Amtsgericht Solothurn-Lebern
Der junge Raser muss für ein halbes Jahr hinter Gitter

Mit 145 km/h und ohne Ausweis baute ein 18-Jähriger 2011 einen Unfall auf dem Baseltor-Kreisel. Am Dienstag verurteilte das Amtsgericht Solothurn-Lebern den Bosnier zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten, davon wurden 24 zur Bewährung ausgesetzt.

Hans Peter Schläfli
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Der Angeklagte Bosnier auf dem Weg ins Gericht.

Der Angeklagte Bosnier auf dem Weg ins Gericht.

Tele M1

An einem schönen Herbstnachmittag konnte Slobodan L.* der Versuchung nicht widerstehen. Der gerade frisch aus den USA importierte, 305 PS starke, schwarze Mustang stand in der Tiefgarage und der Freund des damals 18-jährigen Bosniers, der im Oberaargau aufgewachsen ist, war bei der Arbeit.

Der Lehrling startete den Motor und mit dem Blubbern war die Lust auf eine Spritzfahrt grösser als die Vernunft. – Denn Slobodan L. hatte keinen Führerschein. Auf dem Baseltor-Kreisel in Solothurn verursachte er – auf der Flucht vor der Polizei – an jenem 11. Oktober 2011 einen schweren Unfall. Dafür wurde er gestern vom Amtsgericht Solothurn-Lebern zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt, wovon 24 Monate zur Bewährung ausgesetzt werden.

Er täuschte die Polizisten

«Plötzlich schloss in Wiedlisbach ein schwarzer Sportwagen ohne Nummernschilder extrem nahe zu mir auf und drängelte mit der Lichthupe», sagte eine Zeugin vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. «Dann hat er zwei bis drei Autos überholt und dabei die doppelte Sicherheitslinie überfahren», so die Frau weiter.

Die Spritztour des jungen Mannes führte über Zuchwil und Gerlafingen. Als er vom Dornacherplatz her kommend vor dem Rotlicht beim Solothurner Hauptbahnhof warten musste, konnte ihn eine Polizeistreife stellen, der er schon einmal entwischt war.

Slobodan L. folgte zunächst den Anweisungen der Polizei und fuhr den Mustang auf den Busstreifen. «Er hat bewusst den Moment gewählt, als der Polizist neben ihm stand, um zu flüchten», beschrieb Staatsanwältin Claudia Scartazzini in ihrem Plädoyer, wie es zum Unfall kam. «Ich schaute hinauf zur Brücke, da war kein Auto. Richtung Zuchwil war die Strasse voll», erklärte der Angeklagte die Wahl seines Fluchtwegs.

Mit 145 km/h auf der Rötibrücke

Die Untersuchungen haben ergeben, dass Slobodan L. auf der Rötibrücke mit 145 km/h unterwegs war. Vor dem Baseltor-Kreisel hatte er auf 105 km/h abgebremst, verlor die Kontrolle und krachte noch mit 78 km/h in ein stehendes Auto.

 Beim Baseltorkreisel kriegte der 18-Jährige die Kurve nicht und prallte in den blauen Kombi.
11 Bilder
Verkehrsunfall am Baseltorkreisel in Solothurn vom 11.10.2011
 Der Fahrer des Mustangs musste mit Schneidwerkzeug geborgen werden.
 Die Polizei hatte vorher beim Hauptbahnhof versucht, den Fahrer anzuhalten. Der 18-Jährige hatte sich aber der Kontrolle entzogen.
 Die Lenkerin des blauen Kombis und ihr Kind verletzten sich leicht. Der Unfallfahrer wurde ins Spital gebracht.

Beim Baseltorkreisel kriegte der 18-Jährige die Kurve nicht und prallte in den blauen Kombi.

Andreas Kaufmann

«Ich weiss, dass ich Menschenleben aufs Spiel gesetzt habe», zeigte sich der heute 21-jährige Angeklagte reumütig. «Ich bin froh, dass niemandem etwas zugestossen ist. Aber vielleicht ist es besser, dass dieser Unfall passiert ist. Sonst hätte ich sicher ein starkes Auto für mich gekauft und vielleicht wäre schon etwas viel Schlimmeres passiert.»

Opfer konnte nur zusehen

«Als ich zum Kreisel aufrücken wollte, hörte ich ein unglaublich lautes Motorengeräusch. Da sah ich das Auto, und ich wusste, dass ich nichts mehr machen konnte», erzählte die junge Mutter Christina H.* von den Sekundenbruchteilen, die ihr Leben beinahe zerstört hätten.

«Als meine Tochter sagte, sie habe Angst, war ich total erleichtert, weil ich wusste, dass ihr nichts Schlimmes passiert war.» – «Die Schutzengel haben eine Sonderschicht geschoben», sagte dazu die Staatsanwältin. «Aus dem Untersuchungsbericht der Polizei kann man entnehmen, dass die Gefahr einer ernsthaften Verletzung gross gewesen wäre, wenn der Mustang nur ein wenig weiter hinten in die Fahrertüre geknallt wäre.»

Staatsanwältin Scartazzini plädierte auf eine eventualvorsätzliche, versuchte Tötung und forderte eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren, weil der Angeklagte bewusst die Möglichkeit in Kauf genommen habe, jemanden zu töten.

Das Gericht folgte dieser Argumentation nicht und sprach ihn «nur» wegen mehrfacher, grober und fahrlässiger Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz schuldig. «Er vergewisserte sich, welche Strasse frei war», begründete Gerichtsstatthalter Claude Schibli den Freispruch vom Vorwurf der versuchten Tötung.

«Vor dem Kreisel hat er gebremst, dabei aber als total unerfahrener Lenker seine Fähigkeiten überschätzt. Das Gericht geht deshalb von grober Fahrlässigkeit aus.» Das jugendliche Alter wurde strafmildernd berücksichtigt und Slobodan L. zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt, von denen 24 Monate auf Bewährung ausgesetzt werden. Da er sich noch in der Lehre befindet, ist davon auszugehen, dass er die 6 Monate in Halbfreiheit verbüssen darf, damit er seine Ausbildung abschliessen kann.

*Namen von der Redaktion geändert.