Stadt Solothurn

Delegation aus Fukushima: Was die Schweiz und Japan voneinander lernen können

Der Schweizer Botschafter von Tokio in seiner ursprünglichen Heimatstadt Solothurn.

Der Schweizer Botschafter von Tokio in seiner ursprünglichen Heimatstadt Solothurn.

Urs Bucher, Heimwehsolothurner und Botschafter in Tokio, hat den Abstecher der Japan-Delegation eingefädelt. Es tue ihm gut, die Strassenschluchten von Tokio wieder einmal mit den Altstadtgassen Solothurns zu tauschen, erzählt er im Interview.

Seit 2010 ist Urs Bucher Schweizer Botschafter in Japan. An seinen Heimatort Solothurn kommt der 53-Jährige immer wieder gerne zurück.

Hatten Sie während Ihres Kurzaufenthalts die Gelegenheit, Erinnerungen an Ihre Heimat Solothurn aufzufrischen?

Urs Bucher: Und wie. Der Höhepunkt war natürlich, mit Gouverneur Uchibori den St.-Ursen-Turm zu erklimmen. Dies war auch eines meiner eindrücklichsten Erlebnisse, das ich vor bald 50 Jahren mit meinem Vater und meinem älteren Bruder hatte. Es ist jedes Mal wieder ein ergreifender Moment, ebenso wie der Abend hier im «Basutöri». Hier haben sich meine Eltern vor mehr als 60 Jahren kennen gelernt.

Was konnten Sie der Delegation neben dem Kathedralenturm sonst noch zeigen?

Wir hatten wenig Zeit, um etwas von all den Schönheiten der Stadt zu zeigen; immerhin aber die St.-Ursen-Kathedrale, die Hauptgasse, das «Baseltor» und seine Umgebung. Und was beim Abendessen unter Beweis gestellt wurde, war die Solothurner Gastfreundschaft, die bei unseren Besuchern aus Japan einen unvergesslichen Eindruck hinterliess.

Wie Sie selbst sagen, sei der Gouverneur von Fukushima für Sie einer der respektabelsten Menschen in Japan. Woher kommt diese Verbundenheit mit Masao Uchibori?

Das ist natürlich eine rein persönliche Wertung. Aber nach dem Erdbeben 2011 hat man sehr viele Japanerinnen und Japaner gesehen, die einen unglaublichen Bürgersinn und soziale Verantwortung an den Tag legten. Und unter jenen Personen, die eine Verantwortung hatten, stach der damals noch Vize-Gouverneur Uchibori heraus. Er war einer, der nicht gejammert hat, sondern versucht hat, aus einer gegebenen schrecklichen Situation sofort das Beste zu machen, in die Zukunft zu schauen und dafür zu sorgen, dass in seiner Präfektur das Leben lebenswert bleibt oder wieder wird.

Was fehlt Ihnen in Japan, was Sie in der Schweiz hatten?

Selbstverständlich bin ich in der Schweiz gerne in der freien Natur und in den Bergen. Die Nähe zur Natur, die fehlt mir ein wenig in Tokio.

Wie halten Sie den Kontakt zur Heimat aufrecht?

Das grosse Problem ist die Zeitdifferenz. Die ist derart ungünstig, dass man eigentlich unter der Woche mit keinem normalen Menschen hier in der Schweiz kommunizieren kann. Dank Skype und all den technischen Hilfsmitteln kann man sich wenigstens während der Wochenenden miteinander unterhalten. Das ist immerhin etwas. Und ansonsten gibts halt nichts anderes, als zwölf Stunden ins Flugzeug zu sitzen und sich zu gedulden.

Sie waren erst ein knappes Jahr im Amt, als die Nuklearkatastrophe in Fukushima die Schlagzeilen auf der ganzen Welt beherrschte. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon erfuhren?

Der allererste Gedanke gilt in einem solchen Fall dem direkten Umfeld. Wie geht es der Familie? Wie den Arbeitskollegen? Und nachher: Wie können wir als Team unsere Arbeit entsprechend unserem Auftrag machen? Und in dieser Situation war der Auftrag in erster Linie, den eigenen Landsleuten zu helfen. Das war damals der Gedanke. Wir haben damals auch die adäquaten Massnahmen getroffen. Und seither rüttelts immer wieder – aber nie mehr so stark wie damals.

Hat die Katastrophe in Japan ein Umdenken bewirkt, das nachhaltig geblieben ist?

Das Ereignis hatte sicher einen starken Effekt; insofern, als dass die Sicherheitsvorschriften in Japan massiv verstärkt worden sind. Es steht mir aber nicht zu, darüber zu urteilen, ob die Schlussfolgerungen, die man politisch gezogen hat, die richtigen sind. Die Regierung, die während des Erdbebens das Sagen hatte, optierte für einen Ausstieg. Die nachfolgende Regierung beschloss den Ausstieg vom Ausstieg. Die Zukunft wird weisen, ob die Politik wirklich im Interesse des Landes ist.

Welche energiepolitischen Impulse könnte die japanische Delegation nach ihrer Schweiz-Reise mit nach Hause nehmen?

Es gab ein paar Aha-Erlebnisse. Was in Japan fast ein wenig tabu ist: Wir haben uns über Getränkeautomaten unterhalten. In Japan stehen zweieinhalb Millionen Apparate, die in der prallen Sonne stehen und gekühlte wie geheizte Getränke anbieten – mit einem Gesamtverbrauch von mehr als einem Kernkraftwerk. So etwas kennt man in der Schweiz nicht. So haben wir uns darüber unterhalten, warum ein Land gut leben kann und nicht verdurstet, ohne dass man Getränkeautomaten in der Hitze stehen hat. Das war bloss eine kleine Inspiration aus einer Reihe von vielen. Was ich aus unserem Cleantech-Abend hier feststelle: Unsere Gäste hat es beeindruckt, dass Ideen nicht immer von oben kommen müssen – in einem Land, in dem die Menschen Eigeninitiative ergreifen, Verantwortungsbewusstsein zeigen und selbst Ideen umsetzen können. Mit einem solchen Ansatz kann man viel erreichen. Wir hatten bei diesem Abendessen ein Dutzend Präsentationen von relativ kleinen Akteuren gehabt, von denen jeder für sich im Kleinen Ausserordentliches leistet. Ich bin überzeugt, dass die Delegation eines mit nach Hause nehmen wird: Die Eigeninitiative der Bürger ist zu fördern, gerade auch in den Bereichen Nachhaltigkeit und Energieeffizienz.

Was können die Schweizer umgekehrt von den Japanern lernen?

Nach dem Erdbeben 2011 hat sich etwas gezeigt: Während in anderen Ländern die Menschen aufeinander losgegangen wären und einander ihre Habseligkeiten abspenstig gemacht hätten, hat man sich in Japan gegenseitig geholfen. Es hat in Japan keiner dem anderen was zuleide getan – im Gegenteil. Tokioter Hochhäuser mit bis zu 60 Stockwerken mussten damals evakuiert werden. Dabei gab es keinen einzigen Menschen, der zu Tode getrampelt wurde. Man muss sich das vorstellen: Man befindet sich in einem Hochhaus, das so sehr schwankt, dass man nicht mehr gerade stehen kann. Und dann muss man während einer halben Stunde die Treppen hinabsteigen, und keiner tut dem anderen irgendwas zuleide. Das ist eine unglaubliche zivilisatorische Leistung. Da sind uns die Japaner haushoch überlegen und könnten uns als Beispiel dienen.

Sie waren in den Neunzigern unter anderem Pressesprecher und Botschaftsrat der Schweizer EU-Mission. Wie blicken Sie heute von aussen auf die angespannten Beziehungen zur Europäischen Union?

Nicht anders als ich es von innen tun würde. Die Schweiz ist inmitten von Europa. Und wir werden mit unseren europäischen Nachbarn immer irgendwelche Wege finden, um im Geschäft zu bleiben. Das hat sich nicht geändert.

Üblicherweise packt ein Botschafter nach vier Jahren wieder seine Koffer für eine neue Herausforderung. Seit 2010 sind sie nun schon in Japan. Wo werden Sie in zwei, drei Jahren zu finden sein?

Immer noch unter derselben Sonne.

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