Der deutsche Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann darf schon fast zu den Stammgästen des Solothurner Traditionshauses «Krone» zählen. Bei seinen Besuchen der Ambassadorenstadt ist er jeweils hier abgestiegen. Aus den Tagebuchnotizen Thomas Manns dürfen wir schliessen, dass der Schriftsteller bereits vor seinen öffentlichen Vortragsreisen in den 1920er- und 1930er-Jahren vereinzelt in Solothurn Halt gemacht hat. Jedenfalls war ihm, der für seine Vorträge jeweils mit der Eisenbahn angelangt ist, das Hotel Krone «durch wiederholte Aufenthalte auf Auto-Reisen» bekannt. Von den privaten Visiten ist aber nur wenig überliefert: Am 29. April 1934 machte der Nobelpreisträger auf der Fahrt von Bern nach Basel in «unserem guten Wägelchen» Station in Solothurn und besuchte die Kathedrale. Er dürfte dabei von seiner Gattin Katia chauffiert worden sein. Teilweise bis in die Verästelungen des Tagesablaufs dokumentiert sind wir indessen über seine Vortragsreisen in den Jahren 1921, 1934 und 1935, die ihn auch nach Solothurn geführt haben. Bereits auf seiner ersten Lese-Tournee durch die Deutschschweiz im Frühjahr 1921 war ihm der Reiz der Kantonshauptstadt nicht entgangen. Unter Führung des Apothekers Albert Pfaehler, damals Vorsteher («Altgeselle») der einladenden Töpfergesellschaft, konnte er sich zur Besteigung des Turms der St.-Ursen-Kathedrale aufschwingen, wobei ihm neben der «imposanten Barock-Renaissance-Kirche» auch die «reizende Rathausfassade in Früh-Renaissance» eine Notiz wert war.

Totengericht

Den abendlichen Vortrag am 26. Januar 1921 nennt er nicht ohne einen Anflug von Schauer eine «Vorlesung in der freimaurerhaften Töpfergesellschaft mit sog. Totengericht nachher, bei dem ich Rede zu stehen hatte». Der Veranstaltung öffentlicher Vorträge und Lesungen hat sich die Solothurner Töpfergesellschaft bis heute verschrieben. Die makabre Bezeichnung des anschliessenden Nachtessens als «Totengericht» nahm in klassischem Bildungsstreben und mit doppelsinniger Ironie Bezug auf das antike Totengericht der Unterwelt, wo die Weisen dem Hades zur Seite sassen, um über die Toten zu richten.

Entlöhnung mit Speis und Trank

Nach alter Tradition begab sich ein Kreis von wenigen Töpfergesellen nach der öffentlichen Veranstaltung mit dem Referenten in die «Krone», wo der Gast in abgeschiedener Geselligkeit für seine Vorlesung mit Speis und Trank entlöhnt wurde. Mit der Freimaurerei steht die Solothurner Töpfergesellschaft freilich in keinem Bezug. In getragenem Duktus berichtete auch die «Solothurner Zeitung» vom Vortrag Thomas Manns. Die literarischen Kreise der Stadt hätten es sich nicht nehmen lassen, «in geschlossenem Aufmarsch der stillen Wortkunst eines Menschen zu lauschen, dessen Beruf keinerlei Köder für die breiten Massen» besitze (SZ vom 26. Januar 1921, Nr. 21). Im Ganzen las der Dichter an seinem ersten Solothurner Vortrag drei Stücke: eingangs das Kapitel aus den «Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull», gefolgt von Lesungen aus den Novellen «Das Wunderkind» und «Das Eisenbahnunglück».

«Schon in festen Händen»

Dreizehn Jahre nach seinem ersten öffentlichen Auftritt in Solothurn und fast auf den Tag genau ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland, bestieg Mann am 31. Januar 1934 in Neuenburg den Zug und kam am späteren Vormittag abermals in Solothurn an. Während er für seine erste Vortragsreise aus München in die Schweiz gereist war, wohnte er in dieser Zeit bereits in Küsnacht. Er bezog wiederum Logis in der «Krone». Das Hotel, so der Tagebucheintrag, sei sehr würdig modernisiert, ohne aber seinen ursprünglich ländlich-gasthofmässigen Charakter zu verleugnen. Am Nachmittag signierte er für den jungen Inhaber der Buchhandlung Petri beim Zeitglockenturm eine grössere Anzahl Bücher, die mehrheitlich «schon in festen Händen», das heisst reserviert waren, wie er nicht ohne Genugtuung anmerkte. Zu Mittag ass er im Speisesaal der «Krone» eine Minestra und ein gutes Ragout mit Reisrand, mit einem Schweizer Rotwein. Anschliessend setzte er sich rauchend in die Hotelhalle und las in einem Magazin Bekenntnisse eines Morphinisten.

Nach der Niederschrift eines (verschollenen) Briefes an seinen Bruder Heinrich und einem kleinen Spaziergang wurde der Dichter von Hans Enz, Rektor an der Kantonsschule und als Altgeselle Nachfolger von Apotheker Pfaehler, abgeholt und in den Rathaussaal begleitet, wo der Vortrag vor mächtigem Auditorium stattfinden konnte.

«Leiden und Grösse Richard Wagners»

Diese öffentliche Lesung stand unter dem Titel «Richard Wagner». Sie entsprach der gekürzten Version seines Essays «Leiden und Grösse Richard Wagners», den der Dichter anlässlich des 50. Todestages des Komponisten verfasst hatte. Den Vortrag hatte er ein Jahr zuvor erstmals in München gehalten und anschliessend in Amsterdam, Paris und Brüssel wiederholt. Der Herausgeber der Tagebücher Thomas Manns, Peter de Mendelssohn, hat den Wagner-Essay, auf welchem der Solothurner Vortrag beruhte, seinen «nachmals berühmtesten» genannt. Tatsächlich muss Manns kritische Publikation über Wagner insoweit als einer der biografisch folgenreichsten gelten, als sie eine feindselige und infame öffentliche Reaktion in einer Münchner Zeitung auslöste, mit welcher nazistisch gesinnte Wagner-Kreise den Komponisten in Schutz zu nehmen und sich bei den neuen Machthabern andienen zu müssen glaubten.

Speziell aus Küsnacht anreisend, las Mann knapp zwei Jahre später, am 11. Dezember 1935, ein drittes Mal im gut gefüllten Solothurner Kantonsratssaal, diesmal aus «Joseph und seine Brüder», dem dritten Band seines mehrteiligen Joseph-Romans. Erneut vermerkt er «aufmerksamstes Publikum» und «andauernden Beifall» im Kreis der Töpfergesellschaft. Beim anschliessenden Totengericht, das im «Roten Turm» gegeben wurde, ass er, erschöpft und hungrig, viel Suppe und ein gutes weiches Schnitzel. Dazu genehmigte er sich zwei Becher Bier, um eine halbe Stunde vor Mitternacht zur Nachtruhe in die «Krone» zurückzukehren.

«Die Äusserungen darüber hatten etwas tief und intelligent Bewegtes»

Der kleine Kreis des Totengerichts hat den Dichter mit höflicher Ehrerbietung aufgenommen, wenngleich die Distanz zum Nobelpreisträger von den kleinstädtischen Exponenten der Töpfergesellschaft als nur beschränkt überbrückbar empfunden wurde. Max Reinhart, Altgeselle von 1935–1946, spricht in seinen Erinnerungen sogar von einer «unangenehmen Kühle», die Mann hinterlassen habe. Nicht wissen konnte er – die Tagebücher Manns wurden erst nach 1975 zugänglich gemacht –, dass dem Dichter seinerseits die nächtlichen Gespräche mit den Solothurnern imponiert hatten. «Die Reden überzeugten mich von dem ausserordentlichen Eindruck, den der Vortrag gemacht; die Äusserungen darüber hatten etwas tief und intelligent Bewegtes», schreibt er am 31. Januar 1934, und: «das angenehmste und ernstest zu nehmende Milieu dieser Art, das mir vorgekommen». Auch wenn hier und dort mit schiefem Mund eine gewisse Provinzialität der Ambassadorenstadt beklagt worden sein mag, schöner und geneigter ist, soweit wir sehen, kaum je über das Solothurner Bildungsbürgertum gesprochen worden.

*Dr. Gregor Wild ist Rechtsanwalt in Zürich.

Quellen: div. Schriften zur Töpfergesellschaft Solothurn; Golo Mann, Mein Vater Thomas Mann; Thomas Mann, Tagebücher, Bd. I, Bd. II, ; Peter de Mendelssohn, Ein Schriftsteller in München, Thomas Mann 1955–1975, Frankfurt a. M. 1977; div. Zeitungsausschnitte.