Sechs Tote bei Brand
Der blanke Horror in Solothurn: «Ich hörte draussen Kinder schreien»

Es müssen sich grauenhafte Szenen abgespielt haben, nachts beim Mehrfamilienhaus an der Wengistrasse. Viele Bewohnerinnen und Bewohner konnten zwar gerettet werden, aber für sechs Menschen, darunter auch Kinder, kam jede Hilfe zu spät.

Wolfgang Wagmann
Drucken
Teilen
 Es war nachts um 2.10 Uhr, am 26.November 2018, als ein Bewohner des Mehrfamilienhauses an der Wengistrasse 40 Rauch im Treppenhaus entdeckte. Er handelte rasch und löste Alarm aus.
9 Bilder
 Er handelte rasch und löste Alarm aus. Die Feuerwehr rückte in der Nacht vom Sonntag auf den Montag unverzüglich mit einem Grossaufgebot aus und brachte 19 Personen in Sicherheit.
 Die tragische Gewissheit Stunden danach: Für 6 Personen kam jede Hilfe zu spät. Vier Erwachsene und zwei Kinder starben beim Unglück.
 Eine vierköpfige eritreische Familie wurde komplett ausgelöscht. Ein weiteres Kind erlag zwei Tage später im Spital seinen Verletzungen.
 Insgesamt forderte der Brand in der Nacht vor genau einem Jahr 7 Todesopfer.
 Die Feuersbrunst wurde durch eine Zigarette ausgelöst, wie die Polizei noch am Tag des Brandes erklärte.
 Die Stadt stand in den Tagen danach unter Schock. Es gab auf den Strassen nur ein Thema.
 Und das Bedürfnis, gemeinsam zu trauern.

Es war nachts um 2.10 Uhr, am 26.November 2018, als ein Bewohner des Mehrfamilienhauses an der Wengistrasse 40 Rauch im Treppenhaus entdeckte. Er handelte rasch und löste Alarm aus.

Kapo SO

«Ich hörte draussen Kinder schreien und Erwachsene laut reden». Dann seien Polizeiwagen vorgefahren, «und ich dachte, die Polizisten wollten nur für Ruhe sorgen.» Daniel Gsell (56) war noch wach, als der blanke Horror im Nachbarhaus Nummer 40 ausbrach. Er selbst musste seine Wohnung im Haus Nr. 38 verlassen, nachdem er um 2.40 Uhr erstmals etwas von den Vorgängen nebenan mitbekommen hatte. «Man hat mehrere Leute draussen auf der Strasse reanimiert, einen Mann sah ich dort liegen, den man offenbar aufgegeben hatte.» Es sei grauenhaft gewesen, «die verstorbenen Kinder haben ein so kurzes Leben gehabt,» zeigt sich Gsell sichtlich betroffen. Gesehen habe er es nicht direkt, aber er habe gehört, eine Frau sei aus dem Fenster gestürzt und habe sich so tödlich verletzt.

Immerhin durfte er morgens wieder in seine Wohnung zurück, die er seit drei Jahren im Mehrfamilienhaus bewohnt. Nein, Probleme habe er mit seinen ausländischen Nachbarn nie gehabt, aber auch keinen Kontakt. Manchmal sei es auch etwas laut zu und her gegangen.

Überall war Rauch

Boris Anderegg, Kommandant der Stützpunktfeuerwehr Solothurn, schildert seinen ersten Eindruck an der Brandstätte   

Boris Anderegg, Kommandant der Stützpunktfeuerwehr Solothurn, schildert seinen ersten Eindruck an der Brandstätte   

Hansjörg Sahli

Boris Anderegg, Kommandant der Stützpunktfeuerwehr Solothurn, schildert seinen ersten Eindruck an der Brandstätte: «Überall war Rauch.» Um 2.10 Uhr sei man alarmiert worden, «ich habe dann das ganze Korps aufgeboten.» Die 60 Feuerwehrleute hätten sich sofort auf die Rettung der Hausbewohner konzentriert, die aus den Fenstern in den Obergeschossen um Hilfe gerufen hätten. «Wir setzten auch den Atemschutzzug ein. Es kam zu sehr vielen Rettungen auch über Leitern.» Genau kann er die Zahl noch nicht nennen, «aber es waren wohl zwischen 10 und 20 Bergungen.» Der Kommandant bestätigt, dass der Brandherd klar im Parterre gewesen sei. Vor Ort seien auch sehr viele Ambulanzen, sogar aus dem Nachbarkanton Bern gewesen, bestätigt Anderegg ebenfalls. Die Rettungskräfte versuchten die leider teilweise ergebnislosen Reanimationen von Opfern, die laut Augenzeugen offenbar bis zu einer halben Stunde gedauert hätten.

Baby aus dem Fenster geworfen?

In einer Mittags-Sondersendung von «Tele M1» erzählte ein kongolesischer Bewohner, er sei aus dem Fenster gesprungen und habe sich dabei am Arm verletzt. Ein Mitbewohner, der dasselbe aus einem höher gelegenen Stockwerk versucht habe, sei dagegen auf der Stelle tot gewesen. Und dann wird noch ein anonym sein wollender Bewohner zitiert, wonach eine Mutter ihr Baby heruntergeworfen habe, er es aber nicht haben fassen können. Auch das Kleinkind sei verstorben.

Feuerwehrleute betreut

Die Feuerwehrleute waren in der Nacht mit sehr belastenden Szenen konfrontiert. «Ja es war einschneidend», muss auch der Kommandant einräumen. Die Solothurner Feuerwehr hatte zuletzt 2012 bei einem Wohnungsbrand in der Greibengasse ein Todesopfer bergen müssen. Bei einem ähnlichen Fall an der Hans-Huberstrasse mit einem toten Bewohner gab es gestandene Feuerwehrmänner, die in Tränen aufgelöst waren. «Unsere Leute wurden deshalb nach Ende des Einsatzes um 6 Uhr gleich vom Care Team des Kantons betreut», so Boris Anderegg.

Elf Patienten in Spitalpflege

Belastend war die Situation auch für die Rettungsdienst. Beat Walser, Betrieibsleiter der Rettungsdienste Solothurner Spitäler bestätigte gegenüber Tele M1, dass insgesamt zehn Rettungswagen im Einsatz gestanden hätten, darunter die Hälfte aus Grenchen und der bernischen Nachbarschaft. «Insgesamt wurden 11 Patienten aufgenommen.»

«Schwarzer Tag für Solothurn»

Morgens um fünf Uhr war Stadtpräsident Kurt Fluri von Feuerwehrkommandant Boris Anderegg über das tragische Drama an der Wengistrasse 40 informiert worden und an die Brandstätte geeilt. «Das ist ein schwarzer Tag für Solothurn», hatte er vor Ort gegenüber Tele M1 geäussert. «Das Feuer war ja nicht das Schlimmste, es war nur ein Zimmerbrand.» Das Fatale sei die enorme Rauchentwicklung gewesen. «Es ist unvorstellbar», so der Stadtpräsident weiter, «meines Wissens hat es bei uns in der Region noch nie eine solche Brandkatastrophe gegeben.»

Flüchtlings-Unterkunft

Als Fluri am Brandort eintraf, war die Lösch- und Rettungsaktion bereits beendet, die Leichname in einem Zelt auf dem City-Parkplatz aufgebahrt. «Offen sollen noch zwei Schwerverletzte in Lebensgefahr schweben», befürchtete er vor dem Mittag eine noch höhere Opferzahl. In der Liegenschaft Nummer 40 habe der Kanton zwei Stockwerke für die Unterbringung von Flüchtlingen angemietet, «einige Kinder gingen bei uns in den Kindergarten». Allerdings seien nur neun Personen an der Wengistrasse 40 angemeldet gewesen – tatsächlich hielten sich aber um die 20 Personen in den Wohnungen auf. «Die Evakuierten wurden vorläufig in der Zivilschutzanlage Schöngrün untergebracht», bestätigte Fluri weiter. Claudia Hänzi, Chefin Kantonales Amt für Soziale Sicherheit, bestätigte lediglich: "Wir haben in der Liegenschaft Wohnraum angemietet."

Stadt erwägt Gedenkfeier

Ebenfalls schon Gedanken hat sich Kurt Fluri zu einer Gedenkfeier für die Verstorbenen durch die Stadt Solothurn gemacht. «Wir müssen jedoch zuerst wissen, ob und welchen Glaubensgemeinschaften die Opfer angehört haben.» Danach werde man sich mit einer ökumenischen Gedenkfeier im Detail befassen können.