Solothurn

Der Besuch der «netten», stillen Örtchen

Trotz des pompösen Foyers: Auch im Hotel Ramada ist man nett.

Trotz des pompösen Foyers: Auch im Hotel Ramada ist man nett.

Jeder muss mal. Jede auch. Was tun, wenn man sich in einer Stadt nicht auskennt? Solothurn hat eine ganz charmante Antwort.

Dass Solothurn die «schönste Barockstadt der Schweiz» ist, weiss jeder. Weniger bekannt dürfte sein, dass das Bijou an der Aare auch die «netteste» ist. Das liegt am nicht zufällig sogenannten «stillen Örtchen». Und das kommt so. Es geht um Solothurns WCs, genauer Solothurns «nette» öffentlichen WCs (es gibt eben auch andere). «Hier finden Sie eine nette Toilette», heisst es auf dem Flyer, der etwa bei Region Solothurn Tourismus in der Hauptgasse aufliegt.

Wie es sich für die «Öufi»-Stadt gehört, sind es mittlerweile natürlich elf Toiletten-Standorte. Aufgelistet sind also neuerdings elf «nette Toiletten», WCs der besten Hotels und Restaurants der Innenstadt. Zuletzt noch dazugekommen sind die Suteria und der «Sternen».

«Wo ist das Problem?»

Jeder muss mal. Jede auch. Die alten Römer hatten einen eigenen Terminus dafür: «necessarium», das Notwendige. Was für Touristen schnell zur Qual wird. Und auf öffentlichen WCs zum Graus. Aber darf man oder frau einfach ins classy «Ramada» laufen oder ins ehrwürdige «Zunfthaus zu Wirthen», nur weil …?

Wir haben den Test gemacht. Neun Mal. Frisch gewagt ist halb gewonnen. Auf ins «Ramada», das Gegenüber der mächtigen Kathedrale. Nicht nur in guten Hotels sind die WC-Piktogramme in der Lobby so platziert, dass man gleich drauflossteuern kann, ohne sich «verdächtig» zu machen. Funktioniert hier bestens. «Finde ich cool, dass ich einfach in dieses schicke Hotel laufen darf, nur um aufs WC zu gehen.» Die junge Frau am Empfang findet mein Kompliment fast übertrieben: «Wo ist das Problem?», meint sie ganz freundlich.

Das macht Mut. Rüber zum «Baseltor». Stolzes Mitglied von «swiss historic hotels». Ich suche am Eingang nach dem «Nette-Toilette»-Logo. Da ist es. Für ein elegantes Dinner ist es definitiv zu früh. Gähnende Leere. Kühl mustern die Servicedamen den Fremden. Ich zieh es durch und dann nichts wie raus.

Alles perfekt ausgeschildert

Das «Zunfthaus zu Wirten» ist eins der drei geschichtsträchtigen Häuser von Soleure. Hier einfach nur pinkeln? «Ich suche das WC.» – «In den 1. Stock, Monsieur!» Ich bedanke mich. Das sei grossartig für einen Touristen. «Wir sind da für euch», sagt der maghrebinisch aussehende Kellner und schenkt mir ein riesiges Lächeln. Als ob ich ihm ein riesiges Trinkgeld gegeben hätte. Schnell ist das nächste Örtchen abgehakt, die Jugendherberge am Landhausquai. Man läuft rein. Niemand empfängt einen. Aber alles perfekt ausgeschildert, einschliesslich Rollstuhlsymbol. Man lässt raus. Was willst du mehr.

Überraschung in der wunderschön direkt an der Aare gelegenen «Cafébar Barock», wo man sozusagen mit der Tür ins WC fällt. Dort begrüsst mich ein Automat mit: «Love Bombs – Masturbator für Männer». Das Foto einer Blondine soll zum Kauf animieren. Doch dafür schaut sie mir zu traurig drein.

Nicht alle sind «nett»

So weit, so nett. Leider gibts, ausgerechnet in der Innenstadt, auch ganz «un-nette» Toiletten. Zum Beispiel in einem zentral gelegenen Café: «Für Nicht-Gäste WC-Benützung Fr. 3.00 bitte im Laden bezahlen», steht unbarmherzig an der WC-Tür. Es ginge auch so wie im «Sennhaus» auf dem Weissenstein: «Liebe Gäste, auch wenn Sie nur unser WC besuchen, sind Sie uns herzlich willkommen. Unser Putzkässeli freut sich über Ihre Spende.»

Zurück zu den «Netten»

Ein echter Geheimtipp ist die «nette Toilette» im Alterszentrum Wengistein, nämlich für Besucher der Verenaschlucht! Jeder hat so seinen Stil. Auch am Eingang zum «Bistraito», strategisch perfekt am Marktplatz positioniert, prangt das «nette Toilette»-Logo. Vom Personal wird ein Schlüssel herausgerückt, comme il faut: blau für die Herren, rot für die Damen. Oben vor dem WC tönts aber so: «Kein öffentliches WC!! Die Benutzung der Toiletten ist eigentlich nur unseren ‹Gästen› vorbehalten … Es gibt natürlich immer wieder ‹Andere›, welche es einfach nicht mehr verklemmen können … Menschlich – doch es würde uns freuen, ‹Diese› bei Gelegenheit auch im Bistraito begrüssen zu dürfen …!!» Originalinterpunktion. Man hat offenbar so seine Erfahrungen mit «diesen Anderen» …

Nett, dass auch die «Grüne Fee» eine «nette Toilette» zur Verfügung hält. Weniger nett ist, dass am Postkartenständer «Gratiskarten» überklebt ist mit «1 Franken».

Ein wahrer Höhepunkt zum Schluss: Im «Restaurant du Commerce» bilden zwei ausserordentlich freundliche Damen das Empfangskomitee: «Natürlich dürfen Sie die Toilette benutzen, im 1. Stock, bitte.» Danke. Hier fühle ich mich willkommen geheissen. Richtig «nett»! Da geh ich wieder hin. Und nicht nur aufs WC.

Fazit: Die Aktion «nette Toilette» passt gut zur «schönsten Barockstadt der Schweiz». Auf dass sie es bleibe!

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1