«Wenn Steine sprechen könnten...», zitiert Peter Studer den Volksmund. «Bei uns im Steinmuseum können sie es tatsächlich.» Studer ist Präsident des Trägervereins der Steinfreunde. Ein besonders gesprächsfreudiger Stein aus der Sammlung ist es auch, der in seinen Gedanken derzeit viel Platz einnimmt. Und letztlich sollte der Stein dasselbe bei jedem historisch interessierten Solothurner bewirken.

Auf den Tag genau datiert

Die Rede ist vom Weihestein zu Ehren der Pferdegöttin Epona, dessen Entstehung – und hier fehlt keine Null – aufs Jahr 219 datiert wird. Damit feiert der Inschriftenstein, der entweder als Altar diente oder zumindest Teil eines solchen war, heuer seinen 1800. Geburtstag. Historisch lässt sich das Jahr durch die Angabe zweier amtierender Konsuln bestimmen. Doch es geht noch genauer: Das eingemeisselte Weihedatum weist auf den 20. August hin. So wurde der Stein an diesem Tag im Steinmuseum gebührend gefeiert.

Solothurn erstmals namentlich erwähnt

Doch was macht den Stein besonders? Schliesslich hat die Sammlung im Gebäude gleich neben der Jesuitenkirche noch andere Trouvaillen zu bieten: Ein Inschriftenstein, der womöglich die Pforte des damaligen Solothurner Jupitertempels zierte, ein Kindersarkophag ebenfalls aus Römerzeiten, darüber hinaus weitaus ältere Zeitzeugen aus der Steinzeit. Doch der Epona-Stein, und das macht ihn zur Besonderheit über die Fans alter Steine hinaus, enthält die erste historisch verbriefte Erwähnung des Ortsnamens Salodurum. Dass man davon heute leider nur mehr «Salod» lesen kann, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Stein bis 1896 in eine Türeinfassung an der Schaalgasse 9 verbaut war. Weil nun einmal passend gemacht wird, was nicht passt, war der Stein am Rande abgeschliffen und somit verkleinert worden. «Ein frühes Beispiel von Recycling, wie es für Stein als teures Baumaterial üblich war», erklärt Studer.

Viele andere Steine aus der Römerzeit fanden beispielsweise als Baumaterial zum St.-Ursenmünster ihre neue zweckmässige Bestimmung. Erst nachdem das Münster 1762 abgebrochen worden war, um der Kathedrale Platz zu machen, begann man den eigentlichen historischen Wert der Steine zu erahnen.

Dankeschön für eine erfolgreiche Dienstzeit

Doch wie geht die Vorgeschichte? Wo liegt der Ursprung des Weihesteins? «Grundsätzlich entspricht der Fundort nicht zwangsläufig dem Standort eines Steins», sagt dazu Peter Studer. Und damit wird es zur reinen Spekulation, dessen «Reiseweg» abzubilden. Feststellen lässt sich lediglich, dass der Epona-Altar aus Solothurner Stein besteht und laut Inschrift von einem Marcus Aurelius Aprilius Restio gestiftet worden war. «Dieser war ein Benefiziarier, eine Art Strassenpolizist», weiss Studer. Aprilius Restio war ins Dorf Solothurn, in den Vicus Salodurum entsandt worden und wurde dort als Chef des Strassenpostens für die Überwachung der Fernstrasse zwischen Italien und dem Rheinland eingesetzt.

Da die ursprünglich keltische Göttin Epona bei den Römern als Schutzgöttin der Pferde galt, hatte sie auch ein hohes Ansehen bei den Benefiziariern. Und vermutliche wollte Aprilius Restio am Ende seiner glückreichen Dienstzeit seinen Dank gegenüber der Göttin Epona durch einen Altar ausdrücken. Der Vicus Salodurum war zur Zeit Aprilius Restios vermutlich ein Dorf mit 700 Einwohnern, deren Häuser sich entlang der Hauptstrasse aneinanderreihten. Gute 100 Jahre später schliesslich machte der Vicus dem Castrum Platz, dessen Mauerreste noch heute in der südwestlichen Ecke der Altstadt zu finden sind.

Der Stein wurde restauriert

Übrigens: Vor einiger Zeit wurde der Epona-Stein restauriert, da man ihn für eine Ausstellung nach Rom ausleihen wollte. Doch das Ausstellungsprojekt platzte. Dafür ist es mehr als tröstend, dass die «Jubilarin» heute dennoch in alter Frische von Salodurum erzählt...

Mehr historische Informationen zum Stein auf der Kantons-Webseite: https://so.ch/fileadmin/internet/bjd/bjd-ada/pdf/ADSO17/08_ar_solothurn_epona_adso_2017.pdf