Kalschnikowa, wie suggestiv doch dieser Name wirkt, wie sanft von der jungen Tänzerin ins Publikum geseufzt, zusammen mit der Geschichte des weltumspannenden Maschinengewehrs.

Was haben der Flamenco und die Kalaschnikow gemeinsam? Nicht viel, und doch reicht es für ein rund 70-minütiges facetten- und überraschungsreiches Tanzereignis: Das maschinengewehrartige Klacken der Flamenco-Fussschläge, die, repetitiv-orgiastisch und dann abrupt endend, in der schnellen Abfolge ein ratterndes Maschinengewehr und damit Bilder assoziieren von Gewalt und Angst, Täter und Opfer, Kampf und Überleben.

Um sich dann zu bewegten Bildern und wechselwirkenden Beziehungen von Gewalt und Verletzlichkeit, Aggression und Leiden, klassischem Flamenco und zeitgenössischem Tanz zu steigern. Zunächst scheint es, als machten es Choreografin Anet Fröhlicher und ihre vierköpfige internationale Flamenco-Compagnie el contrabando dem Publikum schwer.

Im Pneustapel

Die Kulisse (Reto Emch) bietet nur alte Pneustapel. Martialisch ist dieser Unort, mahnt an Gettos, an Endzeitstimmung, rohe Verlorenheit und ist absolut stimmig. Das Licht (Stefan Haller) fokussiert subtil das Dramatische der bewegten Atmosphären. Keine vordergründige Geschichte wird erzählt.

Dafür heftige Attacken der Flamenco-Fussschläge. Düstere, körperintensive Antworten des Leidens, heftige Zeichen des Ringens, des Fliehens und des Widerstandes, ineinanderfliessende, sich auseinanderentwickelnde, gestisch suggestive Wechselbilder. Kaum Sound, der das Geschehen unterlegt – stattdessen die Flamencoschritte, das Atmen der Tänzerinnen.

Schnell ist man in den Bann gezogen von diesen dichten Figurenbildern und getanzten Reflexionen, die eine konstant anhaltende assoziative Spannung auslösen. Der Flamenco, puristisch angedeutet, auf radikales Flamencostampfen reduziert, als repetitiver Loop eingespielt, der die Tänzerinnen animiert zum Wechselspiel expressiver Körpersprache und dramatischer Geste, von Aggressivität und Widerstand, Harmonien und Disharmonien, Macht und Ohnmacht, Leben und Leiden.

Der Flamenco treibt an, ist Rhythmus, gibt Kraft, löst sich auf, wird leise, zur Waffe: Ein intensiv gesteigertes Tanzgeschehen, das seine eigene, höchst wandelbare Sprache findet. Und dann plötzlich ertönt das Heulen der Wölfe, Jimi Hendrix’ «Hey Gipsy Boy», zum Ausklang Schumanns «Lied ohne Ende», musikalische Resonanzen auf die Bilder, die sich unwillkürlich einstellen.

Flamenco wird hinterfragt

Flamenco steht auch für extreme Fussarbeit, für eine grosse physische, willensstarke Präsenz im Raum. Und so hinterfragt Anet Fröhlicher mit ihrer Inszenierung auch den Flamenco selber als tänzerische Haltung, die Emotionen, die energiegeladene Expressivität, die dieser martialische Rhythmus auslöst. Und stellt mit den ausdrucksstark agierenden Tänzerinnen choreografisch die Frage: Was bleibt, wenn der Fuss nicht mehr Flamenco tanzt, wenn die Spannung in Ent-Spannung übergeht?

Dann geht im Haus der Kunst die Assoziation Flamenco-Kalaschnikow mit der Suggestion Täter-Opfer eine spannungsgeladene, tänzerische Beziehung ein und der Flamenco in theatralische Figuren über. Und aus der konzeptuellen Choreografie wird doch eine Art Geschichte.

Eher assoziativ denn narrativ, die mit leiser Ironie Grenzen sprengt und konsequent zum allegorischen Höhepunkt findet: Die Tänzerinnen entledigen sich der Flamenco-Schuhe und lösen sich damit von den «kalaschnikowen» Salven, schreiten mit Highheels und Krücken ihren Höhepunkt ab wie einen Sieg der brüchigen Eleganz über die verletzliche Kraft. Die Highheels tackern dennoch. Und ein rotes Kleid vereint Blut und Erotik. Irgendwie hat der Flamenco doch gesiegt.