Die Kirche war nicht fertig, es fehlte etwas Wichtiges: die Glocken. Kurz nachdem wir im Herbst 1962 in die Weststadt gezogen waren, erhielten alle Schulkinder den Marschbefehl: Wir sollten dafür sorgen, dass St. Marien ihr Geläut bekam. Ein kleines goldenes Glöcklein auf der Brust bewies, dass man dazugehörte.

So zogen wir die Glocken nach und nach zur Gaudi der Eltern an einem langen Seil den Kirchturm hinauf. Den diskreten, aber entscheidenden Part spielte dabei der Kran. Das war uns aber Wurst, denn als Lohn gabs für alle von uns Mütschli mit einer drallen Servelat.

Mit der Erstkommunion begann der Ernst des Ministrantenlebens. Exerzitien jeden Mittwochnachmittag: «Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!» Dazu schuldbewusst auf die Brust töpperlen. Grosses Lampenfieber vor dem Er(n)steinsatz. Und dann war ich bereits am Ende meines Lateins.

Nur gerade eine Messe durfte ich noch nach dem alten Ritus mitzelebrieren, danach setzte das zweite Vatikanische Konzil einen Schlussstrich unter meine sorgfältig gelernten Vokabeln. Und als kleiner Ministrant fühlte ich mich nun doch ein wenig wie das Agnus Dei, das da geopfert worden war...

Wir Weststadtbuben waren keine Kinder von Traurigkeit. Zu Steinschleudern oder von Gummi-Redli weggespickten Stahl-Agraffen hatten wir ein völlig ungestörtes Verhältnis. Doch einer war zu skrupellos gewesen - und plötzlich nicht mehr in der Ministrantenschar. Aus gut unterrichtetem Gemunkel entnahmen wir: Er hatte nach dem «Service» des Pfarrers hinten in der Ecke den Rest Messwein aus dem Kelch in sich geleert - natürlich vor laufendem Kirchenbesuch.

Noch zu Lebzeiten selig gesprochen zu werden war nicht mein Ziel. Aber dann hatte ich doch das Gefühl, jetzt bleibe der Kirche nichts anderes mehr übrig. Denn zwei Ferienwochen lang war ich der allerletzte Ministrant gewesen, den unsere Geistlichkeit in der Pfarrei noch hatte auftreiben können.

Das hiess jeden Morgen vor der Schule im intimsten Rahmen mit dem Pfarrer oder Kaplan und drei, vier älteren Damen die Messe in der Werktagskapelle zu bestreiten. Und alle drei Messen am Sonntag - wenigstens gabs damals noch keine am Samstag. Nun, als Ministrier-Hero wurde ich zuletzt doch nicht ganz selig gesprochen. Pfarrer Alfred Hurni verdankte mir den nimmermüden Einsatz mit einem ziemlich heiligen Buch. Dabei hätte es für mich eine Servelat durchaus getan.

Schrecksekunde nach einer dieser Werktagsübungen: Hatte der alte, vielleicht schon etwas schusslige Kaplan Villinger es getan? Oder war es gar der Sakristan mit dem sinnigen Namen Christen gewesen? Einer hatte mich jedenfalls in der Sakristei eingeschlossen. Bald begann die Schule. Es gab nur ein schräg gestelltes Klappfenster. Ich wand mich durch den Spalt und schürfte mir die Hüfte wund.

Heute weiss ich, dass genauso öfters Katzen (ver)enden. Aber Weststadtbuben, die sind eben zäher als Katzen.

Beerdigungen waren nicht mein Ding. Aber sie gehörten zum Geschäft. Einmal schwang ich das Weihrauchfass zum letzten Geleit derart, dass es mir schlecht wurde. Ich taumelte in die Sakristei, wo mich Christen dank einem Zückerli, beträufelt mit braunem Lebensgeist, wieder zu sich holte.

Ein andermal, an einem heissen Sommertag, kam es noch dicker: Ein ebensolcher Herr lag in seinem Sarg und es roch fürchterlich. Nach der Messe wollte ich durch den Chorraum heim und tappte mit einem Schuh in eine schwarze Lache, die sich unter dem Sarg gebildet hatte. Ich konnte erst anderntags wieder etwas essen.

Das Singen unter Franz Rüegger mit den Sängerknaben machte viel Spass, auch wenn bei uns ein gewisser Pirmin Bischof mittat. Für die Ministranten aber gabs spezielle Zückerli.

Die älteren durften im Gegensatz zu den kleinen Glockenbuben mit dem Samichlaus an drei Abenden als Huttenträger, Diener oder Schmutzli die damals noch unzähligen Kinderstuben der Weststadt besuchen. Und danach im Mitte der sechziger Jahren erbauten Pfarrhaus beim Pfarrer dinieren - Weiss- und Rotwein inklusive. Das schlug nun jede Servelat!

Anfangs der siebziger Jahre kam noch das Pfarrheim dazu - und fast gleichzeitig das Ende der Jungwacht. Wir waren schockiert, als uns Pfarrer Hurni dies mitteilte. Es fehlte an Nachwuchs. Jetzt, als die Pfarrei fertig gebaut war, begann sie zu bröckeln.