Landhaus

Der Konflikt zwischen Wissen und Glauben im Gespräch

Engagierte Diskussionsrunde im Landhaus zum Thema Religion (v. l.): Reta Caspar, Freidenkerin, Matthias Zeindler, Theologe, Moderator Werner van Gent und Imam Sakib Halilovic (Zürich).  Felix Gerber

Engagierte Diskussionsrunde im Landhaus zum Thema Religion (v. l.): Reta Caspar, Freidenkerin, Matthias Zeindler, Theologe, Moderator Werner van Gent und Imam Sakib Halilovic (Zürich). Felix Gerber

Ein Theologe, ein Imam und eine Atheistin diskutierten an Podium mit dem Namen «meine – deine – keine Religion» im Landhaus Solothurn über die Religion. Moderiert wurde die Diskussion von dem bekannten Nahost-Experten Werner van Gent.

Wenn er nicht derart viel Respekt gegenüber Religionen hätte und ihn der Konflikt zwischen Wissen und Glauben nicht schon seit je her faszinieren würde, dann hätte er nicht zugesagt, gesteht Werner van Gent am Samstag ein. Es ist 16.30 Uhr und dem Radio- und Fernsehkorrespondenten steht die Moderation der Podiumsdiskussion «Heisse Eisen angepackt», die im Rahmen der Woche der Religionen an der Ausstellung «meine – deine – keine Religion» im Landhaus stattfindet, noch bevor.

Ist die Religion ein Minenfeld?

«Als ich angefragt wurde, habe ich gedacht: Warum soll ich mich auf ein Minenfeld begeben? Ich war doch schon im Krieg», erzählt van Gent zu Beginn des Streitgesprächs zwischen einem Theologen, einem Imam und einer Atheistin. Gut anderthalb Stunden später wird er ebendieses Gespräch mit den Worten beenden: «Jetzt haben wir das Minenfeld doch noch erreicht, das hat lange gedauert.» Dann ist aber auch schon Schluss, die Zeit laut Programm abgelaufen.

Man hätte mindestens zwei Stunden einplanen müssen, sagt ein Zuschauer sichtlich schockiert über das abrupte Ende. Wenn die Diskussion schon im Programm als «respektvolles Streitgespräch» angepriesen werde, findet eine andere Zuschauerin, dann sei ja klar, dass die Debatte zu wenig Biss habe und die wirklich heissen Eisen nicht angepackt werden. Die Bezeichnung «respektvoll» müsse man sich halt erst verdienen – oder auch nicht. Aber keinesfalls voraussetzen. Trotzdem habe sie viel Neues dazugelernt. Und so scheint es der Mehrheit der über 150 Anwesenden ergangen zu sein, die sich im Anschluss an das Podium beim Apéro angeregt miteinander unterhalten.

Leere Kirchen, volle Moscheen

Doch zum Kern der Sache: Ob die Kirche nicht zunehmend mit dem Desinteresse der Bevölkerung an religiösen Themen zu kämpfen habe, lautet die erste Frage van Gents an den Theologen Matthias Zeindler, Bereichsleiter Theologie der gesamtkirchlichen Dienste der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. «Säkularität wird nur in Europa als Problem wahrgenommen», hält dieser fest. «Es stimmt schon, dass sich hierzulande zwei Drittel der Bevölkerung von Religion distanzieren. Das muss aber nicht unbedingt heissen, dass diese Menschen nicht gläubig sind.» Die Moscheen hingegen seien in der Schweiz sehr gut besucht, ergänzt Imam Sakib Halilovic, der kurzfristig für Fehim Dragusha eingesprungen ist. «Aber natürlich gibt es auch in der muslimischen Gemeinschaft Atheisten und Agnostiker.»

Reta Caspar, Geschäftsführerin der Freidenker-Vereinigung Schweiz, begrüsst die Tatsache, dass sich so viele Menschen von der Religion abgewandt haben. Ihre Aussagen lassen immer wieder ein Raunen durchs Publikum gehen, sorgen für ablehnendes wie auch zustimmendes Gemurmel. «Dass sich mehr als 65 Prozent der Bevölkerung nicht für religiöse Fragen interessieren», sagt sie etwa, «sei ein Garant für Frieden in der Schweiz.» Sie sei nicht gegen individuellen, gelebten Glauben und wolle auch nicht missionieren. Problematisch finde sie aber den Wahrheitsanspruch der Religionen und das damit verbundene Konfliktpotenzial.

Birgt viel Konfliktpotenzial

Historisch habe sich dieses Konfliktpotenzial immer dann gezeigt, wenn Religion mit Macht gepaart wurde, bestätigen Zeindler und Halilovic. Als jüngere Beispiele nennt der Imam den Balkan, aber auch die Minarett-Initiative in der Schweiz. «Es wird oft so dargestellt, dass Muslime den Koran eins zu eins annehmen.» Das stimme aber nicht. Es sei eine Frage der Auslegung. «Nach meiner Meinung ist im Islam jeder Mensch – egal welcher Glaubensrichtung – heilig. Auch wenn das nicht alle Muslime gleich sehen. Wäre der Islam gegen Andersgläubige, hätte es in der Geschichte viel mehr Konflikte gegeben.»

Zeindler unterstützt diese Ansicht. «Im Mittelalter gab es ganze Landstriche, wo Juden, Moslems und Christen friedlich miteinander lebten. Damals klappte das nicht deshalb, weil jemand seinen Wahrheitsanspruch herunterschraubte. Denn dieser stand ausser Frage.» Diese Koexistenz sei möglich gewesen, ergänzt Halilovic, weil man die Wahrheit Gott überlassen habe.

«Wir sollten aber das Mittelalter nicht als Vorbild nehmen, sondern nach den Grundsätzen der Moral leben», kontert Caspar. Dazu brauche es Religion nicht. Auf den Einwand van Gents, sie sei aber offenbar dem Dialog mit den Religionen nicht abgeneigt, erwidert sie: «Ich führe keinen Dialog mit Religionen, sondern mit Menschen.» Religion führe automatisch zu Abgrenzung. Zeindler setzt sich gegen diese Anschuldigung zur Wehr, ohne aber darauf eingehen zu können. Denn die Zeit ist leider um.

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