Solothurn
Der Domschatz glänzt wieder in voller Pracht

Die letzten Schäden des Brandes sind beseitigt. Seit Freitag glänzt der Domschatz der St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn wieder für die Öffentlichkeit. Kustodin Kathrin Kocher erklärt die Restaurierungsarbeiten.

Lucien Fluri
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Blick in den Schatzraum, wo hinter Panzertüren Gold und Silber, Monstranzen, Kelche, Kreuze und die Reliquiare in neuer Konfiguration auf den Besucher warten.

Blick in den Schatzraum, wo hinter Panzertüren Gold und Silber, Monstranzen, Kelche, Kreuze und die Reliquiare in neuer Konfiguration auf den Besucher warten.

Hans Ulrich Mülchi

Domschatzkustodin. Kein Beruf in Solothurn tönt edler: Kathrin Kocher ist «Domschatzkustodin ad interim» in der St.-Ursen-Kathedrale. Für ihre Arbeit zieht sie weisse Handschuhe an, durch ihre Hände gehen Gold, Silber und prunkvolle Stoffe. Sie ist zuständig für den Kirchenschatz, der seit Jahrhunderten in der Kathedrale lagert. Seit Freitag ist er erstmals nach dem Brand wieder der Öffentlichkeit zugänglich.

Der Domschatz in Zahlen

> 65 000 Franken bezahlte die Kirchgemeinde 1894 für ihren Schatz. Sie musste ihn nämlich vom Staat zurückkaufen. Nach der Aufhebung des St.-Ursen-Stifts hat das Bundesgericht 1883 den Schatz dem Staat zugesprochen.

> 6000 Münzen gehören zum Schatz, darunter namhafte päpstliche Münzen und Medaillen, die aus dem Besitz von Adolf Glanzmann, Major bei der Schweizergarde, stammen.

> 350 Gold- und Silberobjekte, darunter drei Dutzend Kelche vom 15. bis zum 19. Jh.
> 1100 Textilien aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert gehören zum Domschatz. Darunter das Burgunder Ornat, das 1607 von Oberst Zurmatten geschenkt wurde und der Legende nach aus der Burgunderbeute (1476) stammen soll. Oder das Prachtornat des Erzbischofs von Besançon, der nach der Französischen Revolution 1792 im Solothurner Exil verstarb.

> 100 Glas- und Holzobjekte

> 219 Pläne. Darunter auch die wie-dergefundenen Baupläne der Kathe-drale.
> 23 Bücher, darunter das «Spiegelberg Missale», eine Pergamenthandschrift, die die Solothurner Familie Spiegelberg 1438/39 stiftete.

> 983 n. Chr. Ein Höhepunkt der mittelalterlichen Buchmalerei: Das Hornbacher Sakramentar, eine Pergamenthandschrift für das Kloster Hornbach in der Pfalz, wird um 983 angefertigt. Zwischen 1424 und 1439 gelangte die Handschrift in den St.-Ursen-Schatz.

> 1438/39: Aus diesem Jahr datiert die früheste Stiftung eigens für den Domschatz. Zwar finden sich ältere Kunstwerke im Schatz, diese wurden aber nicht direkt für diesen angefertigt. Im Gegensatz zu den Schätzen in Chur oder in der Abtei St. Maurice sind in Solothurn nicht viele mittelalterliche Werke zu sehen. Der St.-Ursen-Schatz blühte erst im Barock so richtig.

> 1932 wurde der Tresorraum im Nordturm der Kathedrale eingebaut. 1983/86 ist ein weiterer Raum über der Sakristei umgebaut worden. Hier werden die Textilien aufbewahrt. (lfh)

Quelle: Mane Hering-Mitgau, Domschatz der St. Ursen-Kathedrale, Bern 2004.

Schatzsucherin. Begeisterung blitzt in Kathrin Kochers Augen auf, wenn sie über die letzten Jahre spricht. Die Kustodin steht im Paramentenraum, wie der Saal über der Sakristei genannt wird, wo die Kostbarkeiten aus Stoff lagern. Wenn Kathrin Kocher die meterlangen Schubladen öffnet, dann kommen mehrteilige Prunkornate aus fünf Jahrhunderten zum Vorschein. Folien befinden sich zwischen den Stoffen, damit sich die Silber- und Goldfäden nicht verhaken. Spitzen, Fransen, Perlen und Pailletten sind zu sehen. Dank des Brandes durfte – oder musste – Kocher alle Schubladen in der Kirche öffnen. Und sie ist auf Schätze gestossen, von denen man gar nicht mehr wusste: Originale Pläne und Skizzen aus der Bauzeit der Kathedrale hat Kocher gefunden, sie hat ein Stundenbüchlein aus dem 15. Jahrhundert wiederentdeckt, zwar beschädigt, aber doch ein Kleinod.

Hüterin fast vergessener Worte. Wenn Kathrin Kocher die meterlangen Schubladen mit den Stoffkostbarkeiten öffnet, kommen mehrteilige Gewänder hervor, schwere Stoffe, die auf den Schultern von Bischöfen und Priestern lasteten oder sonst in der Messe verwendet wurden. Ihre Namen sind heute kaum mehr bekannt: Kasel, Dalmatik, Pluviale, Stola, Manipel, Bursa und Palla heissen sie.

Oft sind die Stoffe mit dem Wappen der Stifterfamilien wie der von Surys versehen. Kathrin Kocher öffnet eine weitere Schublade und zeigt einen ihrer liebsten Stoffe: ein Pfarrgewand, auf dem ein Raubtier eingewoben ist. Die Erklärung ist einfach: «Die Stifter spendeten oft ihre Innenausstattungen, die sie nicht mehr benötigten», erklärt Kocher den exotischen Stoff. Die Rückenpartie der Kaseln war jeweils besonders schön, weil die Priester die Messe mit dem Rücken zum Kirchenvolk feierten.

Der Museumsschreiner. Der blau ausgeschlagene Tresorraum gleich neben dem Altar ist für die meisten Besucher der Schatzraum an sich: Kelche, Kreuze, Monstranzen, Reliquiare stehen hier glänzend in den Vitrinen. Mitten im Tresorraum steht der Biberister Antikschreiner Ulrich Bucher. Er hat gerade eine neue Halterung für einen gekreuzigten Jesus hergestellt. An den Schultern zeigt die Figur ganz feine Risse. Über Jahre wurde sie nur an den Händen aufgehängt, obwohl sie auch an den Füssen Löcher zur Befestigung hätte. Antikschreiner Bucher hat eigens für die Figur eine neue Halterung hergestellt. Neu hängt die Jesusfigur nicht mehr nur an den Händen, sondern auch an den Füssen.

Museologi n. Man spricht zwar vom «Domschatz». Im Gegensatz zu anderen Schätzen bleibt der Solothurner Kirchenschatz aber nicht hinter Glasvitrinen und Tresormauern verborgen: Viele Gegenstände sind noch immer im liturgischen Gebrauch und stehen durchs Jahr über immer wieder (gut gesichert) in der Kirche. «Schaulager» ist in den Augen von Marianne Gächter der richtige Ausdruck. Die Museologin und frühere Kuratorin des Textilmuseums in St. Gallen hat an der Neuausrichtung des Domschatzes mitgewirkt und die Ausstellung im Tresorraum entschlackt. Waren früher fast alle Kelche zu sehen, ist es in den Vitrinen jetzt übersichtlicher geworden. «Der Charakter der Schatzkammer soll aber erhalten bleiben», sagt Gächter. Neu konzentriert sich die Ausstellung auf die «Masterpieces».

Lateiner. Im ersten Stock beugt sich Kirchgemeindepräsident Karl Heeb gerade über eine geöffnete Schublade und übersetzt aus dem Lateinischen. Vor ihm liegen Seiten aus einem Messbuch, das man auseinandergenommen hat: Die einzelnen Seiten wurden in das Rückenteil eines Priesterkleides eingenäht, damit der Stoff schön fiel. Nur einige Minuten später liest Heeb wenige Meter entfernt aus dem Auftragsschreiben der Solothurner an den Domarchitekten Pisoni vor. Es gibt viele unterschiedliche Schätze in dieser Kirche.

Registrarin.Wenn der Brand etwas gutes hatte, dann das: Die nötig gewordene Räumung und Neuordnung des Schatzes hat die Möglichkeit zu einer professionelleren Aufbewahrung und Dokumentierung gebracht. Die alten Prunkgewänder hängen nun über breiten Kleiderbügeln, damit sie nicht mehr brechen. Der Schimmel, der sich in den Schränken im Tresorraum gebildet hatte, ist weg. Gelagert werden dort in den Fundamenten des Turms, wo die Feuchtigkeit nie ganz wegzubringen ist, künftig keine Stoffe, kein Holz oder keine Handschriften mehr, die Schaden nehmen können. Jetzt ist es nur noch das Edelmetall. Kathrin Kocher hat in den vergangenen Monaten alle Objekte neu geordnet, mit einer Nummer versehen und in einem elektronischen Inventar registriert. Und Kocher hat den Sammelauftrag neu definiert: Sie legt jetzt auch aktuelle Ministranten-T-Shirts und andere Utensilien aus dem Pfarreileben auf die Seite, um das «Heute» für spätere Generationen festzuhalten. So ein Kirchenschatz ist ein Projekt, bei dem man über Jahrhunderte denken sollte.

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