Eddy Schneitter
Der «Coiffeur des Vertrauens» kehrt Solothurn nach 48 Jahren den Rücken

Nach 48 Jahren gibt Eddy Schneitter seinen Coiffeursalon am Stalden Ende Monat auf. Der 68-Jährige wird zuhause in Lommiswil weiter Haare schneiden.

Wolfgang Wagmann
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Nochmals besuchte Hausi Leutenegger seinen Freund Eddy Schneitter im Salon und beschenkte ihn.

Nochmals besuchte Hausi Leutenegger seinen Freund Eddy Schneitter im Salon und beschenkte ihn.

Oliver Menge

1970. «Damals war Beatles-Zeit. Die Leute schnitten ihre Haare nicht mehr, sie pflegten sie nur noch. Auch ich trug lange Haare und Koteletten.» Und ausgerechnet in dieser Ära, als führende Rockidole die Liverpooler Pilzköpfe mit immer längeren Mähnen in den Schatten stellten, da wollte der erst 20-jährige Eddy Schneitter seinen eigenen Coiffeur-Salon eröffnen.

«Am 25. 11. 1970 war es endlich soweit. Ich war zwanzig geworden und durfte nun den Mietvertrag unterschreiben.» Der damalige Inhaber des Salons: der Vater von Dani Fohrler. Seither übt Schneitter sein Handwerk am Stalden 3 aus, seit nunmehr 48 Jahren. Der Name des Geschäfts war Programm: Er hiess von nun an schlicht und einfach für alle Zeiten «Coiffeur Eddy.»

Alle Zeiten? Nein, Ende April ist Schluss. «Der Coiffeur des Vertrauens» für viele Solothurner kehrt der Stadt den Rücken. Untermieterin Bernadette Fröhli frisiert im neu «Stalden 3» genannten Salon alleine ihre Kunden weiter – Eddy Schneitter hingegen bedient seine Stammkunden bald zu Hause in Lommiswil. Und das sind nicht wenige: «Ich habe über 500 E-Mail- und Post-Adressen erfasst», lacht der 68-Jährige.

Eine Frage des Vertrauens

Der dienstälteste Figaro der Stadt erinnert sich noch an Zeiten, als in seinem eigenem Salon ein Tabakgeschäft integriert war, Kunden ihre Feuersteine für 15 Rappen auswechselten und ihre Gasfeuerzeuge neu betankten. Herren, die was auf sich hielten, pflegten noch alle ein, zwei Tage die Nassrasur beim Coiffeur ihres Vertrauens, wo sie auch ihr Köfferlein mit sämtlichen Rasur-Utensilien eingestellt hatten.

Eddy Schneitter wirkte auch als Barbier. (Archiv)    

Eddy Schneitter wirkte auch als Barbier. (Archiv)    

Oliver Menge

Das Vertrauen ist Grundkapital eines «Höörlifrässers», wie Eddy Schneitter nicht genug betonen kann. «Du bist Psychiater, Psychologe, Pfarrer – einfach alles. Und Diskretion ist das A und O.» Die Beziehungen zu seinen Kunden sei ihm dabei das Wichtigste gewesen und nicht etwa Diplome oder sogar Pokale. Somit entstand für den Lommiswiler Coiffeur ein soziales Netzwerk auf breitester Ebene. Und manchmal wurden aus diesen Begegnungen sogar Freundschaften fürs Leben.

Als Beispiel sei der Lebemann Hausi Leutenegger genannt – dieser wollte unbedingt noch einmal bei seinem Star-Coiffeur am Stalden 3 vorbeisehen. «Wir sind seit Jahren befreundet und geniessen jeweils zusammen für eine Woche das Velofahren auf Gran Canaria.»

Immer gerne gearbeitet

«Die ganzen 48 Jahre über war ich nur gerade zwei Tage krank – dies ist ein Glücksfall.» Und manchmal habe er halt auch mit Fieber die Haare geschnitten. «Ich bin nie aufgestanden, und die Arbeit hat mir gestunken», blickt Eddy Schneitter auch auf eine Motivation zurück, die nicht selbstverständlich ist.

Im Salon habe er immer alles selbst gemacht, ob Reparaturen, Malerarbeiten, Putzen oder das Schaufenster wechseln. «65 bis 70 Präsenzstunden pro Woche kamen da jeweils rasch zusammen», rechnet er vor. Dafür gehört ihm im Geschäft «sogar der Boiler, und deshalb war auch der Zins günstig». Denn eines, räumt Eddy Schneitter ein, habe ihn doch immer ein wenig beschäftigt: «Da war immer eine gewisse Existenzangst, wenn das Telefon nicht gleich wieder geschellt hat.»

Dabei geht bei ihm längst ohne Voranmeldung gar nichts – als einziger reiner Herren-Coiffeur in der Stadt schickt er fast jeden Tag einige potenzielle Kunden an andere Adressen weiter, weil sie nicht vorangemeldet waren. «Das Gefühl von Konkurrenz kam bei mir nie auf», meint er auch lakonisch angesichts der immer noch expandierenden Zahl von Coiffeur-Geschäften in der Stadt.

Neben Hausi Leutenegger (rechts) machte auch Ständerat Pirmin Bischof ein Bsüechli im Salon von Eddy Schneitter.   

Neben Hausi Leutenegger (rechts) machte auch Ständerat Pirmin Bischof ein Bsüechli im Salon von Eddy Schneitter.   

Oliver Menge

Das Leben daneben

Ein Kind von Traurigkeit ist Eddy Schneitter nie gewesen. Viele Fans haben noch seine Auftritte in den Theaterstücken des FC Lommiswil vor Augen, zusammen mit dem inzwischen leider verstorbenen Ideal-Partner Hansruedi Ro- thenbühler. «30 Jahre lang hab ich da mitgemacht», erinnert sich Schneitter gerne an diese Zeit.

Viel Bewegung in sein Leben haben aber auch die vier Kinder gebracht. Zwei der drei Söhne waren dem Fussball verfallen, der Älteste lebte eine Trainierkarriere und der Jüngste spielte gar beim FC Zürich. Und dann «Nathi». Auf die Sportart Mountainbike hatte Tochter Nathalie gesetzt. «In dieser Sportart gibts kaum etwas zu verdienen, für Frauen schon gar nicht.»

Da war Vater Eddy gefordert. «Der Coiffeur konnte ihr ein Sponsoring dank seinen treuen und grosszügigen Kunden ermöglichen», blickt der Vater mit einigem Stolz auf die sportlichen Erfolge seiner Tochter zurück, die inzwischen ihre Karriere beendet hat. «Wir waren ständig unterwegs und ich hatte ein sehr abwechslungsreiches Leben», betont Eddy Schneitter. Und eines ist gewiss: Es wird ihm auch zu Hause, in Lommiswil nicht langweilig werden.

Was dagegen spricht? 500 E-Mail-Adressen seiner «geliebten Kunden» und abenteuerreiche Biketouren mit seiner Frau Prisca.

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