Tag der Architektur

Der geplante Abbruch des Luder-Hauses zeigt: Auch tolle Architektur ist gefährdet

Die Architekturinteressierten werden von Besitzer Fred-Marc Branger über das von Fritz Haller gebaute Haus informiert.

Die Architekturinteressierten werden von Besitzer Fred-Marc Branger über das von Fritz Haller gebaute Haus informiert.

Velorundgang auf den Spuren der Nachkriegsmoderne.

Gut zwanzig Architekturinteressierte fanden sich am Samstag trotz Regenwetter mit dem Velo in der Fegetzallee ein. Die schon zur Tradition gewordene Stadtwanderung zum Tag der Architektur wurde diesmal auf Zweirädern durchgeführt. Das Thema: Die Architektur der Nachkriegsmoderne.

Die Führung begann mit in einem Musterbeispiel im positiven Sinne: Fred-Marc Branger führte durch den sanft renovierten neuen Hauptsitz der Branger Architekten AG, einem filigranen Metallelementbau aus dem Jahr 1977. «Fritz Haller, der wohl wichtigste Exponent der Solothurner Schule, projektierte mit dem Wohnhaus Hafter ein reifes Spätwerk», erklärte Branger den Besuchern. Er habe das Haus vor einiger Zeit besichtigen dürfen, als darin noch eine Kunstsammlung untergebracht war. «Ich habe die Besitzerin auf der Stelle gefragt, ob ich es kaufen darf. Jahre später hat sie es dann tatsächlich an uns abgetreten.»

Ein riesiger Garten, unter dem eine Tiefgarage gebaut wurde, lassen das Haus zierlich erscheinen. Das durch Haller entwickelte «Stahlbausystem Mini» prägt die Struktur; ein grosszügiger Lichthof und eine über alle drei Geschosse durchgehende Wendeltreppe im Zentrum des Hauptgebäudes verleihen ihm den Charakter. Die Bausubstanz und die damals verwendeten Materialien waren von herausragender Qualität. «Wir fanden alles im Originalzustand und konnten selbst die Armaturen im Badezimmer erhalten», erklärte Fred-Marc Branger den staunenden Besuchern, die sich um 40 Jahre in der Zeit zurückversetzt fühlten.

«Keine Rechtskraft»

Der zweite Halt der «Velowanderung» war am Sälirain beim sogenannten Luder-Haus. Das durch die Baukommission der Stadt Solothurn zum Abbruch freigegebene Wohnhaus stellte den negativen Kontrapunkt dar. Das in den Jahren 1960/61 von Hans Luder, dem einstigen Stadtbaumeister, gebaute Haus, steht heute leer und konnte nur aus der Distanz besichtigt werden. Nach einem Wasserschaden mit Schimmelbildung an einer Wand haben es die Besitzer ausgeräumt und aufgegeben.

Es gibt zwar ein sogenanntes Inventar zur Architektur der Nachkriegsmoderne, in der auch das Luder-Haus erfasst wurde. «Die Baukultur im Kanton Solothurn von 1940 bis 1980 ist vollständig dokumentiert – doch das sehr schöne Buch besitzt keine Rechtskraft», sagte Thomas Steinbeck, der Präsident des Solothurner Architekturforums in seinem Referat. «Das Bau- und Zonenreglement der Stadt Solothurn kennt einzig Bauzonenvorschriften zu Ensembleschutzzonen und zu Ortsbildschutzgebieten. Es enthält jedoch keine Bestimmungen zum kommunalen Inventar der erhaltenswerten Natur- und Kulturdenkmäler.»
Stefan Blank von der Kantonalen Denkmalpflege erklärte die schwierige Situation. Eine Sanierung des Hauses wäre extrem teuer und man müsse in diesem Fall die Besitzer verstehen, wenn diese davor zurückschreckten.

Schutz oder Rendite

In der lebhaften Diskussion, die daraufhin entbrannte, einigten sich die Architektur-interessierten Teilnehmer darauf, dass die liberale Politik der Stadt Solothurn ein Problem sei. Man könne nicht verhindern, dass schützenswerte Häuser wie das Luder-Haus abgerissen werden, um Platz für Renditeobjekte zu schaffen. Der Grundtenor: Solothurn braucht einen neuen Gesetzesartikel, mit dem Objekte wie das Luder-Haus besser geschützt werden können. Ist es nicht so, dass wenn jemand vor 50 Jahren zwei Backsteine aufeinandergestellt hat, es heute Architekten gibt, die ein solches «Monument» als Baudenkmal schützen wollen? «Nein, nein, so einfach ist das nicht», wehrte sich Thomas Steinbeck gegen diese Provokation. Was macht denn den Unterschied aus zwischen einem gewöhnlichen und einem erhaltenswerten Haus aus? «Es ist die Wirkung nach aussen, die gute Architektur und die Seltenheit, die ein Gebäude zur Ausnahme machen, die geschützt werden muss.» Es gebe keinen absoluten, mit einer Tabelle berechenbaren Wert dafür. «Es ist das Empfinden der Leute und die Geschichte im Hintergrund, die ein schützenswertes Gebäude ausmachen.»

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