Stadtfuchs

Der ausgeprägte Schuh-Tick der Familie Reineke

Der «Steingrubener Schuhbasar» von Kurt und Helena Leisibach-Altermatt hat ein stattliches Sortiment.

Der «Steingrubener Schuhbasar» von Kurt und Helena Leisibach-Altermatt hat ein stattliches Sortiment.

Eine freche Sippe an Vierbeinern hat im Solothurner Steingruben-Quartier auf ihren Raubzügen einige Beute ergattert. Die Stadtfüchse scheinen insbesondere auf Schuhe zu stehen.

Es ist ein «Fundbüro» der besonderen Art, das Kurt und Helena Leisibach-Altermatt an der Haffnerstrasse eingerichtet haben. Schuhe, einzeln oder paarweise, stehen sortiert zur Rückgabe an ihre Besitzer bereit. Aber nein, es handelt sich weder um einen Sommerschlussverkauf noch um einen Quartierflohmarkt. Dass die Schuhe dorthin gekommen sind, geht allein auf die Rechnung eines ganz besonderen Zeitgenossen: des Stadtfuchses.

Protokoll der Sichtungen

Akribisch haben die Leisibachs damit begonnen, ein tierisches Protokoll zu führen – seit eines Tages im Mai Meister Reineke mit seiner ganzen Familie zum ersten Mal im Steingruben-Quartier gesichtet wurde. «Füchse beobachten wurde bald einmal zu unserer Lieblingsbeschäftigung», verrät Kurt Leisibach schmunzelnd. Dabei blieb es nicht bei gelegentlichen Begegnungen mit den Neuzuzügern: Alsbald gingen die Vierpföter mit einem offensichtlichen Schuhtick auf ihren Beutezug und schleppten entsprechendes Raubgut en masse herbei.

Im Gegensatz zu Hühnern und sogar einer Schildkröte, die auch auf dem Speiseplan des Fuchses stand, blieben Wanderschuh bis Sandale in der Nähe ihres zwischen Holzbeigen eingerichteten Fuchsbaus liegen. Leisibach sammelte zusammen, was er in nächster Umgebung seines Zuhauses fand und begab sich in der Nachbarschaft auf die Suche nach den barfüssigen Besitzern. Auf diese Weise gelangten aber umso mehr Schuhe, die einige seiner Nachbarn selbst gefunden hatten, in Leisibachs Obhut.

Schuh vermisst, bestellt, geliefert

Dank eines SMS via Solothurner Zeitung wurden gar übers Quartier hinaus Leute auf die «Schuh-Aktion» aufmerksam. Ein «Gabentisch» wurde eingerichtet. Eine Dame, die einen ihrer blauen «Crocs» vermisste, rief bei den Leisibachs zwar zunächst vergeblich an, «am Morgen darauf lag der vermisste Schuh dann aber plötzlich vor unserer Garage. Der gesuchte Artikel konnte somit unverzüglich ausgeliefert werden», erzählt Leisibach.

Ein Mann sei indes glücklich gewesen, dass er die fehlende Hälfte seines teuren neuen Wanderschuh-Paars im «Fundbüro» wieder in Empfang nehmen konnte. Natürlich seien nicht alle Bewohner des Quartiers über die Anwesenheit der Füchse erfreut gewesen – noch weniger über deren Raubzüge –, weiss Leisibach: «Aber die Mehrheit hatte ihre Freude an den Tieren.» Der letzte Eintrag in seinem Fuchstagebuch geht auf Ende Mai zurück. Seit diesem Zeitpunkt scheinen die Füchse verschollen zu sein, ebenso wie die Raubzüge ausblieben.

Fuchs im Flegelalter

Doch Andreas Schäfer, stellvertretender Leiter des Naturmuseums, winkt ab. Es habe vielmehr mit dem Alter des Fuchs-Nachwuchses zu tun. Ein natürlicher Spieltrieb im «Flegelalter» könnte somit für den Schuhklau verantwortlich gewesen sein.

Und dass sich die Füchse so oft zur Schau stellten, hat mit der Neugier junger Füchse zu tun: «Wahrscheinlich hat sich mittlerweile bei den Tieren eine natürliche Scheu vor dem Menschen entwickelt, sodass sie nicht mehr so oft zu sehen sind.» Und da der Siedlungsraum der Stadt Solothurn für die Handvoll Füchse ohnehin zu klein sein dürfte, ist es durchaus möglich, dass die Jungspunde zurück aufs Land oder in den Wald ziehen.

Doch selbst wenn sich Meister Reineke auf diese Weise – wie es sich für ihn eigentlich gehört – wieder menschlichen Blicken entzieht, wird er im bis Ende September umgebauten Parterre des Naturmuseums einen besonderen Platz erhalten. In der Dauerausstellung wird ein Fuchspräparat (nein, nicht aus der noch lebenden Fuchsfamilie) mit «Lieblingsbeute» im Maul posieren: einem Originalschuh aus dem Steingruben-Quartier...

Haben auch Sie einen diebischen Fuchs inflagranti ertappt? Schicken Sie uns Ihr Foto an redaktion@solothurnerzeitung.ch

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