Solothurn

Delegation aus Fukushima auf Stippvisite in der Barockstadt

Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn, Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, Masao        Uchibori, Gouverneur von Fukushima, sowie Urs Bucher, Schweizer Botschafter in Japan, auf ihrer Tour durch die Altstadt.

Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn, Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, Masao Uchibori, Gouverneur von Fukushima, sowie Urs Bucher, Schweizer Botschafter in Japan, auf ihrer Tour durch die Altstadt.

Eine Delegation aus Japan besuchte in den letzten Tagen die Schweiz, um von den hiesigen energiepolitischen Strukturen zu lernen und einen Einblick in die Situation in der Heimat zu vermitteln. Ein Abstecher führte nach Solothurn.

Der kurze Spaziergang durch die Solothurner Altstadtgassen wurde für Masao Uchibori zum entschleunigten Moment auf seiner allerersten, hektischen Auslandsreise als Gouverneur von Fukushima. Im vergangenen Herbst war der vorige Vize der drittgrössten Präfektur Japans ins Amt des Gouverneurs aufgerückt.

Seinen Amtsantritt besiegelte er mit dem Versprechen, mit Leib und Seele für die Revitalisierung seiner Region zu kämpfen. Davon zeugt also auch seine Visite in der Schweiz: um einerseits am energiepolitischen Beispiel der Schweiz zu lernen und andererseits der Welt ausserhalb von Japan ein Bild der Realität in Fukushima zu vermitteln.

Wie er bei seinem Zwischenhalt in Solothurn ausführte, zeigen sich im fünften Jahr nach der nuklearen Katastrophe vom 11. März 2011 klar Fortschritte, aber auch Rückschläge sowie Sonnen- und Schattenseiten der Entwicklung in der Präfektur Fukushima. «Ich möchte Sie wissen lassen, dass nach der Nuklearkatastrophe die Zeit nicht stehen geblieben ist.»

Von den ursprünglich 160 000 Evakuierten leben vier Jahre später noch 110 000 von ihrer verstrahlten Heimat entfernt, der Aufbau der örtlichen Industrie und des Gewerbes sowie der schulischen und medizinischen Infrastrukturen läuft. «Wir müssen den Menschen Normalität zurückgeben», so Uchiboris Zielsetzung. Strukturelle Revitalisierung lautet die Devise: Nicht nur die offensichtliche Kontamination der Umwelt, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Folgeerscheinungen sind in den Blick zu nehmen; beispielsweise mittels eines Wohnungsbaus durch die öffentliche Hand.

Inspirationen swiss made

Doch nicht nur die Krisenbewältigung, auch das Nachdenken über die Zukunft beschäftigt den Gouverneur. Dass die Zentralregierung Japans Atomenergie längst wieder als Grundpfeiler der Stromversorgung sieht, läuft der Stossrichtung der Präfektur Fukushima zuwider: Dort nämlich wird am ehrgeizigen Ziel gearbeitet, den Strombedarf bis 2040 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu decken.

Ein Ziel, das neue Inspirationen benötigt, die sich Uchibori in den vergangenen Tagen in der Schweiz holte: Der Gouverneur besuchte mit einer Entourage aus Journalisten und Regierungsmitgliedern diverse energietechnische Wirkungsstätten. Neben dem Besuch im Migros-Verteilzentrum Neuendorf (Artikel rechts unten) besuchte die Delegation unter Begleitung von Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, weitere Kraftwerke.

Ebenso auf dem Programm standen das Kernkraftwerk Mühleberg sowie das Wasserkraftwerk Chancy-Pougny. Der Besuch in Solothurn war für die Delegation verbunden mit einem Dinner, das die Möglichkeit zum Kontakt mit Unternehmen und Projekten aus dem Cleantech-Bereich bot. Lanciert worden war der Solothurner Aufenthalt von Urs Bucher. Der Schweizer Botschafter in Tokio ist in Solothurn geboren und hat hier bis zum Studienabschluss gelebt.

«Wir wollen die erneuerbaren Energien fördern und erhielten einen Einblick in die Schweizer Energiepolitik», fasste Uchibori deshalb in einer Zwischenbilanz in Solothurn zusammen.

«Beeindruckt hat mich, wie spezifisch, konkret und pragmatisch die Schweiz Lösungen erarbeitet, beispielsweise bei der 2019 geplanten Stilllegung von Mühleberg.» Ebenso lobte er, dass selbst in Zeiten energiepolitischer Übergänge Pläne für die Versorgungssicherheit bestünden. «Unsere Ziele sind fast dieselben. Wichtig ist es, weiter in die gleiche Richtung zu gehen», befand er mit Blick auf die Energiestrategie 2050 des Bundes, die den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie vorsieht.

Gelebte Gastfreundschaft

Dass klare Prioritäten gesetzt werden, bewundert Uchibori nicht nur bei der Schweizer Energiepolitik, sondern auch vor Ort in Solothurn – was ihn anlässlich seines Besuchs zu einem Liebesbekenntnis an die Barockstadt ermutigte: «Es ist eine kleine Stadt, mit Geschichte, Tradition und Kultur, mit schönen Gassen und Häusern, die die Menschen erhalten wollen, weil sie stolz darauf sind.»

Auch dass man durch die Altstadtsperre den Individualverkehr ins Zentrum eindämmte, würdigte der Gouverneur. Und: «Bereits nach wenigen Stunden hier spüre ich die Gastfreundlichkeit – in den Gesichtern der Menschen und an den Gesprächen, die sich in den Gassen spontan ergaben.» Zudem bestand die Delegation darauf, während ihres Spaziergangs auch die 249 Treppenstufen zum Kathedralenturm zu meistern – um zu guter Letzt neben energiepolitischen auch andere Perspektiven nach Japan mitzunehmen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1