Einmal im Jahr hat sie ihren Höhepunkt: die Rathausgasse. Bezeichnenderweise, wenn sich die Narren über sie lustig machen. Und sie am Hilari umtaufen - in Eselsgasse. Ausser am 13. Januar hat sie aber wenig zu melden. Die Rathausgasse fängt oben protzig an, mit dem Palazzo di Popolo, dem Regierungssitz.

Wird abwärts zusehends profaner, um dann – Nomen est omen - in die Barfüssergasse zu münden. Wobei, dieser tut man unrecht: Geradezu prosperierend ist das Geschäftsleben in ihr. Bis auf die eine Ecke. Dort wo die Rathausgasse einmündet, und jeweils für einige Wochen das Schild «Eselsgasse» prangt.

Zur Fasnachtszeit wird die Rathausgasse zur Eselsgasse. (Archiv)

Zur Fasnachtszeit wird die Rathausgasse zur Eselsgasse. (Archiv)

Zeichen des Zerfalls

«Esel» hiess die Bar dort, dann «Barfuess». An der letzten Fasnacht mutierte sie vorübergehend zum «Goldesel». Vorher und nachher stand sie leer. Der Hausbesitzer habe für ihn zuviel Mietzins gewollt, so der letzte reguläre Betreiber. Und so steht die tote Ecke für die ganze Häuserzeile hinter ihr. Zuletzt sei dort sogar eine Fensterscheibe auf die Gasse runter geknallt, berichtet ein Nachbar.

Die Zeichen des Zerfalls mehren sich also. Die drei Häuser nach der verlassenen Bar scheinen längst resigniert zu haben. Niemand tut ihnen Gutes. Versprayt ihre Fassaden, zugeklebt die Türe des Hauses Nr. 1. Nebenan trifft sich gemäss Aushängeschild ab und an der Fotoklub Solothurn.

Ebenfalls mit Grafitti und abblätternder Fassade präsentiert sich nebenan die Nr. 5. Das Zunfthaus zu Wirthen lagert darinnen seine Advents- und Fasnachts-Deko. Immerhin. Nr. 7, das einstige Mariastein-Haus, sieht proper aus, ist aber nicht unbedingt mit Leben erfüllt. «Lütti» mit Namenschildli gibts keine, nur leere Schraubenlöcher. Raumreserve fürs Rathaus, hier haust der Kanton ohne Inhalt.

Zwei Welten

Das Gassenpflaster besteht hier noch aus alten, klobigen «Katzenköpfen», mit grünem Kraut in den Ritzen. Es trennt die «Favela» der Nordseite von der aufgepeppten, instand gehaltenen südlichen Häuserfront. Wobei «Favela» das Ganze nicht trifft. Eine solche ist immerhin von den Ärmsten einer Stadt bewohnt. Doch hier zeigen sich die Behausungen menschenleer.

Gegenüber aber prangt bei jedem «Lütti-Knopf» manierlich ein Schildchen. Alles Deutschschweizer Namen. Offenbar kein Pflaster für Secondos oder Leute mit Migrationshintergrund. Das Phänomen ist rasch erklärt: Hier hinten finden sich die Wohnungszugänge für die repräsentative Häuserzeile entlang des Märetplatzes und der Hauptgasse, die vorne im Erdgeschoss von Ladenfronten und den Geschäftszugängen gesäumt wird.

Früher konnte man noch in der Mitte der Rathausgasse unten durch und beim «Palace» wieder rauf. Wie bei der «Wirthen» von der Gurzeln- zur Hauptgasse oder beim «Nordmann» von der Webern- zur Gurzelngasse. Tempi passati. Doch der eklatante Unterschied zwischen Glanz und Gloria sowie den Niederungen der Gesellschaft war hier hinten auf nächster Nähe immer spürbar.

Einige Jahre gabs in der unteren Rathausgasse gar den einzigen Erotik-Shop in der Altstadt. Heute gibts nicht einmal mehr so was, in der toten Ecke vor der leeren Bar. Ach ja, und die Gassenküche war früher auch mal an der Rathausgasse – oben im Kolpinghaus. Das heute ein Teilzeit-Restaurant namens «Pfefferkorn» der Stiftung Solodaris beherbergt. Aber auch einmal «Esel» hiess.

Und ein alter Esel

Es fällt auf, wie hartnäckig der Begriff Esel sich in der Rathaus – pardon Eselsgasse hält. Das hat seinen Grund. Bis 1912 hiess nämlich die Gasse immer Eselsgasse. Warum der Name geändert wurde, kann man nur erraten. Die im Rathaus... – ach lassen wir das! Es reicht, wenn sie zur Fasnachtszeit mit dem Grautier konfrontiert werden.

Tatsächlich fand sich mindestens seit 1369 zwischen der Rathaus- und Hauptgasse das erste Rathaus der Stadt mit einer Wirtschaft, die den Namen Esel trug. Mit dem Bau des neuen Rathauses weiter oben wurde das Haus zum Treffpunkt der Stadtschützen. 1872 verkauften es die Schützen an den Lehrer Viktor Müller, der dort eine Spanische Weinhandlung errichten liess. Von 1955 bis 1957 erfolgte dann der Totalumbau zum heutigen Kino Palace. Doch der Esel, er spukt weiterhin durch seine Gasse. Und lässt sie nicht los...