«El hombre conduce y la mujer seduce», sagt der Volksmund in Argentinien zu seinem Standardtanz, dem Tango. Zu Deutsch: Der Mann führt und die Frau verführt. Diese besondere Beziehung zwischen den beiden Geschlechtern stand auch im Vordergrund des Tanztheaters «Tango Des Pas Perdus», das vergangenen Sonntag im Stadttheater Solothurn Premiere feierte.

Auf leidenschaftliche und ein wenig skurrile Weise näherte sich die Berner Tanz-Kompanie «T42 Dance Projects» dem Mythos des Tangos an, der seit bald 150 Jahren Menschen auf der ganzen Welt in seinen Bann zieht. Ob zärtlich, elegant oder gar anstössig – die in Buenos Aires entstandene Verschmelzung von folkloristischem Tanz und europäischer Immigrantenkultur bleibt bis heute rätselhaft und schwer definierbar.

Das Choreografen- und Tänzerduo Félix Duméril und Misato Inoue, ein Romand und eine Japanerin, liessen sich davon nicht abschrecken und haben sich zusammen mit Tänzerin Koto Aoki an das Mysterium herangewagt – wenn auch auf eine etwas ungewohnte Art und Weise.

Poetisch und humorvoll

Stühle stehen ungeordnet und über den Haufen geworfen auf der Bühne, es ist stockdunkel bis auf das schwache Licht eines heruntergefallenen Kronleuchters vergangener Zeiten. Eine Frau sitzt zusammengekauert auf einem der Stühle. Leise ertönt ein Kinderlied mit dem Refrain «Tango, Tango». Eine Handpuppe beginnt zu tanzen.

Dieser surrealistisch anmutende Einstieg kam für diejenigen Theaterbesucher, die sich eine rein tänzerische Unterhaltung versprochen haben, wohl ziemlich unerwartet. Denn nebst Hüftschwüngen und Drehungen war am Sonntagabend auch schauspielerisches Talent von den Tänzern gefordert. Poetisch und humorvoll wurde die Geschichte des Tangos mit all seinen Irrungen und Wirrungen erzählt, begleitet von dramatisch inszenierter Lichtführung und fragmentarisch zusammengestellten Tangostücken.

So sind es zu Beginn nur die säuberlich polierten Schuhe, die zu den unverkennbaren Bandoneon-Klängen tanzen wollen. Mann und Frau, dargestellt von Duméril und Inoue, weigern sich, sich dieser seltsamen Musik hinzugeben, bis sie sich dem mitreissenden Rhythmus nicht mehr entziehen können. Auch wenn es anfänglich noch nicht so richtig klappen will – da wird noch rasch die Nase geputzt und aus Versehen auf den Fuss getreten – lässt man sich nicht entmutigen. So triumphiert am Ende die Macht der tänzerischen Harmonie. Mann und Frau haben zu einander gefunden, die Freiheit hat gesiegt, der Tango lebt.

Weitere Vorstellungen: 8. März: Solothurn; 25. und 26. April: Biel.