange, die sich vor ihrem Feind windet, wirbelt er durch die Luft. Reisst Blätter nieder, tränkt Schuhe, lässt Haare an der Stirn kleben. Der Gärtner, der eben noch gefragt hat, ob die Eisenskulptur ein echter Tinguely sei, rennt zum Stromschalter; die ältere Sammlerin versucht, sich ins Haus zu retten; der Elektriker hebelt am magnetischen Ventil.

Dieses funktionierte nicht. Bis soeben. Jetzt peitscht das Wasser durch den Garten eines noblen Zürcher Quartiers. Sepp Imhof scheint die Hektik rundherum kaum wahrzunehmen. Er verharrt vor der Skulptur, beobachtet sie und lässt das Wasser Striche auf sein blaues T-Shirt zeichnen. Er wirkt wie jemand, der nach einer langen Reise angekommen ist.

Die Maschinen von Jean Tinguely haben zwanzig Jahre lang den Aufenthaltsort von Sepp Imhof vorgegeben. Frankreich, Schweden, USA, Italien, Deutschland oder Japan: Rund um den Globus lötete und schweisste Imhof an der Seite des berühmten Basler Künstlers. Bis zu dessen Tod vor 25 Jahren war er sein Assistent, Freund, Verbündeter, Gefährte.

FataMorgana von (1985) GEORGIOS KEFALAS/Keystone
11 Bilder
Plateau Agriculturel (1978) KEYSTONE/Georgios Kefalas
Plateau Agriculturel (1978) KEYSTONE/Georgios Kefalas
Derniere Collaboration avec Yves Klein (1988) KEYSTONE/Georgios Kefalas
Jean Tinguely n seinem Pariser Atelier am Impasse Ronsin mit Méta-Matic, ca.1959 © Martha Rocher / Museum Tinguely
Grosse Meta-Maxi-Utopia (1987) KEYSTONE/Georgios Kefalas
Study for an End of the World No. 2, in der Wüste von Nevada, 1962, Filmstill aus „David Brinkley’s Journal“, NBC, 1962
Wedekind (1989) KEYSTONE/Georgios Kefalas
Mengele-Totentanz, 1986 © Foto: Samuel Oppliger / Museum Tinguely, Basel
Méta-Matic No. 6, 1959 © Foto: Christian Baur / Museum Tinguely, Basel
Element Detache (1954) KEYSTONE/Georgios Kefalas

FataMorgana von (1985) GEORGIOS KEFALAS/Keystone

Der gelernte Schlosser erweckte die Visionen Tinguelys zum Leben, setzte Skizzen in Eisenplastiken um. Nach dessen Tod wahrte er sein Schaffen und war massgeblich beim Aufbau des Tinguely-Museums beteiligt. Dafür zog der gebürtige Solothurner nach Basel.

Steigbügelhalter und Türöffner

Seit acht Jahren ist der 73-Jährige pensioniert. Noch immer bestimmen die Skulpturen seinen Alltag. Soeben ist Imhof aus Paris zurückgekehrt. Dort besuchte er die riesige Figur «Le Cyclop». Bald steht eine Ausstellung von Tinguely in Düsseldorf an, dann soll Amsterdam folgen. Imhof lässt keine aus. «Wer das halbe Leben unterwegs war, kann nicht plötzlich still sitzen», sagt er.

Ein Blick in den Katalog der aktuellen Ausstellung über Jean Tinguely und Daniel Spoerri in der Nähe von Wien gibt eine Ahnung, welche Schlüsselrolle Imhof bis heute zukommt. Darin beschreibt ihn der Kunstvermittler Maxe Sommer als «Steigbügelhalter zu vielen Arbeiten und Türöffner» für die Ausstellung, der «unermüdlich mithalf».

Um seine Person macht Imhof kein Aufheben. Das Scheinwerferlicht gehört Tinguely. Heute wie früher. «Es war immer klar, dass ich der Assistent bin. Mir machte die Arbeit grossen Spass. Andere Ambitionen hatte ich nicht», sagt Imhof. Den Weg zu Tinguely fand er über ein Zeitungsinserat. Der Künstler suchte einen Schlosser für die Konstruktion des «Cyclop».

Kenntnisse? «Vielseitig und schwindelfrei, Autofahrer, Jasskenntnisse erwünscht.» Noch im Bahnhofbuffet von Fribourg erhielt Imhof den Job. Als ehemaliger Von-Roll-Mitarbeiter musste er rasch lernen, dass Millimeterarbeit bei Tinguely nicht gefragt war. «Bei ihm gab es keinen Meter. Es war einfach etwa so gross», sagt Imhof und streckt die Arme aus. «War ein Stück zu gross, schnitten wir einen Teil ab. War es zu klein, schweissten wir an.»

Verlotterte Skulpturen in Paris

Neben den Ausstellungen besucht Imhof bis heute regelmässig private Sammler und wartet ihre Skulpturen. So auch jene Fontaine, die in einem Zürcher Garten steht und die Anwesenden plötzlich durchnässt. Am nächsten Tag findet hier ein Gartenfest statt. Tinguelys Kunstwerk soll dabei sanfte Kreise drehen, einen kontrollierten Wasserstrahl den Gästen vorführen.

«Früher schraubten wir jeweils den Wasserhahn auf und schlossen die Maschine an den Strom an. Schon lief sie. Heute ist es komplizierter», sagt Imhof. Während der Gärtner den zuständigen Handwerker für das Bewässerungssystem anruft, pinselt er Staub von der Skulptur. Wo das Schwarz abblättert, sprayt er Farbe drauf: «Sie ist praktisch im Originalzustand, eine ganz Schöne und so verspielt.»

Die Skulpturen bräuchten Unterhalt, der Aufwand sei gross, sagt Imhof. Das klappe nicht überall gleich gut: «Der Strawinski-Brunnen in Paris ist verwahrlost.» Die Stadt kümmere sich nicht. Pumpen, die aussteigen, liess sie nicht ersetzen. So stehen Räder still und Wasserstrahle versiegten. «Ich versuche immer wieder, zu intervenieren. Bislang fand ich aber leider kein Gehör», sagt Imhof.

Anders in Basel. Den Fasnachts-Brunnen lässt die Stadt jede Woche putzen, die Skulpturen reinigen. Das funktioniere «tipptopp», sagt Imhof. Wie weitere Skulpturen auch, besucht er diesen Brunnen regelmässig. Er gehört zu seinen Lieblingswerken: «Ich kann stundenlang dort sitzen und zuschauen, wie es plätschert, schaufelt und spritzt.»

In den Boxen der Rennfahrer

Auch im Tinguely-Museum schaut er regelmässig rein, wie dessen Vizedirektor Andres Pardey sagt. Er kennt den Assistenten Tinguelys schon seit mehr als zwanzig Jahren. «Er ist eine wichtige Auskunftsperson für uns. Sein Erinnerungsvermögen ist enorm. Er zeigt uns heute noch Details, die wir bis anhin nicht sahen», sagt Pardey. Auch für Tinguely wurde «Sepi», wie er ihn liebevoll nannte, unverzichtbar. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hätte Imhof für den Künstler alles stehen und liegen lassen, sagt Pardey: «Ohne ihn hätte Tinguely grosse Werke nicht geschaffen. Es herrschte ein blindes Verständnis zwischen den beiden. Niki de Saint Phalle beschrieb sie, als sie an den Figuren in ihrem Tarotgarten arbeiteten, als Dreamteam.»

Jahrzehntelang teilten sie die Arbeit, aber auch die spärliche Freizeit. Sie stöberten gemeinsam auf Schrottplätzen und japanischen Fischmärkten. Sie schweissten Eisenteile zusammen und feuerten Autorennfahrer in den grössten Stadien an. Neben dem Einsatz für die Kunst von Tinguely verband die beiden auch eine Leidenschaft für den Motorsport. Durch die Freundschaft zu Jo Siffert lernten sie Grössen wie Niki Lauda oder Clay Regazzoni kennen. «Was heute undenkbar ist, funktionierte damals problemlos. Wir konnten die Rennfahrer in ihren Boxen besuchen, assen im Rennstall von Regazzoni. Dort gab es jeweils Pasta, Schinken und Wein», sagt Imhof.

 Der Schweizer Künstler Jean Tinguely im Jahr 1990.
7 Bilder
 Der «Klamauk» fuhr an Autorennen und am Beerdigungszug für Jean Tinguely mit.
 Jean Tinguelys Arbeiten faszinieren noch 20 Jahre nach seinem Tod.
 Der «Luminator» von Jean Tinguely.
 Vereiste Skulpturen des Tinguely-Brunnen beim Schauspielhaus Basel.
 Der Tinguely-Brunnen auf dem Theaterplatz in Basel vor der Offenen Kirche Elisabethen.
Jean Tinguely

Der Schweizer Künstler Jean Tinguely im Jahr 1990.

Luginbühls Schrauben

An Tinguelys Seite tauchte er in die Welt der Künstler ein, arbeitete ebenso mit Niki de Saint Phalle wie mit Daniel Spoerri oder Bernhard Luginbühl. Zu diesem fuhren sie regelmässig. «Er hatte immer schönes Eisen. Die Leute brachten ihm all die ‹Schnörkelis› von alten Geländern. Brauchten wir auch eines oder eine grosse Schraube, gingen wir ‹Berni› Grüezi sagen.»

Imhof lächelt, wenn er sich daran erinnert, wie er Ware aus Luginbühls Lager mitgehen liess. «Er begrüsste uns schon mit den Worten: ‹Aha, kommt ihr wieder Schrauben stehlen?› Wir ärgerten ihn dafür als geizigen Emmentaler, der nichts rausrücken will.» Blitzartig sei es jeweils gegangen, dem «Berni» etwas zu entwenden. «Ich wusste ja, wo die Sachen lagen.»

Sepp Imhof deutet auf ein verschnörkeltes Element an der Skulptur im Zürcher Garten: «Das sieht verdächtig nach Luginbühl aus.» In der Zwischenzeit haben die Handwerker Strom- und Wasserzufuhr der Fontaine geregelt. Imhof repariert noch kurz eine beschädigte Stelle an der Skulptur; das Wasser spritzt wieder gleichmässig aus den Schläuchen der Skulptur. Die Gartenparty kann stattfinden. «Zum Glück war der einzig wahre Doktor Tinguely da», sagt die Sammlerin. Imhofs Reise geht weiter.

Aktuelle Nachrichten