Mauerkunst
Der kleine anarchische Farbklecks in der Solothurner Altstadt

In den vergangenen Jahren wurde die 30 Meter lange Mauer an der Schmiedengasse mehrfach neu gestaltet. Was an der historischen Hofmauer aber erlaubt ist, ist alles andere als klar.

Andreas Kaufmann
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Diesen Sommer kam dank Graffitikünstler Andrea Matteo Cocco ein wenig Ruhe an die Wand.

Diesen Sommer kam dank Graffitikünstler Andrea Matteo Cocco ein wenig Ruhe an die Wand.

Tina Dauwalder

Die 30 Meter lange Hofmauer an der Schmiedegasse hat eine bewegte, jüngere Vergangenheit: Wie aus dem Umfeld des Künstlerhauses S11 zu erfahren ist, sollte die Mauer, die einen Innenhof mit Parkplatz von der Schmiedengasse abgrenzt, schon vor über zehn Jahren renoviert werden. Was aber stattdessen geschah: Die Wand wurde zwar mehrfach neu gestaltet – aber nicht durch die Besitzerschaft. Gymnasialschüler schufen dort zusammen mit ihrem Zeichenlehrer eigene Werke. Dann verewigten sich Sprayer mit ihren «Tags».

Aber auch das Künstlerhaus nutzte die Wand für Projekte, beispielsweise, um in einem Kinderworkshop mit Farben zu arbeiten.

In Gruppen aufgeteilt überlegten sich die Kursteilnehmer, wie sie die Wand vor dem Künstlerhaus gestalten wollten.
13 Bilder
Inspirieren lassen konnten sich die Jungen von Büchern
Draussen galt es dann, die Entwürfe umzusetzen.
Die Nachwuchskünstler arbeiten mit Klebenband und Schere
Sie präsentieren ihr Werk
Ferienpass-Kurs des Künstlerhauses Solothurn: Streetart

In Gruppen aufgeteilt überlegten sich die Kursteilnehmer, wie sie die Wand vor dem Künstlerhaus gestalten wollten.

Jonas Liniger

Wieder später wurde ein Teil der Wand für eine Kunstprojektion weiss gestrichen. Und seit diesem Sommer prangt an der Wand gegenständliche Graffitikunst, die ins Auge sticht. Diese ist unter der Ägide des Künstlerhauses lanciert worden, das dem Graffitikünstler gleichzeitig Plattform für eine Ausstellung im Haus bot. Unzählige Farbschichten liegen mittlerweile übereinander, wie es die Jahresringe eines Baumstamms tun, und schaffen ein Stück Gestaltungsanarchie im historischen Stadtkern.

Doch was sagt die Kommission für Altstadt- und Denkmalfragen, die Regungen und Bewegungen des städtebaulichen Gesichts im Argusauge behält? Passt diese Projektionsfläche für künstlerische Ideen zu den Überlegungen eines historischen Ortsbilds? Tatsächlich ist der Fall «Schmiedengasse» auch für die Altstadtkommission ein Knackpunkt: «Die Wand ist bei uns auf der Pendenzenliste», sagt Präsident Martin Stebler.

Bislang seien keine Baugesuche zu finden gewesen. «Der Fall ist ähnlich zu beurteilen wie jede andere Fassade in der Altstadt: Für jede Veränderung muss eine Bewilligung vorliegen», verweist Stebler weiter auf die kommissionseigenen Richtlinien. Derweil laufen bei der Kommission für Altstadt- und Denkmalfragen die Abklärungen weiter, inwiefern diese «wilde» Fläche in der Altstadt sein dürfe. «In Kenntnis allfälliger weiterer Dokumente werden wir den Fall neu beurteilen», so Martin Stebler.

Kommunikationsprobleme

Den offiziellen Segen der Besitzerschaft scheinen die Kunstwerke allemal nicht zu haben: Beat Schmid ist Immobilienverwalter der betroffenen Eigentümergemeinschaft mit total neun Parteien rund um den Hof. Ihm sei die neueste Umgestaltung durch den Graffitikünstler Andrea Matteo Cocco durchaus aufgefallen. «Ich habe ihn während der Arbeit an der Mauer angetroffen und interveniert, ihn aber nicht aufgehalten», so Schmid. Dafür habe er den Trägerverein des Künstlerhauses in einem E-Mail mit der unbewilligten Aktion konfrontiert und darauf hingewiesen, dass die Mauer wie früher schon unbewilligt für ein Kunstprojekt verwendet worden sei.

Seitens Künstlerhaus war ihm nach einem früheren Fall zugesichert worden, keine weiteren Kunstaktionen an der Wand durchzuführen. Das Trägerteam des Künstlerhauses bedauert in seiner Mailantwort, dass das Wissen um solche Abmachungen wegen zahlreicher Personalwechsel im Team nicht weitergegeben worden sei. Auch dass es einen Besitzer der Mauer gibt, habe das Künstlerhaus-Team nicht gewusst.

«Wenn an einer Liegenschaft ohne Kenntnis und Einverständnis Graffiti angebracht werden, so kann der Eigentümer um einen Unterstützungsbeitrag für die Entfernung resp. Reinigung anfordern», sagt Daniel Laubscher, Chef der Stadtplanung. Dennoch könne man einen Eigentümer nicht dazu zwingen, die Reinigung durchzuführen, ergänzt er. Ob das Angebot in diesem Fall zur Geltung käme, ist eine andere Frage. Schliesslich wurde die künstlerische Freifläche von der Besitzergemeinschaft zumindest «geduldet». Aber auch die künstlerischen «Bauherrn» der Wand müssten bei der Altstadtkommission eine Bewilligung einholen.

Mauer soll erhalten bleiben

«Die Wand ist seit Jahren ein ziemliches Thema», weiss auch Beat Schmid. Und sie wird wohl auch Thema bleiben. Zurzeit sind immerhin erste Vorgespräche für eine Überbauung auf dem Innenhof im Gang. Denn wie Schmid weiss, sind die Besitzverhältnisse unter den Liegenschaftseigentümern mittlerweile geklärt. Unklare Verhältnisse zweier Erbgemeinschaften hatten es lange Zeit verhindert, dass man für diese Baubrache überhaupt konkrete Überbauungspläne schmieden konnte.

Die Hofmauer indes soll erhalten werden, lautet der Grundtenor bei der kantonalen Denkmalpflege. «Die Wand ist von historischem Wert und ein wichtiges Element der Schmiedengasse. Sie ist integraler Bestandteil eines allfälligen neuen Bauprojekts.», so Bauforscher Urs Bertschinger. Und vielleicht besteht für das derzeitige Graffiti zwischenzeitlich noch Hoffnung auf «Amnestie»; nämlich wenn die Altstadtkommission findet, es handle sich um «Kunst am Bau»...