Kommentar
Der hohe Preis für eine attraktive Stadt

Kommentar zum allmählichen Dichtestress in Solothurn und dessen Folgen.

Wolfgang Wagmann
Wolfgang Wagmann
Drucken
Teilen
«Können, müssen und wollen wir immer alles haben – oder wäre zwischendurch weniger mehr?», schreibt Wolfgang Wagmann.

«Können, müssen und wollen wir immer alles haben – oder wäre zwischendurch weniger mehr?», schreibt Wolfgang Wagmann.

Tabea Riesen

Alle sechs Stunden kreuzt eine Stadtführung in Solothurn auf, jede Nacht wollen im Schnitt über 250 Gäste in einem Solothurner Hotel nächtigen – Tourismusdirektor Jürgen Hofer kann hochzufrieden sein. Die Destination Solothurn funktioniert, der Trend auf allen Positionen ist zunehmend. Zwischendurch wirds sogar schon ziemlich eng im schönsten Barockstädtchen der Schweiz. Und ab und an kommt es den Einheimischen fast etwas unheimlich vor, was da alles abgeht.

Noch sind wir nicht so weit, dass Stadtpräsident Kurt Fluri laut über Drehkreuze wie in Venedig nachdenkt. Oder Aktivisten wie in Barcelona nächtens Slogans «Touri go home!» an die Schanzen sprayen und Frau Studer am Samstagmorgen um sieben ihr Foulard an die Stuhllehne am Märetplatz knüpft, um sich auch im Maien ihren Stammplatz fürs Märet-Kafi um neun zu sichern. Aber ...

Viele hätten noch Ideen

40'000 sind nach Solothurn gekommen. Innert zehn Tagen. Fast alle von auswärts. An die Biertage, an den Jungschwingertag und an die Bike Days. 40'000 brauchten drei verschiedene Infrastrukturen auf dem Areal von wenigen 100 Quadratmetern vor dem Baseltor, um ihre Anlässe durchzuführen. Es kam zu Stress, vereinzelt gar zu Reibereien.

Denn die Begehrlichkeiten der Event-Organisatoren sind gross. Jeder möchte noch mehr wachsen und attraktiver werden, noch eher anfangen und sich einnisten auf seinem knappen Plätzchen. Es wird wirklich eng im Städtchen Solothurn. Zumindest, wenn der Sommer kommt. Und mit ihm der Dichtestress – von den einen intuitiv gespürt, von anderen echt als solcher wahrgenommen.

Die Stadt Solothurn als Gastgeber möchte es allen recht machen. Und ja niemanden vor den Kopf stossen. Die Logiernächte sind das ein und alles – quasi das Thermometer, wie heiss unsere Stadt ist. Die Bewilligungs-Instanzen wie Stadtpolizei, Stadtkanzlei und der Werkhof sind ständig in der Bredouille: Was geht? Was nicht (mehr)? Solothurn ist schon an einem normalen Wochenende am Anschlag, und die «Eingeborenen» müssen einiges aushalten.

Kommen dann die ganz grossen Events wie die HESO, die Bike Days oder ein Märetfescht dazu, wirds für viele grenzfällig. Dazu haben wir ständig Massen von Tagestouristen, vor allem samstags die invasiven Polterabend-Grüppli, Ballermann-Brüder und -schwestern entlang der Aaremeile, dazu noch einige kleinere Grossanlässe. «Und es gibt noch viele, die mit Ideen kommen, wie sie die Stadt beleben wollen.» Verriet Stadtschreiber Hansjörg Boll bei unseren Recherchen zu den tragischen Ereignissen an den Bike Days.

Ein missglückter Spagat

Was geht und was geht nicht (mehr)? Den Spagat hat man auch mit dem Velo-Rennen «Chasing Cancellara» durch die Altstadt versucht. Der Ausgang ist bekannt. Laut Boll wurden keine Auflagen zur Durchlässigkeit der Altstadt für Passanten gemacht – die Streckensicherung sei den Veranstaltern überlassen worden.

Nun, Vaubanständer rundum zur hermetischen Absperrung sind bei dieser Streckenführung keine Lösung. Nicht über drei Stunden oder länger an einem sommerlichen Wochenendbeginn. Es wohnen Leute in der Stadt, es gibt noch andere Veranstaltungen. Rund 200 Gäste erwarteten beispielsweise zur Startzeit drei Altstadtrestaurants zum seit Monaten angekündigten «3-Gänger».

Was wäre deshalb die logische Konsequenz gewesen? Ganz einfach: Ein Altstadt-Velorennen geht so an diesem schönen Maien-Freitagabend nicht. Basta!

Rosskur an der Fasnacht

Was geht, was nicht? Die Frage stellt sich ja bei Grossveranstaltungen immer wieder. Am Fasnachtsumzug wurde der Kronenstutz inzwischen für Zuschauer gesperrt. In den Neunzigerjahren hat man auch die drei Eröffnungs-Reiter des Umzugs gestrichen, nachdem ein Gaul ausgeschlagen und eine Frau verletzt hatte. Inzwischen sinniert Stadtschreiber Boll bereits über die Bewilligung zum Tag des Pferdes nach.

Dieser soll wieder, wie schon gehabt, über das HESO-Areal führen. Die Messeleitung möchte natürlich, dass das Publikum während des Umzugs mit über 100 Rössern zwischen den beiden Zeltstädten zirkulieren kann. Ein Interessenkonflikt per se. Und wenn was passiert? Eine Trauerminute an der Generalversammlung von Region Solothurn Tourismus hilft da nicht weiter.

Die bohrenden Fragen bleiben: Können, müssen und wollen wir immer alles haben – oder wäre zwischendurch weniger mehr?

Aktuelle Nachrichten